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Schweiz
03.03.2020

Steinschlag und Abrutsch: In Brienz lauert die Gefahr von oben und unten

Der Berg über Brienz wird zunehmend zur Gefahr für den Ort.
Foto: Kurt Winkler, CSD Ingenieure, dpa

Brienz in Graubünden ist hochgefährdet. Der 100-Einwohner-Ort gleitet immer schneller ins Tal. Zudem droht der Berg oberhalb des Dorfes zu brechen.

Das Dorf Brienz bietet auf den ersten Blick eine Schweizer Bilderbuchkulisse, zu allen Jahreszeiten: Die Wege sind sauber, die Gärten präsentieren sich akkurat gepflegt und die Häuser wirken robust. Die Pfarrkirche St. Calixtus mit ihrem steil in den Himmel strebenden Turm verleiht dem Örtchen eine trutzige, eine erhabene Note. Das Gotteshaus wurde im September des Jahres 1519 eingeweiht. Knapp 100 Menschen leben hier auf 1150 Meter Höhe. Feriengäste zieht es auch immer wieder nach Brienz.

Brienz in Graubünden: 22 Millionen Kubikmeter Fels drohen das Dorf zu begraben

Doch die Idylle im Kanton Graubünden trügt: Die oberen Teile des Berges oberhalb Brienz brechen langsam weg. Das Dorf könnte von Geröllmassen begraben werden. „Im schlimmsten Fall würden 22 Millionen Kubikmeter Fels und Bewuchs am Stück abrutschen“, warnt der Geologe Stefan Schneider. Das entspricht einem Volumen von 22.000 Einfamilienhäusern. Die geologischen Untersuchungen ergaben, dass die Geröllmassen immer mehr Fahrt aufnehmen. „Jetzt wird es langsam unangenehm“, sagt Schneider.

Brienz: Steinschläge in der Größe eines VW-Busses

Die zuständige Gemeinde Albula/Alvra registrierte seit Mitte Februar bei Brienz 40 bis 60 Steinschläge pro Tag, die Kantonsstraße zwischen Davos und Lenzerheide wurde gesperrt. Vorher waren es täglich nur eine Handvoll Steinschläge gewesen. Zwar sind die herunterfallenden Brocken bislang nicht bis Brienz gerollt, doch einige haben es durchaus in sich. „Sie waren schon so groß wie ein VW-Bus“, sagt der Pressesprecher von Albula, Christian Gartmann.

Die Menschen in der Region richten ihre sorgenvollen Blicke vor allem auf 500.000 Kubikmeter Fels und Geröll unterhalb der sogenannten Hauptabrisskante des Berges. „Diese ,Insel‘ dürfte in Teilen abstürzen“, warnt die Gemeinde in ihrer monatlichen Mitteilung. Schon 1877, so berichten Chroniken, begann nordöstlich des Dorfes eine Felsmasse von 13 Millionen Kubikmetern talwärts zu rutschen. Da das aber „relativ langsam und über mehrere Wochen erfolgte, kamen keine Menschen zu Schaden“, heißt es.

Brienz rutscht pro Jahr mehr als einen Meter ab

Doch nicht nur der Bergsturz droht. Brienz, das sich rühmt, auf einer „Sonnenterrasse“ zu liegen, gleitet selbst talwärts. Und zwar immer schneller. „In den vergangenen 100 Jahren bewegte sich Brienz wenige Zentimeter pro Jahr“, erklärt Gemeindevertreter Gartmann. „In den letzten 20 Jahren hat sich die Rutschung aber stark beschleunigt.“ Jetzt ergaben die Messungen: Das Dorf gleitet pro Jahr um 1,20 Meter ins Tal. Deshalb liegt Brienz seit 2017 in der höchsten, der roten Gefahrenzone, des Kantons.

Hartes Gestein, weicher Schiefer und Wasser lassen Brienz abrutschen

Im Kern lässt sich das Phänomen so erklären: In der Region ruht hartes Gestein auf dem weichen „Flysch-Schiefer“. Zudem befindet sich im Erdinneren viel Wasser. Das ergibt zusammen eine Gleitfläche: Das Dorf rutscht so immer weiter ab. In etwa die gleiche Konstellation ermittelten die Geologen auf dem Berg. Eine harte, spröde Kuppe liegt auf dem weichen Schiefer. Die obere Schicht gleitet ebenso immer weiter weg. „Wir wissen aber nicht, warum die Rutschungen sich nun so beschleunigen“, betont Geologe Schneider.

Der Klimawandel spielt seiner Meinung nach keine Rolle. „Mit großer Wahrscheinlichkeit läuft das alles unabhängig von der Erderwärmung ab.“ Schneider betont, es müsse versucht werden, so viel Wasser wie möglich aus dem Gestein zu holen. Nur, wie das genau geschehen soll, bleibt unklar.

Brienz in Graubünden: Risse, klemmende Türen und Totalschäden sind die Folgen

Die Folgen sind überall in Brienz zu sehen: Inzwischen ziehen sich Risse durch Häuser und Ställe, Türen und Fenster klemmen, einzelne Gebäude mussten bereits als Totalschaden abgeschrieben werden. Neubauten sind seit 2017 verboten.

Und wie reagieren die Einwohner? „Mein Eindruck ist, dass sich die Bevölkerung sehr ruhig und besonnen verhält“, erklärt Bruno Casutt, amtierender Stabschef des Führungsstabes der Gemeinde. Und Gartmann ergänzt: „In Brienz herrschen weder Angst und Schrecken, noch Hektik.“

Evakuierungspläne in Brienz: Innerhalb von Minuten müssen die Bewohner das Wichtigste packen

Die Brienzer wissen aber schon lange, dass sie möglicherweise irgendwann ihre geliebte Heimat verlassen müssen. Für immer. Die Gemeinde verschickte Pläne für eine eventuelle Evakuierung. „Ereignisse, die unseren Alltag auf den Kopf stellen oder unsere Sicherheit gefährden können, sind auch bei uns möglich – auch wenn wir uns hier sicher fühlen“, heißt es darin. Dann folgen minutiöse Instruktionen für die Bürger. „Falls genügend Zeit vorhanden ist, packen Sie ein, was Sie selber mitführen können, persönliche Unterlagen, Fotoalben, Computer, Laptop und Speichermedien.“ Die Behörden beabsichtigen, alle Menschen geordnet aus der Brienzer Gefahrenzone herauszuholen. Innerhalb von sechs Stunden. Im Notfall ginge es aber auch viel schneller, heißt es. Wann es aber soweit sein könnte, ist bisher völlig unklar.

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