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Leben im Alter

02.03.2018

Sehen Sie das Alter doch mal positiv!

Wie gelingt es am besten, das Alter zu genießen und Ängste zu überwinden?
Bild: Christian Charisius, dpa (Symbolbild)

Angst vor dem Alter? Altersforscher Frieder Lang erklärt im Interview, wie es gelingen kann, diese Ängste zu überwinden und die richtige Einstellung zu finden.

Herr Prof. Lang, Sie sind Altersforscher, ab welchem Alter ist man Seniorin oder Senior?

Prof. Frieder Lang: Das ist keine leicht zu beantwortende Frage. Weil es sehr auf die jeweilige Perspektive ankommt. Viele Menschen sagen ja, man ist so alt, wie man sich fühlt. Damit meinen die meisten aber nur das Gefühl des Gesundseins. Also, wenn es mir gut geht, fühle ich mich jung. In der Wissenschaft oder Medizin macht man das Alter aber vor allem daran fest, wie selbstständig jemand seinen Alltag meistern kann. Im Fußball zählt man schon ab 32 zur Seniorenklasse.

Woher kommt es, dass die einen sich schon mit 60, 65 alt fühlen, die anderen mit 80 noch mitten im Leben stehen?

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Lang: Das hängt häufig davon ab, welche Fähigkeiten jeder Einzelne für sich als wichtig erachtet. Wer beispielsweise sein Leben lang stolz auf sein hervorragendes Gedächtnis war, wird es als Verlust erleben, wenn ihm nicht mehr alle Namen oder Daten sofort einfallen. Andere hingegen sehen das ganz gelassen. Die Ansprüche an sich selbst sind unterschiedlich.

Sie als Altersforscher plädieren wahrscheinlich für mehr Gelassenheit oder?

Lang: Ja. Denn, die Frage ist doch: Muss ein Mensch mit 80 oder 90 wirklich noch so funktionieren wie mit 40 oder 50? Wir als Altersforscher plädieren dafür, dass jede Lebensphase ihre eigenen Rechte und Möglichkeiten hat. Man sollte nicht die späte Lebensphase an Standards des jungen Erwachsenenalters bewerten, wo es viel um Leistung und Erfolg geht. Wenn wir dagegen das Leben mit 75 an der Situation von Hundertjährigen messen, bewerten wir vielleicht einiges hoffnungsvoller und auch realistischer.

Alles also eine Frage der Perspektive?

Lang: Es kommt auf die Deutung an, denn in jeder Lebensphase gibt es Positives und Negatives. Wir entscheiden dabei selbst, was wir betonen. Man kann sich fragen: Was macht mein Leben lebenswert? Vielen ist beispielsweise ihre Unabhängigkeit im Alter wichtig und sie erleben es als belastend, wenn sie hilfsbedürftig werden könnten. Dabei sind wir doch bei genauer Betrachtung in jeder Lebensphase auf die Hilfe oder die Unterstützung durch andere Menschen angewiesen.

Dennoch gibt es die Menschen, die das Alter sehr früh als sehr beschwerlich erleben - beispielsweise aufgrund einer schweren Krankheit...

Lang: Natürlich bringt das Alter meist auch Verluste oder Einbußen mit sich. Es darf kein Problem sein, wenn man sich mit 70 mal nicht mehr wie 50 fühlt. Im Gegenteil.

Genau diesen Druck spüren sicher viele ältere Menschen in unserer Gesellschaft, die das fitte Altwerden so in den Vordergrund stellt?

Lang: Es wäre gut, wenn wir eine neue Kultur des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Alter entwickeln. Wir sollten beispielsweise dem Alter mehr Wertschätzung entgegenbringen. Das Alter birgt eine enorme Vielfalt an Chancen und Risiken. Keiner ist wie der andere. Es wäre gut, mehr Rücksicht auf die besondere Situation der einzelnen Menschen zu nehmen.

