Düsseldorf Vorneweg: Lena hat Platz zehn gemacht beim Eurovision Song Contest am Samstag. Gewonnen hat ein Land, das viele bisher so gar nicht auf ihrer geistigen Landkarte hatten: Aserbaidschan. Mit der Romantik-Nummer „Running Scared“ erntete das Duo Ell und Nikki offenbar die Sympathien der Nachbarländer. So ein Ergebnis nennt man „überraschend“. Aber die ganze Geschichte von Anfang an.
Herzlich willkommen beim Eurovision Song Contest 2011! Was einmal ein Fußballstadion war, hat sich in eine Arena verwandelt. Denn der größte Musikzirkus der Welt machte an diesem Wochenende Halt in Düsseldorf.
Vor allem bunt und laut muss es sein, und immer wieder mal muss es ein bisschen rauchen und knallen. Mehr als 30 000 Menschen muss es von den Sitzen reißen in dieser Nacht, und mehr als 120 Millionen Fernsehzuschauer sollen sich bei Chips und Bier auf ihren sorgsam ausgewählten Wohnzimmersofas köstlich amüsieren.
Langeweile? Ist verboten. Verlierer? Gibt es nicht. Jeder hat hier jeden lieb. Und alle dürfen glücklich sein.
Schon bevor es losgeht, lachen und klatschen die Zuschauer im Stadion sich warm. Für die „größte Fernsehshow der Welt“, erklärt ein langhaariger junger Mann am Mikrofon, sei es vor allem wichtig, dass alle fröhlich sind. „Lächeln Sie, wenn Sie eine Kamera sehen“, mahnt er. Und, zur Übung, gibt’s einen Satz zum Aufwärmen: „Ich möchte morgen zum Frühstück Zwieback essen“, schallt seine Stimme euphorisch durch die Halle. Und das Gackern, Glucksen und Prusten aus Zehntausenden Kehlen schallt sofort und brav zurück. „Und gehen Sie nicht während der Auftritte zur Toilette.“
Dann, pünktlich um 21 Uhr, schalten die Fernsehsender in 55 Ländern live.
Die Filmkameras fliegen über den Köpfen. Riesige Kran-Arme und meterlange Seile lassen sie durch die Arena schweben. Sie erfassen den Zirkus in all seiner Pracht. Kunterbunt ist die Esprit-Arena an diesem Tag gefüllt. Sogar eine japanische Flagge weht mitten im Meer der Zuschauer. Junge Frauen in schwarz-rot-goldenen Kleidchen wippen ihre Hüften im Takt. Die hochtoupierten blonden Locken wippen mit. Mädchen, eingehüllt in das BlauWeiß-Rot der französischen Flagge, haben sich Buchstaben ins Gesicht gemalt: „LE“ auf die rechte, „NA“ auf die linke Wange.
„Stranger“, steht auf den T-Shirts, die sich eine Gruppe junger Männer eigens für das Finale des internationalen Musikwettbewerbs hat drucken lassen. Über die sauber zurückgekämmten Haare haben die Burschen sich die tolle Tolle der irischen Band Jedward in Papp-Version gestülpt.
Für die Farben von gleich drei verschiedenen Ländern haben Jan und seine Mutter Grethe aus dem Sauerland sich entschieden: Eine rot-weiße Blumenkette für Dänemark, wo die 79-Jährige geboren ist, eine Deutschlandfahne für ihre Wahlheimat und Titelverteidigerin Lena und eine grün-weiß-orange Blume für Irland – „Weil diese verrückten Zwillinge bestimmt gewinnen“, sagt der 36-jährige Jan.
Das Blau-Rot-Grün der aserbaidschanischen Flagge ist kaum zu sehen. „Schweden“, sagt die 30-jährige Nargis aus Baku. „Sweden“, sagen ihre drei Bekannten Jalala, Ali und Ilgar, die extra für den Eurovision Song Contest aus Aserbaidschan nach Deutschland gekommen sind. Das ist ihr Favorit des Abends, aber Lena und dem Duo Ell und Nikki drücken sie natürlich auch die Daumen.
