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Interview mit BAP-Sänger

11.01.2016

Worüber sich Wolfgang Niedecken aufregt

Wolfgang Niedecken im Interview in Köln.
Bild: Marius Becker, dpa

Das neue BAP-Album klingt musikalisch gelassen. In seinen Texten aber ist Wolfgang Niedecken wieder sehr politisch. Und wenn es um Flucht und Terror geht, ist es aus mit der Ruhe.

In zehn Jahren sind Sie 75, so alt wie Ihr Idol Bob Dylan heute. Schielen Sie schon auf das goldene BAP-Jubiläum?

Niedecken: Schauen wir mal. Bei Dylan war ich gerade noch im Konzert, im Berliner Tempodrom. Der Meister hat den ganzen Abend schön aus dem Repertoire von Frank Sinatra gesungen. Der macht wirklich nur noch, worauf er Lust hat.

Im Lied „Alles relativ“ singen Sie jetzt: „Jetz jeht’e op die Sibbzich zo, su langsam weet’e alt. ‚Et Alter ess nur relativ!‘ singk’e em dunkle Wald.“ Auf hochdeutsch: „Jetzt geht er auf die 70 zu, langsam wird er alt. ‚Das Alter ist nur relativ!‘ singt er im dunklen Wald.“ Entsprechen diese lakonischen Zeilen Ihrem Wesen?

Worüber sich Wolfgang Niedecken aufregt

Niedecken: Ja. Das ist typisch Kölsch. Dieses „Wat willste maache“. Es ist eben so, wie es ist. Ich bin natürlich entspannt. Ich habe viel erlebt. Es wäre ja auch noch schöner, wenn ich nicht langsam mal gelassen würde.

Das Album selbst klingt ja auch wunderbar unstressig. Man kann sich hineinlegen wie in ein weiches Federbett. Ist „Lebenslänglich“ das Werk eines Mannes, der mit sich im Reinen ist?

Niedecken: Das würde ich unterschreiben. Wobei es alles andere als stressfrei anfing. Komischerweise hatte ich mir im September 2014 tatsächlich eingebildet, ich hätte eine Schreibblockade. Das war fast schon eine Obsession und total ungewöhnlich für mich.

Und dann?

Niedecken: Schrieb ich an meinem vorletzten Tag in der Türkei den Großteil des Textes zu „Vollkasko-Desperado“, die letzte Strophe machte ich im Flugzeug zurück nach Köln fertig. Danach ging es sehr schnell. Die Musiker lieferten jede Menge Ideen und Demos an, und so schrieben wir in vier Monaten 14 Songs – ohne Brechstange.

Der BAP-Sänger Niedecken regt sich am meisten über Ignoranten auf

Treffen Sie häufig auf Zeitgenossen wie jenen „Vollkasko-Desperado“, die Ihnen vorhalten, früher viel besser und politischer, heute hingegen viel zu kommerziell zu sein?

Niedecken: Wie Bob Dylan schon sagte: „It is all in the Songs“. Die Meckerer und Nörgler sollen sich einfach mal anhören, was ich in den vergangenen 25 Jahren geschrieben habe und nicht alles mit diesem „Früher war alles besser“ abtun. Eigentlich geht es in dem Song aber um etwas anderes.

Um was genau?

Niedecken: Das Selfie ist das neue Autogramm. Die meisten Leute wollen einfach nur noch ihre Trophäe. Das ist total schade, denn ich mag es sehr gerne, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Da ergeben sich oft schöne Geschichten. Nur: Wenn du ein Selfie machen willst, musst du die Klappe halten, sonst verwackelt es. Aber: Wat willste maache? (lacht) Der Kamm schwillt mir bei ganz anderen Dingen.

Worüber regt sich Wolfgang Niedecken am meisten auf?

Niedecken: Über Ignoranten. Über Menschen, die mit anmaßendem Anspruchsdenken an mich herantreten. In der Politik hasse ich besonders, wenn man mich für blöd verkaufen will. Wenn ich das Gefühl habe, da beleidigt ein Politiker meine Intelligenz.

