Größer könnte der Kontrast kaum sein. Heute ist das Ereignis allgegenwärtig. An Supermarktkassen Spielkarten mit Star-Wars-Inventar, im Buchhandel Bild- und Erklärbände bis hin zu Star-Wars-Origami; Vorschauen in Fernsehen, Kino und Internet, Mutmaßungen über die Inhalte des neuen Films in Online-Foren; 500 Star-Wars-Soldaten auf der Chinesischen Mauer, Disney-World in den USA umgebaut zur Star-Wars-Welt; das neue Computerspiel und natürlich Lego, wo seit zehn Jahren Star-Wars-Artikel vertrieben und mittlerweile mehr als ein Fünftel des Geldes damit gemacht wird … Erwarteter Gesamtumsatz: elfstellig, zehn Milliarden plus. „Das Erwachen der Macht“ heißt die siebte Episode der Weltraum-Saga, die an diesem Donnerstag in die Kinos kommt. Tatsächlich erweist sich deren Macht längst aus allen Kanälen dröhnend.
1977 begann alles mit Star Wars
Und damals als alles begann? Am 25. Mai 1977 kam der erste Film der Saga in die Kinos. Mit 32 Kopien. Minimalkontingent für einen vom Branchenriesen Fox vertriebenen Film. Zwar hatte der damals 33 Jahre alte Erfinder der Geschichten, George Lucas, nach einem Fehlstart mit dem ambitionierten Film „THX 138“ gerade mit „American Graffiti“ einen Erfolg gelandet. In Zeiten, in denen Kollegen wie Martin Scorsese mit „Taxi Driver“ und „Planet der Affen“ ein düsteres und mahnendes „New Hollywood“ auf die Leinwand brachten, lehnte Lucas das Angebot von Francis Ford Coppola ab, die Regie für „Apocalypse Now“ zu übernehmen – und wollte stattdessen was?
„Weltraumwestern“ nannte man das Projekt bei Fox. Und genehmigte 150000 Dollar für die Produktion. Der wohlhabende Lucas pokerte hoch, finanzierte viel selbst, verzichtete auf ein Honorar und handelte dafür 40 Prozent der Nettoeinnahmen des Films und die gesamten Vermarktungsrechte aus. Von was? George Lucas sagte: „Als ich Graffiti machte, wurde mir klar, wie erfrischend es sein kann, einen positiven Film zu machen … Dieser ist für die Zehn- bis Zwölfjährigen … Ich erkannte, dass den Kids von heute ein Fantasieleben fehlt, wie wir es hatten – sie haben keine Western, sie haben keine Piratenfilme … keine Abenteuer, wie Errol Flynn und John Wayne sie den Leuten aus meiner Generation vorgeführt haben. Disney hatte den Kindermarkt aufgegeben, und nichts war an Disneys Stelle getreten. Star Wars war der bewusste Versuch, eine neue Mythologie zu schaffen. Ich wollte einen Film für die Kids machen, der ihnen … so etwas wie eine elementare Moral vor Augen führen sollte. Inzwischen sagt nämlich niemand mehr zu den Kids: He, dies ist richtig, und das ist falsch.“
Lucas verkaufte Rechte an Star Wars
30 Jahre später, nach dem sechsten Film, hat Lucas seine Rechte an Star Wars für über vier Milliarden Dollar an den Disney-Konzern verkauft – und damit nicht zu teuer. Auf bis zu 20 Milliarden wird der Wert der Marke in der Branche beziffert. Aber obwohl Lucas einen Großteil des Erlöses gespendet hat, wird er mit einem Privatvermögen von gut fünf Milliarden von Forbes unter den 400 reichsten Menschen der Welt geführt. Aufgrund von moralisch lehrreichen Fantasiefilmen für Zehn- bis Zwölfjährige?
Die bisherigen Star Wars-Filme
Den Anfang machte "Star Wars: Episode IV - Eine neue Hoffnung" (Originaltitel: "A New Hope") im Jahr 1977.
1980 folgte "Star Wars: Episode V - Das Imperium schlägt zurück" (im Original: "The Empire Strikes Back").
1983 kam "Star Wars: Episode VI - Die Rückkehr der Jedi-Ritter" (im Original: "The Return of the Jedi") in die Kinos.
1999 folgte "Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung" (Originaltitel: "The Phantom Menace").
2002 wurde "Star Wars: Episode II - Angriff der Klonkrieger" (Originaltitel: "Attack of the Clones").
2005 kam der vorerst letzte Film "Star Wars: Episode III - Die Rache der Sith" (im Original: "Revenge of the Sith") in die Kinos.
Außerhalb der Reihe erschien ein computeranimierter 3D-Film. "Star Wars: The Clone Wars" war im Jahr 2008 in den Kinos zu sehen.
2015 kam "Star Wars: Das Erwachen der Macht" in die Kinos.
„Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie …“ So hat es begonnen, vor 38 Jahren – und gleich signalisiert, dass das Folgende mit der Erde nichts zu tun haben würde. Zurücklehnen also. „Und der Vorspann, also diese Lauftitel – das sieht so aus, als hätte jemand mit einem Pinsel auf eine Auffahrt geschmiert. Und er dauert eine halbe Ewigkeit. Was soll der Quatsch?“, so kritisierte Regie-Kollege Brian de Palma damals das heute längst Kult Gewordene. Und: „Was für ein Film soll das sein? Du hast kein bisschen ans Publikum gedacht. Die Leute werden dasitzen und sich ratlos am Kopf kratzen. Das ergibt doch alles keinen Sinn.“ De Palma irrte. In allen Belangen.
