Nach einem über 30 Stunden langen Nervenkrieg haben am Donnerstag Polizisten der französischen Eliteeinheit Raid die Wohnung des mutmaßlichen Serienkillers Mohamed Merah gestürmt. Nach einem minutenlangen Feuergefecht starb der 23-Jährige durch einen Kopfschuss. Nun werden weitere Einzelheiten bekannt. Nach Angaben von Innenminister Claude Guéant drang die Spezialeinheit am Donnerstagvormittag durch Fenster und Türen in das Haus ein, in dem sich Merah seit dem frühen Mittwochmorgen verschanzt hatte. Zuvor sei die Wohnung mit Video-Robotern ausgekundschaftet worden. Der Attentäter sei aus dem Badezimmer gestürmt und habe mit mehreren Waffen das Feuer auf die Beamten eröffnet.
Mohamed Merah hatte offenbar geplant, mit der Waffe in der Hand zu sterben. "Wenn ich sterbe, gehe ich ins Paradies - wenn ihr sterbt, Pech für euch!", soll er Polizisten gesagt haben. Der Mann war zum Widerstand entschlossen. Er hatte der Polizei mehrmals angekündigt, sich zu stellen, schließlich aber den Kontakt abgebrochen.
Filme der Taten im Internet aufgetaucht
Serienkiller hinterlässt blutige Spur in Südfrankreich
11. März: Ein Unbekannter auf einem Motorroller tötet in Toulouse einen Soldaten mit einem Kopfschuss. Das 30 Jahre alte Opfer mit nordafrikanischen Wurzeln saß nach Medienberichten in Zivilkleidung auf seinem privaten Motorrad. Der Täter soll mit ihm per E-Mail einen Treffpunkt vereinbart haben, angeblich um das Motorrad zu kaufen.
15. März: Im südwestfranzösischen Ort Montauban werden zwei Soldaten vor einem Geldautomaten erschossen. Ein dritter wird schwer verletzt. Zwei haben Wurzeln in Nordafrika, der dritte stammt aus der Karibik. Die Soldaten waren unbewaffnet. Überwachungskameras zeigen einen schwarz gekleideten Motorroller-Fahrer, der einen Helm mit getöntem Visier trägt.
19. März: Vor einer jüdischen Schule in Toulouse werden ein 30-jähriger Lehrer und Rabbiner, dessen zwei Söhne sowie ein Mädchen erschossen. Augenzeugen berichten, der Täter habe mit einer Minikamera gefilmt und sei auf einem Motorroller geflohen. Die Regierung ruft die höchste Terror-Alarmstufe für die Region aus
20. März: In einer Schweigeminute wird an allen französischen Schulen der Opfer gedacht. Die französische Justiz stuft die Anschläge als Terrorakte ein. Am Abend werden die Leichen der drei Schüler und des Lehrers nach Israel geflogen.
21. März: In Toulouse stellt die Polizei einen 24-jährigen Verdächtigen, der sich in einem Mehrfamilienhaus verschanzt und um sich schießt. Er sei der Täter, sagt Innenminister Claude Guéant.
In Jerusalem werden die getöteten Kinder und ihr Lehrer beerdigt. Auf einem Militärstützpunkt in Montauban war am Nachmittag eine Trauerfeier für die drei ermordeten Soldaten geplant, an der auch Präsident Nicolas Sarkozy teilnehmen wollte.
In einem Wagen seien Maschinenpistolen und Revolver des 23-Jährigen gefunden worden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Seine Taten habe Mohamed Merah gefilmt und beim tödlichen Kopfschuss auf sein erstes Opfer, einem Soldaten, erklärt: "Du tötest meine Brüder, und ich töte Dich." Einige der Filme seien bereits im Internet aufgetaucht, die Taten darauf seien erschreckend deutlich zu erkennen.
Im Internet bekannte sich am Donnerstag eine Gruppe mit dem Namen "Soldaten des Kalifats" dazu, für die tödlichen Angriffe des 23-Jährigen verantwortlich zu sein. Mit den "Taten des Gesegneten" seien unter anderem die "Verbrechen Israels" im Gazastreifen gerächt worden, hieß es. Der Wahrheitsgehalt ließ sich zunächst nicht überprüfen.
Mohamed Merah bezeichnete sich als Gotteskrieger
Merah hatte sich selbst als Mudschahedin (Gotteskrieger) bezeichnet und in Gesprächen mit der Polizei behauptet, dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahezustehen. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden gab es zunächst aber keine Hinweise, dass er tatsächlich einer bekannten islamistischen Gruppe angehörte. Merah stand unter Beobachtung der Geheimdienste, nachdem er in Afghanistan und Pakistan war.
Ende vergangenen Jahres war der gebürtige Algerier wegen einer Hepatitis aus Afghanistan zurückgekehrt und vom Geheimdienst nach dem Grund seines Aufenthalts befragt worden. Nun steht die Frage im Raum, warum er nicht besser überwacht wurde. "Ich verstehe, dass man sich die Frage nach einem Versagen stellen kann", sagte Außenminister Alain Juppé im Rundfunksender Europe 1. Da müsse es in der Tat Klarheit geben. Auch der US-Geheimdienst hatte den 23-Jährigen nach Medienberichten zumindest zwischenzeitlich im Visier. Merah habe für einige Zeit auf dersogenannten No-fly-Liste mit Terrorverdächtigen gestanden, die in den USA kein Flugzeug besteigen dürfen, sagte ein Geheimdienstvertreter dem Sender CNN. Grund sei die Ausbildung des Franzosen in einem Al-Kaida-Camp gewesen.
Kritik am französischen Geheimdienst
Nach der Attentatsserie von Toulouse hat der französische Inlandsgeheimdienst DCRI die Kritik an seinem Vorgehen zurückgewiesen. Geheimdienstchef Bernard Squarcini sagte am Freitag im Gespräch mit der Zeitung "Le Monde", dass sich auch seine Organisation die Frage stelle: "Haben wir etwas verpasst?" Es sei aber "unmöglich" gewesen, Mohamed Merah bereits vor dem Attentat auf die jüdische Schule am Montag als Täter zu identifizieren.
Der algerischstämmige Franzose hatte insgesamt sieben Menschen erschossen, darunter drei Kinder und einen Religionslehrer vor einer jüdischen Schule am Montag. Zuvor hatte er bei zwei Angriffen drei französische Fallschirmjäger getötet. Am Donnerstag erschossen Scharfschützen den 23-Jährigen nach 32-stündiger Belagerung seiner Wohnung in Toulouse. afp/dpa/AZ