200 Quadratmeter große LED-Wand hinter der Bühne
Was dann kommt, ist bekannt auf den Wohnzimmersofas in 55 Ländern der Welt. Das mehr oder weniger dreisprachige Moderatorenteam Stefan Raab, Anke Engelke und Judith Rakers, mal mit, mal ohne Textkärtchen in den Fingern. Eine Horde Lena-Doubles mit wedelnden Länderfahnen und dem ersten großen Feuerwerk des Abends bei der Präsentation des Vorjahres-Gewinner-Liedes „Satellite“. Noch viel mehr Feuerwerk, dessen Rauchschwaden den ganzen Abend lang als Silvester-Duft durch die Arena wabern. Ein rhythmisch pulsierendes Durcheinander an gleißenden Lichtblitzen und strahlenden Leuchtkegeln in allen Farben des Regenbogens. Eine 200 Quadratmeter große LED-Wand hinter der Bühne, die mit Zeichentrick-Wolken, Sternenregen oder Blumenwiese für noch mehr Farbe sorgt. Und 25 Musikgruppen, die schunkeln und springen, sich verbiegen und verdrehen, mal poppig und mal melancholisch, mal romantisch und mal krawallig, mal schrill und mal schaurig. Aber all das vor allem bunt und laut.
Und die Zuschauer lachen und klatschen, tanzen und jubeln, schunkeln und singen mit. Langeweile? Gibt es nicht. Verlierer? Sind verboten. Jeder klatscht für jeden. Und alle dürfen glücklich sein.
Erst als es ans Entscheiden geht, holt die fies-böse Wirklichkeit den fröhlich-bunten Wahnsinn wieder ein. Die Höchstpunktzahl? Von Zypern für Griechenland. Von Norwegen für Finnland. Von der Ukraine, Weißrussland und Litauen für Georgien. Von Holland für Dänemark. Von Armenien und Aserbaidschan für die Ukraine. Von Frankreich und Portugal für Spanien. Und von Russland und der Türkei für Aserbaidschan.
Und die kunterbunte Menge lächelt nicht mehr. Als die Moderatoren der einzelnen Länder die Ergebnisse verlesen, schallen Buh-Rufe und Pfiffe durch die Halle. Üben musste man das nicht.
Dass Lena „immerhin“ den zehnten Platz gemacht hat, stimmt viele trotzdem „zufrieden“. „Es war ein guter Auftritt“, sagt Thorsten, 42, aus Dortmund, „aber einfach grundsätzlich keine gute Idee, dass sie noch mal singt.“ „Mehr“, sagen Elena und Christoph, 17 und 19, aus Düsseldorf, „war für sie wirklich nicht mehr zu erwarten.“
Dass Aserbaidschan gewinnt, freut die meisten auch. „So ein kleines Land“, sagt die 17-jährige Anna aus Münster und stupst ihre Freundin Katarina am Arm. „So ein armes Land“, sagt Katarina, die 18 ist und auch aus Münster kommt.
„Wahnsinn“, sagt Nargis aus Aserbaidschan, die mittlerweile in Frankfurt am Main lebt, „ich freue mich so wahnsinnig. Vielleicht wird mein Heimatland jetzt ein bisschen bekannter.“ Dann muss sie los. Ihre Freunde warten, noch immer breit lächelnd vor Freude, in der Schlange vor der Becher-Pfand-Rückgabe. Die Arena leert sich. Der Zirkus ist vorbei.
Im kommenden Jahr wird Aserbaidschan, 86 600 Quadratkilometer groß und zwischen Russland, Georgien, Iran, Armenien und der Türkei gelegen, den Eurovision Song Contest ausrichten. Ob die Hauptstadt Baku zum Veranstaltungsort werden soll, steht noch nicht fest. Der Wettbewerb wird zu einem Großteil von der Europäischen Rundfunkunion EBU finanziert. Aserbaidschan, das mit seinen 9,1 Millionen Bewohnern und einem Bruttoinlandsprodukt von rund 6000 US-Dollar pro Kopf zu den ärmeren Ländern der westlichen Welt gehört, wird sich aber finanziell beteiligen müssen.