Es liegt nicht immer in der Macht des Einzelnen, wie er altert...

Lang: Nein, sicher nicht. Wir unterscheiden zwischen dem Alternsstil und dem persönlichen Altersschicksal, das von vielen Faktoren abhängt. Dabei können wir unser Altersschicksal annehmen und lernen, damit gut umzugehen. Es ist möglich, seine Lebensqualität im Alter positiv zu gestalten, aber natürlich umso mehr, je früher man beginnt.

Wie früh sollte man denn beginnen?

Lang: Am besten sofort. Im Grunde altern wir über das ganze Leben hinweg: Während wir Neues lernen, verlernen wir meist auch etwas anderes. Unser Handeln und wie wir Denken hat ein Leben lang Einfluss auf unsere Gesundheit. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass wir mit unseren Ressourcen sorgfältig umgehen und sie auch schützen sollten, und zwar in jedem Lebensalter.

Rentiert es sich wirklich noch, im Alter mit einem gesünderen Lebensstil zu beginnen?

Lang: Selbstverständlich. Ein Leitsatz der Gerontologie lautet: Es ist nie zu spät, mit einem gesünderen Lebensstil zu beginnen. Es gibt keine Lebensphase, in der man nicht die Gewinne spürt, wenn man sich ausgewogener ernährt oder sich häufiger gesund bewegt. Auch die positiven Effekte, die soziale Beziehungen mit sich bringen, spürt man sofort. Wer älter ist, spürt das unmittelbar.

Viele Menschen schieben ihre Pläne in den Ruhestand. Dann soll die große Freiheit folgen. Eine gute Strategie?

Lang: Das ist eine von vielen Strategien. Viele erleben den Ruhestand zunächst wirklich als große Freiheit, als eine Phase, in der sie mit der ihnen verbliebenen Zeit endlich das machen können, was ihnen wichtig ist. Aber ich kenne auch Menschen, die einen so erfüllenden Beruf haben, dass sie gerne weiter arbeiten wollen und es oft auch noch tun.

Und dann macht ihnen das Rentenalter einen Strich durch die Rechnung.

Lang: Beim einen so, beim anderen anders. Es gibt Menschen, die zählen die Tage, bis endlich die Rente beginnt. Hier würde man sich mehr Engagement von den Arbeitgebern wünschen. Man weiß, dass Menschen, die viel Wertschätzung bei der Arbeit erfahren, mit ihrem Beruf zufriedener sind. Unsere Ruhestandsregelung soll vor allem diejenigen schützen, die in Berufen tätig sind, die sie körperlich oder mental stark beanspruchen. Dann ist der Ruhestand eine gute Lösung. Aber viele würden in ihrem Beruf weitermachen, wenn sie dabei ihre Zeit selbst einteilen dürften.

Wie wichtig ist eine sinnstiftende Tätigkeit fürs Alter?

Lang: Sehr wichtig. Es ist nachgewiesen, dass Menschen dann am gesündesten alt werden und am längsten leben, wenn sie solchen Tätigkeiten nachgehen, die sie sinnhaft erleben können und die nicht allzu viele Belastungen mit sich bringen. Das könnte viel mehr gefördert werden.

Aber es ist oft sicher schwierig, etwas passendes Neues zu finden, nach dem Ruhestand...

Lang: In den ersten fünf bis zehn Jahren des Ruhestands engagieren sich viele Menschen entweder ganz neu oder verstärkt in ehrenamtlichen Tätigkeiten. Aber irgendwann nimmt das dann deutlich ab. Mein Eindruck ist, dass in vielen Vereinen und Organisationen die hochbetagten Menschen um die 80 Jahre oder älter noch besser eingebunden werden könnten. Heute gilt: Die Älteren dürfen zwar mitmachen, aber sie dürfen dabei nicht "alt" wirken. Wir müssen integrativer denken und handeln.

Das heißt, wir diskriminieren oft ältere Menschen?