Lucas hatte „Der Heros in tausend Gestalten“ von US-Wissenschaftler Joseph Campbell gelesen. Ein Werk über den Aufbau von Mythen und einen „Monomythos“, eine gemeinsame Grundstruktur: die Heldenreise – vom Aufbruch ins Ungewisse über die Initiation in einen größeren Zusammenhang bis zur Rückkehr nach erfüllter Bestimmung. Eine Struktur, die auch „Herr der Ringe“ zugrunde liegt und „Matrix“. Lucas hat sich genau daran gehalten. In den ersten drei bis 1983 gedrehten Teilen wird Luke Skywalker zum Messias im Kampf gegen das Böse, ein Imperium, verkörpert durch die schwarze Menschmaschine Darth Vader.
Wegweisend und verlässlich war die äußere Überwältigung durch Spezialeffekte. Im Inhalt vermengten sind reichlich: die Gemeinschaft der Jedi, in die Luke eintritt, ist eine Art buddhistische Kung-Fu-Sekte, die keine Leidenschaft kennt, für das Gute steht und nach dem demokratischen Ideal des antiken Athen über richtig und falsch befindet. Besondere Kräfte verleiht ihnen ihr Zugang zur „Macht“, einer alles Leben durchdringenden Energie, die eine helle und eine dunkle Seite kennt. Der reinste Taoismus. Die Jedi stehen in ihrer Selbstlosigkeit für die helle, Vader mit seinem Meister, dem Imperator, in der Gier für die dunkle Seite. Hier metaphysische Weltraum-Indianer, dort das hochtechnische Imperium samt Todesstern. Eine Melange, die George Lucas wohl in der zu jener Zeit akuten New-Age-Bewegung in seiner Heimat Kalifornien entwickelt hat.
Im Raumschiff mit Han Solo
Der Rest ist tatsächlich ein Jugendabenteuer. Außerirdische wie Ewoks und Wookies , auch Droiden wie R2D2 und C-3PO sind wie einst bei Disney nur verwandelte Menschen. Im Raumschiff mit Freund Han Solo, im „Millennium Falken“, geht es eh zu wie im Jugendzimmer. So dominieren über weite Teile Laserschwertgefechte und Weltraumjagden, mächtige Maschinenarmeen und tollpatschige Roboter, keusche Liebesgeschichten und Zauberindianer. Aber im Herzen schwelt ein mythisches Dilemma: Der böse Darth Vader nämlich ist der Vater von Messias Luke; im Finale der Trilogie aber tötet der Böse lieber seinen dämonischen Meister als den Sohn und wird daraufhin, seiner Maske entledigt, von Luke mit allen Jedi-Ehren bestattet. Happy End?
Bezeichnend jedenfalls, dass von der Besetzung höchstens Alec Guinness bekannt war und dass allein der Darsteller des Han Solo danach zum Star wurde (Harrison Ford, ohnehin ein Lucas-Held, später in „Indiana Jones“). Denn Star ist die Geschichte und sind die Filmfiguren, die der Regisseur dann auch umfassend vermarktete und auf diesem Weg Millionen Kinder erreichte, die für seine Filme noch zu jung gewesen waren. Der Mythos für Milliarden war geboren, Lucas ließ ihn atmen, bevor er nach 16 Jahren Pause die zweite Trilogie begann, wiederum im Dreijahresabstand liefernd. Denn jenes Ende hatte für die exponentiell gewachsene Fangemeinde eine schwerwiegende Frage offengelassen hatte. Warum war Lukes Vater zur bösen Seite der Macht gewechselt? Darum lieferte Lucas bis 2005 nun dessen Vorgeschichte, die Geschichte des Anakin Skywalker.
Star Wars 7 - ein Mythos in Gefahr?
Damit weitete Lucas das Heldenabenteuer, mit dem er die Jugend gewonnen hatte, die er fortan durch anhaltende Effektflut bei der Stange hielt, zur Wertereflexion. Er mischte zu New Age auch Politik: Die Tyrannei des Imperiums entstand aus einem Putsch im galaktischen Senat wie dereinst im alten Rom. Wo also sind die Schwachstellen der Demokratie? Und er behandelte die Frage der Moral: Anakin entschließt sich, seine Macht zu missbrauchen aus Liebe zu seiner Mutter sowie zu seiner Frau und durch die Wut und die Angst, die daraus entstehen. Muss der Mensch gerade aufgrund seiner Menschlichkeit an den Idealen des Guten nicht zwangsläufig scheitern? So ist aus der anfänglichen, dreiteiligen Messias-Geschichte von Luke Skywalker die sechsteilige bei weitem interessantere Lebensgeschichte des Darth Vader geworden. Eine Geschichte von mythischer Kraft.
Vader aber steht – der Grund für Lucas’ Rückzug? – Disney in Episode sieben nicht zur Verfügung. „Das Erwachen der Macht“ muss also eine neue Gestalt dieser Kraft erwecken. Drei Teile sind wiederum angesetzt. Nun im Zweijahresrhythmus. Und im Pausenjahr soll es zudem jeweils ein Spin-off geben, einen Film zum Leben einzelner Figuren. Das Milliarden-Geschäft scheint gesichert, darum vielleicht umso mehr: der Mythos in Gefahr.
Die Rezeptverwertung aber ist längst umfassend. All die zeitgenössischen Fantasien von „Tribute von Panem“ über „Twilight“ bis „Die Bestimmung“ bauen exakt auf mythisch unterfütterte Jugendabenteurer. Bloß weniger erfrischend.