Das Video "Bombe in Oslo - Das ist zweifellos einer der schlimmsten Tage in der Geschichte Norwegens" von Christian Aglen verbreitete sich rasant im Netz. Die Amateuraufnahmen des Mannes dokumentieren die Trümmer des Bombenanschlags in Oslos. Passanten laufen verwirrt durch das Regierungsviertel, das übersät ist mit zerborstenen Fensterscheiben. Feueralarme klingeln im Hintergrund. Menschen reden entsetzt miteinander oder Schweigen sich einfach völlig fassungslos an.
Nicht einmal eine Stunde nach der Veröffentlichung war der Film bereits 60.000 Mal aufgerufen worden. Am Tag nach dem Attentat, dem Samstagnachmittag, zählte der 21 Sekunden lange Film mit seinen wackeligen Szenen gar weit mehr als 700.000 Klicks.
Moderne Handys beflügelt Augenzeugen
Weil heute Foto- und Fernsehkameras in allen Mobiltelefonen zum Standard zählen und viele Handys zudem mit dem Internet verbunden sind, dauert es meist nur ein paar Minuten, bis sich nach Unglücken erstes Material von Augenzeugen im weltweiten Netz verbreitet. Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, in denen sich inzwischen zusammengenommen weit mehr als eine Milliarde Menschen in Echtzeit darüber austauschen, was auf der Welt passiert, treiben diese Entwicklung voran.
So kursierten zuletzt Szenen aus den Widerstandsbewegungen in Nordafrika im Netz und landeten schließlich auch in den klassischen TV-Programmen. Fernsehsender aus aller Welt griffen am Freitag ebenfalls zunächst auf Fotos und Videos im Netz zurück, bis sich eigene Kamerateams in das Zentrum von Oslo durchgeschlagen hatten, das teilweise abgesperrt war.
Qualm über Oslo, Schwerverletzte und Ersthelfer
Auch Aglen verlinkte seine Aufnahme in seinen Profilen bei Facebook und Twitter. Bis zum Wochenende legte der Manager einer norwegischen Finanz-Webseite nach. Seine Fotos und Filmsequenzen dokumentierten Qualm über dem Regierungsviertel, Schwerverletzte und Ersthelfer. Am Samstag, dem Tag eins nach der Tragödie, hielt er aus der Ferne die Ermittlungsarbeiten der Osloer Polizei fest. Der Internetgemeinde kündigte er an: "Später mehr Fotos." Aglen gestattete zudem allen Medien, seine Aufnahmen zu nutzen.
Vor allem über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreiteten sich noch mehr Fotos, die die ersten Momente nach der Explosion festhielten. Auf dieser Plattform äußerten Nutzer aber auch ihr Entsetzen, ihre Wut oder aber, wie viel Glück sie am Freitag persönlich hatten - so wie der Twitter-Nutzer "Finansakrobat", der seinen echten Namen nicht preisgab. Wenige Minuten nach der Explosion notierte er: "Ich sollte bei der Explosion gewesen sein. Ich war nur spät dran. Ich sollte tot sein."
Wikipedia füllt sich bereits
Nicht einmal zwei Stunden nach der Explosion in Oslo listete am Freitag die Internet-Enzyklopädie Wikipedia bereits einen ersten Eintrag zu "2011 Oslo Explosion" auf. Internetnutzer begannen, den Eintrag in Englisch fortlaufend zu aktualisieren und neue Details zu notieren. Die Sammlung wuchs an einem Tag auf mehrere DIN-A4-Seiten an. Später setzte sich "2011 Norway Attacks" als Titel durch.
Ein weiterer Eintrag sammelte zudem erste bekannte und kursierende Details zu dem mutmaßlichen Attentäter Anders Behring Breivik. Auch die deutsche Version der Wikipedia führte bald Einträge zu dem Geschehen in Oslo, die jedoch zunächst deutlich knapper ausfielen.
Dass die Internetgemeinde so schnell versuchte, die Ereignisse in eine Faktensammlung zu gießen, löste jedoch prompt auch Widerstand aus. In für alle sichtbaren Diskussionen der Autoren beider Einträge warnten einige davor, die Seiten zu rasch fortzuschreiben. Zum Eintrag, der sich mit dem Attentat an sich befasste, hieß es: "Bitte hört mit diesen Gerüchten auf. Wikipedia ist nicht News." Und in der Diskussion über den Beitrag, der sich mit Anders Behring Breivik beschäftigte, riefen einige Nutzer dazu auf, den Eintrag zu löschen, "bis klare und vertrauenswürdige Informationen vorliegen". dapd/AZ