Startseite
Icon Pfeil nach unten
Panorama
Icon Pfeil nach unten

US-Soldaten erschossen: Prozess um islamistischen Anschlag in Frankfurt beginnt

US-Soldaten erschossen

Prozess um islamistischen Anschlag in Frankfurt beginnt

  • |
  • |
  • |
    Ermittler stehen vor dem Terminal 2 des Flughafen Frankfurt am Militärbus.
    Ermittler stehen vor dem Terminal 2 des Flughafen Frankfurt am Militärbus. Foto: dpa

    Seine Spuren hatte Arid U. nicht nur am Tatort hinterlassen. Auch im Internet stießen die Ermittler kurz nach den tödlichen Schüssen auf den 21-Jährigen. Als „Abu Reyyan“ soll er per Facebook den islamistischen Gotteskrieger gegeben haben, bevor er am Frankfurter Flughafen zuschlug.

    Ausgerüstet mit einer belgischen Pistole vom Typ „Fabrique National“ und einer großen Menge Munition, wartete der junge, in Frankfurt aufgewachsene Kosovo-Albaner am Terminal 2 auf seine Opfer, eine Gruppe von US-Militärpolizisten, die nach Ramstein gebracht werden sollten. Er tötete zwei US-Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Als er auf einen fünften Soldaten zielte, blockierte seine Pistole. Kurz darauf wurde er festgenommen.

    Der geständige Attentäter muss sich nun wegen zweifachen Mordes und dreifachen Mordversuchs vor dem Staatsschutzsenat verantworten. Der im Kosovo geborene Mann aus Frankfurt ist nach Einschätzung der Ermittler ein Einzeltäter. Er soll durch islamistische Propaganda im Internet zu der Tat angestachelt worden sein.

    Er wollte US-Soldaten töten

    Schon in den ersten Vernehmungen gab der junge Mann zu: Er wollte US-Soldaten töten. Wegen des islamistischen terroristischen Hintergrunds hatte auch die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen zum blutigen Anschlag an Deutschlands größtem Flughafen an sich gezogen. Viele Fragen sind auch nach dem Geständnis des 21-Jährigen noch offen: War Arid U. ein Einzeltäter oder Teil einer Gruppe? Die Polizei hat bislang keine Hinweise auf eine Terrorzelle, vermutet in ihm eher einen Einzeltäter. Sicher scheint, dass sich der junge Mann innerhalb von nur vier bis fünf Wochen selbst radikalisierte. So änderte er auf seiner Internetseite seinen Kampfnamen, der tiefe Religiosität signalisieren soll. Eine zentrale Rolle in der Entwicklung spielt wohl ein marokkanischer Hassprediger, der schon aus mehreren Frankfurter Moscheen wegen seiner radikalen Thesen herausgeflogen war. Mit diesem Sheik Abdellatif war Arid U. per Netzwerk genauso „befreundet“ wie mit dem einschlägig bekannten Pierre Vogel, einem deutschen Konvertiten, der vor allem Jugendlichen den Heiligen Krieg predigt. Ob der Attentäter den Behörden früher hätte auffallen müssen, bleibt die Frage. Der hessische Verfassungsschutzpräsident Roland Desch sagte, der Täter sei möglicherweise ein Beleg dafür, wie sich auch einzelne Menschen so schnell radikalisieren könnten, dass sie dann einen Anschlag verüben. „Das ist ein Attentat, das aus dem Nichts kommt“, sagte damals Hessens Innenminister Rhein.

    Arid U. kannte sich am Flughafen Frankfurt aus  

    Die schwersten Terroranschläge seit dem 11. September 2001

    11. September 2001: New York Al-Quaida-Terroristen entführen vier Passagiermaschinen. Zwei davon kollidieren mit dem World Trade Center in Manhattan. Als seine beiden Türme in sich zusammenstürzen, sterben unzählige Zivilisten. Insgesamt kommen rund 3000 Menschen ums Leben. Mit den Anschlägen vom 11. September ist eine neue Dimension des Terrors erreicht.

    11. April 2002: Djerba Auf der tunesischen Urlaubsinsel sprengen Terroristen des Al-Quaida-Netzwerks vor einer Synagoge einen Lastwagen in die Luft. Unter den zahlreichen Opfern befinden sich 22 Touristen. 14 davon stammen aus Deutschland.

    12. Oktober 2002: Bali Wieder greifen islamistische Terroristen gezielt Touristen an. 202 Personen finden den Tod, als ein Selbstmordattentäter in "Paddy's Bar" eine Bombe zündet und auf der Straße eine tonnenschwere Autobombe explodiert.

    23. Oktober 2002: Moskau Fast 50 Terroristen bringen ein Theater mit rund 850 Gästen und Veranstaltern in ihre Gewalt. Sie verlangen den Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien. Die Befreiungsaktion kostet 129 Gefangene das Leben. Die meisten sterben am Gas, das das Einsatzkommando verwendet.

    12. Mai 2003: Riad Mehrere Bombenanschläge auf die Wohnhäuser westlicher Ausländer töten 35 Menschen. Die Attentate in der saudi-arabische Hauptstadt werden als Reaktion auf den Einmarsch amerikanischer Kampftruppen in den Irak gedeutet. Wahrscheinlich sind Al-Quaida Terroristen für die Angriff-Serie verantwortlich.