In „Absurdistan“ zählen Sie Dinge auf, die Sie in Rage bringen: Hungersnöte, Inflation, Gotteskrieger, Korruption, Erderwärmung.

Niedecken: Wir haben uns lange weggeduckt. Wir haben einfach weitergezappt, die Zustände woanders auf der Welt ignoriert. Jetzt können wir nicht mehr zappen, denn die Zustände sind nach Zentraleuropa gekommen.

Was meinen Sie? Den Terror? Die Flüchtlinge?

Niedecken: Alles zusammen. Der Krieg in Syrien interessiert uns überhaupt doch erst, seitdem die Flüchtlinge kommen. Und die Leute des IS-Regimes wissen genau, was sie machen. Sie haben uns den Terror quasi gleichzeitig zur Flüchtlingswelle geschickt. Jetzt müssen wir uns der Sache stellen. Mit all den unbequemen Wahrheiten.

Die da sind?

Niedecken: Wir müssen vor allem mal ehrlich klären, ob wir weiterhin mit Saudi-Arabien und Katar so verfahren wie bisher. Katar ist nicht nur ein Skandal, was die Fußball-WM und die Behandlung der dortigen Arbeiter betrifft, Katar ist insgesamt ein Skandal. Reiche Menschen in Katar und in Saudi-Arabien finanzieren seit langem den IS. Da muss der Geldhahn zugedreht werden, aber das machen wir nicht, weil wir deren Öl brauchen. Überhaupt sind die Interessenverwicklungen im Nahen Osten unfassbar. Und ich bin nun wirklich kein Verschwörungstheoretiker.

Wolfgang Niedecken: Wenn ich sehe, wer in da Polen an der Macht ist, halte ich die Luft an

Finden Sie es richtig, dass der Westen dort bombardiert?

Niedecken: Jetzt mal alles schön plattbomben, das wird nicht funktionieren. Das wird Kollateralschäden ohne Ende geben. So geht es nicht. Auch die Unterstützung durch die Peschmerga ist nicht gerade unproblematisch. Die bilden Kindersoldaten aus.

Wie stehen Sie zu den Flüchtlingen?

Niedecken: Es gibt gute Gründe dafür, dass es keine Obergrenze gibt. Die Väter des Grundgesetzes haben aus den Erfahrungen des Holocausts gelernt. Hätten die Juden damals die Möglichkeit gehabt, überall hinzufliehen und aufgenommen zu werden, wären nicht so viele in Auschwitz gelandet.

Wird Rechtsradikalität in Europa ein noch größeres Problem?

Niedecken: Ja. Wenn ich zum Beispiel sehe, wer da in Polen jetzt an der Macht ist, so halte ich wirklich die Luft an. Was soll von Europa bleiben, wenn überall diese Rechtspopulisten regieren? Wenn ich sehe, wie die osteuropäischen Länder Europa nur als Zugewinn-, nicht aber als Solidargemeinschaft sehen, dann stehe ich wirklich auf dem Tisch.

„Vision von Europa“ heißt ein anderes neues Lied. Sie erwähnen „Menschenwürde, Glück, Respekt“. Kommen wir da noch mal hin?

Niedecken: Es sieht nicht gut aus.

Sie singen auch „Dä Herrjott meint et joot met mir“. Glauben Sie an Gott?

Niedecken: Ich bin so was wie restkatholisch. Ich glaube, dass es ein genetisches Gedächtnis gibt. Ich habe mal eine Reportage gesehen über Damwild an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, denen ein Chip eingepflanzt wurde. Man stellte fest, dass die Ostzonen-Hirsche auch Generationen später nicht in den Westen gingen, und umgekehrt. Und so erkläre ich mir, dass ich katholische Grundhaltungen aus der Familie so verinnerlicht habe, dass ich da nicht gegen ankomme.

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