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Film-Kritik

17.11.2016

"Radio Heimat" im Kino: Über eine Jugend im Ruhrpott

Halbstarke Jungs aus’m Ruhrpott (von links): Pommes (Jan Bülow), Mücke (Maximilian Mundt), Spüli (Hauke Petersen) und Frank (David Hugo Schmitz).
Bild: Concorde

Im Film "Radio Heimat" wachsen vier Jungs dort auf, wo man im Fußballstadion für Dortmund oder Schalke jubelt. Und wo sie im Bergarbeiter-Chor ihren Schwarm anhimmeln können.

Heimat ist … auf einer Halde aus verseuchtem Dreck der Steinkohle-Ära zu stehen und dort zu sagen: „Watt ne geile Gegend“. Frank Goosen ist ein begnadeter, moderner Heimatdichter des Ruhrpotts, dessen Spannweite vom kabarettistischen Prix Pantheon (1997) mit dem Duo Tresenleser bis zu Beiträgen im Kicker und einem Sitz im Aufsichtsrat des VfL Bochum reicht. Bislang wurde von seinen Romanen und Erzählungen „Liegen lernen“ verfilmt. Jetzt kommt sein Buch „Radio Heimat. Geschichten von Zuhause“ aus dem Jahr 2010 als Komödie in die Kinos.

„Radio Heimat“ sendet kuriose Verhaltensweisen mit verstaubter Ruhrpott-Komik in den Rest der Republik. Gespickt mit Insider-Scherzen für Dortmund-, Bochum- und Schalke-Fans. Und weil auch der Ruhrpott längst Hollywood ist, folgt die Handlung den vier Freunden Frank (David Hugo Schmitz), Pommes (Jan Bülow), Spüli (Hauke Petersen) und Mücke (Maximilian Mundt). Sie wachsen im Ruhrgebiet auf und stecken mitten in der Pubertät. Regisseur Matthias Kutschmann drehte in die achtziger Jahre zurück. Die Clique kämpft sich durch Partykeller und Industriegelände, geht zur Tanzschule und auf Klassenfahrt. Die Jungs feilen an einem möglichst coolen Lebenslauf, um später mal mit einer Band erfolgreich zu sein. Klappt aber nicht so richtig. Stattdessen landen sie in einem Bergarbeiter-Chor. Dann ist da Carola (Milena Tscharntke) – tolle blonde Haare, die Schönste an der Schule. Frank ist in sie verschossen.

Kino-Kritik: "Radio Heimat" leidet unter häufigen Richtungswechseln

Wie die Tanzschul-Geschichten von Vater (1964) und Sohn (1983) leidet auch der Film unter häufigen Richtungswechseln ohne Rhythmusgefühl. Das Kapitel „Liebe ohne Raum“ über die schwierige Eheanbahnung vom „Vadder“ ist eine der wenigen ununterbrochen witzigen Geschichten.

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Bis beim großen Happy End auf der besoffenen Klassenfahrt alles drunter und drüber geht, sowohl inhaltlich als auch im Stil des Films. Es jault und knarzt bei dieser Radiosendung aus der Abstellkammer. Viel NRW-Prominenz, wie Elke Heidenreich als Tante vom Büdchen, Peter Lohmeyer und Hans-Werner Olm, sondert kernigen Ruhrpott-Slang von der Sorte „Wir sind Strukturwandel“ ab. Im Off kommentiert ein halbwegs komischer Erzähler die Episoden, die Dialoge sind weniger prickelnd.

Frank erzählt im Film mit Rückblicken, wie sich seine Eltern kennenlernten und wie das eben so war früher im Ruhrgebiet. Sein Opa zum Beispiel drückt das so aus: „Ach hör doch auf. Woanders ist auch scheiße.“ Die Komödie wirft einen ironisch-liebevollen Blick auf die Region – auch kitschig bis banal, doch voller Situationskomik. So heißt es zu Beginn: „Wir im Ruhrgebiet laden Auswärtige gern ein, zu uns zu kommen, um ihren Begriff von Schönheit zu erweitern.“

Lohnt sich "Radio Heimat"?

Für den Zeitgeist werden Urzeitkrebse getrunken, Yps-Hefte, Rubik´s Cube und eine gelbe Plastiktüten von Elpi mit einer LP drin ins Bild gehalten. Dabei wirkt das Ergebnis der eifrigen Requisite meist künstlich. Ein Ford Capri steht auf der Straße rum, ein verfallenes Stahlwerk („das wird mal ne Kulturhauptstadt“) ist Treffpunkt der Freunde, Falkos „Junge Römer“ und „Goldene Reiter“ plärren um die Wette.

Um es im knappen Stil der Protagonisten zu sagen: „Radio Heimat“? Kann man machen, muss man aber nich. Wer statt dieser bebilderten Scherzsammlung einen richtigen Film mit Kohlenstaub will, findet „Junges Licht“ jetzt ganz aktuell fürs Heimkino.

Wertung: 3 / 5

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