Lang: Sehr oft passiert das ganz unwillkürlich. Die Alternsforschung muss hier neue Konzepte entwickeln, um auch Hochbetagten über 80 Jahren eine positiv erfahrbare, soziale Teilhabe zu ermöglichen. Dabei geht es auch wieder um die Deutungsmuster, die man verwendet: Wie sehen wir das Alter? Manches, was zunächst schlecht erscheint, ist auf den zweiten Blick oft gar nicht so schlecht. Wir können lernen, unser Altern positiver zu deuten. Sogar die belastende Situation der Pflegebedürftigkeit birgt da viele Chancen.

Ist es heute schwieriger, weil die Digitalisierung im Mittelpunkt unseres Wirtschaftens, unserer Gesellschaft steht und den Älteren oft nicht zugetraut wird, stets Neues zu lernen?

Lang: Die Digitalisierung meint heute vor allem Beschleunigung im Alltagsleben. Und in vielen Bereichen ist das vielleicht gut. Das erleben viele Menschen als positiv. Weil vieles schneller funktioniert - und wenn es nur der Zug von München nach Berlin ist. Was aber auch viele Menschen merken, dass mit der Beschleunigung auch vieles verloren geht, zum Beispiel die Geduld oder die Fähigkeit, innezuhalten und nachzudenken. Genau solche Fähigkeiten bringen die Älteren oft mit.

Dennoch bleibt die Frage: Wie lernfähig bin ich im Alter noch?

Lang: Jeder kann bis ins hohe Alter noch Neues lernen, vielleicht geht es manchmal langsamer. Neues zu lernen, gelingt vor allem dann, wenn es aus eigenem Antrieb erlernt wird und der Nutzen erkannt wird. Das ist vor allem bei älteren Menschen so, während Jüngere sogar Sinnloses lernen können.

Das Alter ist aber auch mit vielen Ängsten verbunden.

Lang: Ja, leider. Aber den Schattenseiten, die das Alter mit sich bringt, kann man die Chancen entgegenhalten, die viele, auch unerwünschte Veränderungen mit sich bringen. Selbst wenn ein Partner oder ein guter Freund stirbt, erfahren Menschen manchmal, dass sie ihren Schmerz mit anderen teilen können. Auch aus so einer Lage kann ich gestärkt hervorgehen. Das Alter bietet so viele Möglichkeiten. Ich muss sie nur ergreifen.

Eine große Angst ist es, an Demenz zu erkranken.

Lang: Mein Eindruck ist, dass von der Angst vor der Demenz eine größere Gefahr ausgeht als von der Demenz. Angst vor Demenz ist eine Geißel: Oft wird die Bedrohlichkeit der Demenz übermäßig dramatisiert. Dabei ist gut belegt, dass bei optimaler pflegerischer Versorgung auch demente Menschen recht gut leben können. Auch die Verbreitung der Demenz wird gerne überschätzt. Viele Menschen mit Demenz sind schon über 80 oder 90 Jahre alt. So alt muss man also erst mal werden. Wenn Sie ältere Menschen aber nach ihrer größten Angst fragen, steht die Demenz an oberster Stelle. Und das hat manchmal fatale Folgen.

Welche denn?

Lang: Leider häufen sich Fälle, in denen sich Menschen umbringen, weil sie erste Anzeichen eines kognitiven Abbaus an sich erleben und vielleicht sogar irrtümlich glauben, an einer Demenz erkrankt zu sein. Man sollte vermitteln, dass auch ein Leben mit Demenz ein lebenswertes und schönes Leben sein kann. Das Bedauerliche in unserer Gesellschaft ist, dass wir zwar viel Geld für die medikamentöse Behandlung der Demenz ausgeben, während in die Forschung zur Verbesserung der nicht-medikamentösen und pflegerischen Versorgung von hochbetagten und chronisch kranken Menschen, gerade in den Familien, oft nur wenig investiert wird.  

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