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Paris

17.04.2019

Wie der Brand von Notre-Dame Frankreich mitten ins Herz trifft

Die Pariser Kathedrale Notre-Dame steht in Flammen. Foto: Michael Euler
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Die Pariser Kathedrale Notre-Dame steht in Flammen.
Bild: Michael Euler, dpa

„Notre drame“, unser Drama, titelt eine Zeitung nach dem verheerenden Brand der Kathedrale. Viele Menschen in Paris sind geschockt - und haben nun Großes vor.

Wie aus einem Albtraum wachen die Menschen in Paris am Dienstagmorgen auf – wenn sie überhaupt geschlafen und nicht die Nacht aus Sorge durchgemacht haben. Ein Albtraum, der unvorstellbar war und doch Realität geworden ist. Notre-Dame in Flammen, ausgerechnet Notre-Dame, eines der prachtvollsten Wahrzeichen von Paris, das so selbstverständlich zum Stadtbild gehört wie der Eiffelturm oder die Basilika Sacré-Cœur auf dem Montmartre-Hügel.

An diesem Morgen sind zumindest die Flammen gelöscht. Spezialisten untersuchen mithilfe von Lasertechnik, wie groß der Schaden ist, den die Struktur des Baus erlitten hat. Wo bisher der 96 Meter hohe Spitzturm stolz in die Luft ragte, bleibt nur noch ein Gerippe mit Gerüst. Wenigstens die beiden Zwillingstürme haben standgehalten, die tonnenschweren Glocken sind nicht abgestürzt, die Grundsubstanz scheint ebenfalls gerettet.

„Fluctuat nec mergitur“ – sie wankt, aber sie fällt nicht: Das Stadtmotto von Paris in lateinischer Sprache, das erstmals im 16. Jahrhundert auf Geldmarken auftauchte, scheint auch auf die Kathedrale zuzutreffen. Es prangt auch auf den Helmen der Feuerwehrmänner. Mehr als 400 von ihnen haben die ganze Nacht für die Rettung des Sakralbaus gekämpft.

„Notre Drame“ – unser Drama, titelt eine Zeitung, „Notre-Dame des Larmes“ – Notre-Dame der Tränen eine andere. Le Monde zitiert den Feuerwehrmann Yaya aus dem Vorort Clamart, der erzählt, wie schwierig die Löschaktion gewesen sei. Und zugleich sagt: „Wenn ich kann, schaue ich mir gerne Sehenswürdigkeiten in Paris an, aber ich war nie in Notre-Dame. Bei solchen Monumenten denkt man, sie werden ohnehin immer da sein.“ Und jetzt? Sobald die Kathedrale wieder aufgebaut sei, sagt Yaya, werde er sie besichtigen. Ganz bestimmt sogar. Wenngleich er sehr, sehr lange darauf warten muss.

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So berichtet die internationale Presse heute über Notre-Dame

Wie ein Feuerwehr-Experte aus München die Lage beurteilt

Um die Brandursache festzustellen, hat die Justiz eine Untersuchung eingeleitet. „Nichts weist auf einen mutwilligen Akt hin“, sagt Staatsanwalt Rémy Heitz. Im Juli 2018 hatte eine umfangreiche Restauration des Spitzturms und des Dachs begonnen, allein die jetzige Bauphase sollte rund 150 Millionen Euro kosten. Das 500 Tonnen schwere Gerüst dafür war fast fertiggestellt. In den Medien wird nun spekuliert, ob bei Schweißarbeiten an der Metallstruktur ein Schwelbrand entstanden sein könnte. Kathedralen wie Notre-Dame seien sehr alt und ihre Dachstühle aus Holz, sagt Oberbrandmeister Tobias Reuther von der Münchner Feuerwehr. „Darin lagern sich Spinnweben und Staub ab – wenn ein Feuer ausbricht, brennt so ein Dachstuhl deshalb wie ein Docht oder eine Fackel.“

Das Drama beginnt mit einem Fehlalarm. Da ist es 18.20 Uhr. Eine Überprüfung habe zunächst keinen Hinweis auf ein Feuer ergeben, sagt Staatsanwalt Heitz. Dann, um 18.43 Uhr – die etwa 40 Arbeiter von fünf Baufirmen sind seit fast zwei Stunden weg – ein zweiter Alarm. Diesmal ist es ernst. Schrecklich ernst. Die Flammen fressen sich schon durch den Dachstuhl.

Da die Feuerwehr das Feuer löschen und zugleich so weit wie möglich das Bauwerk vor den Wassermassen schützen muss, geht sie im Innern der Kathedrale ebenso wie von außen mit großer Vorsicht heran. Erst Menschenleben retten, sofern nötig, dann die Kunstschätze und schließlich das Gebäude beziehungsweise die Umwelt – so die vorgegebene Hierarchie der Prioritäten. Als der Spitzturm einstürzt, müssen die Einsatzkräfte jedoch aus Sicherheitsgründen zurückgezogen werden; stattdessen kommt ein Roboter zum Einsatz. Später ist von drei Leichtverletzten die Rede, zwei Polizisten und ein Feuerwehrmann.

Feuerwehr-Kommandant Jean-Claude Gallet erklärt, dass im Fall eines Brandes in einer Kulturstätte ein „Plan zur Rettung der Kunstwerke“ greift. Bedeutet in diesem Fall: Während ein Teil der Kräfte mit dem Löschen beschäftigt ist, sichern andere Feuerwehrleute sowie Fachpersonal der Kathedrale Kunstwerke und bringen diese zunächst ins Rathaus. Einige sollen vorerst im Louvre unterkommen.

Brand Notre-Dame
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Feuer zerstört Teile der Pariser Kathedrale Notre-Dame
Bild: Patrick Anidjar

Experte Serge Delhaye erklärt, dass die französische Feuerwehr im Gegensatz beispielsweise zur amerikanischen versucht, in erster Linie von innen zu löschen statt von außen, was gefährlicher für die Männer sei, aber effizienter für die Kulturgüter: „Wenn man sich aufs Äußere konzentriert, riskiert man, dass die Flammen und Gase ins Innere zurückgetrieben werden, wo sie Zerstörungen anrichten können.“ Diese Strategie wird immer dann angewendet, wenn das Risiko eines kompletten Einsturzes des Gebäudes nicht allzu hoch erscheint. Deshalb haben manche Beobachter an diesem Abend von Weitem das Gefühl, dass die Flammen immer dramatischer um sich greifen, während die Feuerwehr auf sich warten lässt.

Und dann kommt auch noch ein Ratschlag von Donald Trump 

Schnell kommt aus dem fernen Washington der Ratschlag, warum man nicht einfach Löschflugzeuge eingesetzt und den Brand von oben bekämpft habe. Absender: US-Präsident Donald Trump. Unwirksam, ja sogar kontraproduktiv, entgegnen Fachleute, und auch die französische Behörde für zivile Sicherheit weist darauf hin, dass ein solches Vorgehen „bei dieser Art Bauwerk den Einsturz der gesamten Struktur nach sich ziehen“ würde.

Der Direktor von Notre-Dame sieht keine Sicherheitsmängel beim Brandschutz. So hätten Brandaufseher dreimal täglich den Dachstuhl geprüft, sagte Patrick Chauvet dem Sender France Inter. „Ich denke, dass man nicht mehr machen kann.“

Noch in der Nacht sagt Bürgermeisterin Anne Hidalgo, man habe viele historische Schätze retten können, die zu den bedeutendsten Reliquien der katholischen Kirche gehören, wie die Dornenkrone, die Jesus Christus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll, und die Tunika von König Ludwig XIV. Unklar ist zu diesem Zeitpunkt noch, ob die weltberühmten Rosettenfenster und die Orgeln beschädigt wurden, die erst 2012 zum 850-jährigen Jubiläum restauriert worden waren.

Klar ist dafür, dass das riesige Balkenwerk aus Eiche mit einer Länge von 110 Metern, einer Breite von 13 Metern und einer Höhe von zehn Metern, dessen Elemente teils aus dem achten Jahrhundert stammen, völlig zerstört ist. Das gesamte Ausmaß der Schäden steht wohl erst in einigen Wochen fest. „Die Hauptstruktur ist gerettet, aber die Lage bleibt instabil“, sagt Kulturminister Franck Riester. Die Vierung, wo das Haupt- und das Querschiff der Kirche zusammentreffen, sei teilweise eingestürzt, ebenso das nördliche Querschiff. Die Architekten vor Ort seien sehr besorgt, da das verkohlte Holz auf der Wölbung mit Wasser vollgesogen und sehr schwer sei, so Riester: „All das ist sehr fragil, und sobald ein Teil zusammenbricht, droht dieses den gesamten Bau zu zerstören.“

 

Selbst wenn es so weit nicht kommen sollte – der Wiederaufbau des Gebäudes wird Experten zufolge Jahrzehnte dauern und Milliarden Euro verschlingen. Noch in der Nacht laufen die ersten Spendenaktionen an. Innerhalb weniger Stunden kommen bereits zig Millionen zusammen. Der Milliardär François-Henri Pinault, Chef des Luxus-Modekonzerns Kering, verspricht 100 Millionen Euro. Daraufhin verkündet sein ewiger Rivale Bernard Arnault, Chef des Luxuskonzerns LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy), 200 Millionen Euro. Und auch die Milliardärsfamilie Bettencourt-Meyers und der Kosmetikriese L’Oreal wollen zusammen 200 Millionen Euro spenden.

Die zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert errichtete Kathedrale, die Victor Hugo in seinem Jahrhundertroman „Der Glöckner von Notre-Dame“ verewigt hat, gehört zum nationalen Kulturgut Frankreichs. Etwa 13 Millionen Menschen besuchen sie im Jahr. Nach dem Ende des 100-jährigen Krieges 1430 wurde hier der neunjährige Henri VI, König von England, zum französischen König gesalbt. Napoleon setzte sich 1804 in dem Sakralbau in Anwesenheit von Papst Pius VII. selbst die Kaiserkrone aufs Haupt. Nach der Befreiung der Stadt 1944 von den deutschen Besatzern ließen die Orgeln von Notre-Dame tagsüber unter anderem die Marseillaise erklingen, und nach dem Tod der Präsidenten Charles de Gaulle, Georges Pompidou und François Mitterrand fanden hier nationale Trauerfeiern statt.

Ein Organist aus der Region hat ganz besondere Erinnerungen an Notre-Dame

Eine ganz besondere Beziehung zu Notre-Dame hat der Organist Axel Flierl aus Marktoberdorf im Ostallgäu. Im Juni 2009 spielte er dort auf der Hauptorgel ein einstündiges Konzert vor rund 3500 Besuchern. Flierl hatte unter anderem in Paris studiert. Dann empfahlen seine früheren französischen Professoren den Verantwortlichen von Notre-Dame, den deutschen Organisten einzuladen. Es wurde zu einem der bewegendsten Momente seines Lebens. „Für mich war das ein tiefes, prägendes Ereignis“, erzählt Flierl.

Umso fassungsloser ist der Musiker, als er am Montagabend die ersten Nachrichten aus Paris hört. „Ich habe die Berichterstattung dann im Fernsehen verfolgt. Ich saß da mit Tränen im Herzen.“ Für die Musik- und Kunstgeschichte sei die Kathedrale von zentraler Bedeutung, sagt Flierl, der im Jahr 2006 als Hauptorganist und Dirigent an die päpstliche Basilika St. Peter in Dillingen an der Donau berufen wurde.

Die Hauptorgel Notre-Dames von Aristide Cavaillé Coll gehört zu den größten und bekanntesten Orgeln der Welt. Einige Bestandteile stammen aus dem 18. Jahrhundert. Am Dienstagmorgen bangt Axel Flierl erst noch um den Erhalt der Orgel. Gegen Mittag gibt es dann vorsichtige Entwarnung: Zwar wurde das Instrument beschädigt, aber sie sei insgesamt noch intakt, sagt der stellvertretende Bürgermeister Emmanuel Gregoire im Sender BFMTV.

In Anspielung an die bewegte Geschichte der Kathedrale verspricht Präsident Emmanuel Macron noch in der Nacht, sie gemeinsam wieder aufzubauen. Er lädt „Talente aus aller Welt“ ein, sich daran zu beteiligen. Das sei „zweifellos Teil des französischen Schicksals“.

Eigentlich soll Macron an diesem Montagabend um 20 Uhr in einer zuvor aufgezeichneten Fernsehansprache verkünden, welche Schlüsse die Regierung aus den landesweiten Bürgerdebatten ziehen will, um die durch die Protestbewegung der „Gelbwesten“ entstandene soziale Krise einzudämmen. Ihre Ausstrahlung wird erst einmal verschoben.

Wie so oft in Krisenmomenten rückt Frankreich zusammen. Auch der Präsident, geschwächt von den harten Konflikten im Land, ruft seine Landsleute zum Zusammenhalt auf. Beim Amtsantritt des damals 39-Jährigen vor zwei Jahren hatte Senatspräsident Gérard Larcher, ein Urgestein der französischen Politik, gesagt, angesichts von Macrons Alter klinge das zwar eigenartig – „aber Sie sind jetzt der Vater der Nation“.

Gerade ist er es tatsächlich. Zumindest für einen Tag und eine Nacht, in der ein Albtraum Wirklichkeit geworden ist. (mit anf)

Alles zum Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris hier zum Nachlesen im Live-Blog

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