    16. Mai 2003: Casablanca In der marokkanischen Großstadt sterben mehr als 40 Personen, als sich an verschiedenen Orten Selbstmordattentäter in die Luft jagen. Ziel der Anschläge waren ausländische und jüdische Einrichtungen.

    19. August 2003: Bagdad Vor der Zentrale der UN explodiert eine Bombe in einem LKW. Das Gebäude wird vollständig zerstört und 22 Menschen kommen ums Leben. Auch der UN-Sondergesandte Sergio Vieira de Mello befindet sich unter den Toten.

    12. Mai und 8. November 2003: Riad In der Hauptstadt Saudi-Arabiens ereignen sich mehrere islamistische Terroranschläge auf die Quartiere von Ausländern. Die Angriffe fordern 43 Opfer.

    15. und 20. November 2003: Istanbul Erst haben Terroristen zwei Synagogen angegriffen und einige Tage später wurden zwei britische Einrichtungen Opfer islamistischer Anschläge. Die Übergriffe, zu denen sich die Al-Quaida-Gruppe "Brigaden des Märtyrers Abu Hafs el Masri" bekannte, forderten insgesamt 57 Tote.

    6. Februar 2004: Moskau Selbstmordattentäter verüben einen Anschlag die U-Bahn der russischen Hauptstadt. Die Tat geht vermutlich auf das Konto tschetschenischer Terroristen. Es sterben 41 Zivilisten.

    11. März 2004: Madrid Der Nahverkehr in Madrid wurde Schauplatz eines verheerenden Terroranschlages. Frühmorgens detonierten insgesamt zehn Bomben in vier dichtbesetzten Vorortzügen. 191 Fahrgäste kamen ums Leben, zahlreiche wurden schwer verletzt. Verdächtigt wurde zunächst das baskische Terrornetzwerk ETA. Die Seperatisten wiesen die Anschuldigungen zurück.

    1. September 2004: Beslan Rund 30 tschetschenische Terroristen um den berüchtigten Warlord Schamil Bassajew stürmten eine Schule in Nordossetien und setzten 1128 Kinder, Lehrer und Eltern fest. Sie fordern den Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien. Am dritten Tag der Geiselnahme kommt es zu einer Explosion. Panik bricht aus. Unter den 394 Toten sind auch 186 Kinder.

    7. Juli 2005: London Über 50 Menschen starben bei einer Anschlagsserie auf den Londoner Nahverkehr. Drei der vier Attentäter hatten pakistanische Wurzeln.

    27. Dezember 2007: Rawalpindi Als die ehemalige pakistanische Premierministerin Benazir Bhutto aus dem Exil zurückkehrt, kommt sie bei einem Selbstmordattentat ums Leben. Ihre Anhänger vermuten, dass es sich dabei um einen gezielten Mord handelte.

    26. November 2008: Mumbai In der indischen Megastadt ereignet sich eine mehrtägige islamistische Terrorserie. Es werden vor allem Touristen angegriffen. Bis zum 29. November sind den Anschlägen etwa 195 Menschen zum Opfer gefallen.

    29. März 2010: Moskau Erneut werden Anschläge auf die Moskauer Metro verübt. Zwei Selbstmordattentäterinnen aus Dagestan sprengen sich in die Luft. Es sterben 40 Fahrgäste.

    24. Januar 2011: Moskau Wieder ist Moskau das Ziel einer terroristischen Offensive. 35 Personen verlieren ihr Leben, als auf dem Flughafen "Domodedowo" ein Attentäter den Sprengsatz zündet, den er am Körper trägt.

    22. Juli 2011: Oslo und Utøya Der rechtsextreme Anders Behring Breivik zündete eine Autobombe im Regierungsviertel der Hauptstadt. Anschließend schoss er auf der Insel Utøya auf die Teilnehmer eines Jugendcamps der sozialdemokratischen Arbeiderpartei. Insgesamt starben durch seine Hand 77 unschuldige Menschen.

    Als Mitarbeiter des internationalen Postzentrums kannte sich Arid U. am Flughafen gut aus und hat womöglich die Routinetransporte der US-Luftwaffe zur Ramstein-Basis schon zuvor beobachtet. Der Tatort liegt im ungeschützten öffentlichen Bereich, in dem sich jedermann bewegen kann – eigentlich eine Bushaltestelle. Nur eine Ladehemmung der Pistole und das schnelle Zugreifen von Bundespolizisten im Terminal 2 des größten deutschen Flughafens hatten damals ein möglicherweise noch schlimmeres Blutbad verhindert. Im Kosovo geboren, lebte der 21-Jährige bislang im Frankfurter Stadtteil Sossenheim. Seine Familie stammt aus einem Dorf am Stadtrand von Mitrovica im Norden Kosovos. Für die Polizeibehörden – in Deutschland und auch im Kosovo – war Arid U. ein unbeschriebenes Blatt. „Nachdem uns die deutschen Behörden den Namen des Verdächtigen genannt hatten, haben wir ihn überprüft, aber er steht nicht in unserem Anti-Terror-Register“, zitierten Medien in Pristina einen Polizeisprecher.

    Mit einem Urteil rechnet das Oberlandesgericht Frankfurt für Beginn des kommenden Jahres.  AZ

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden