Prüfend blätterte der Einwanderungsbeamte am Washingtoner Dulles Airport durch meinen Pass. Es war im Februar 2017. Kurz zuvor hatte der US-Präsident gewechselt. „Na, wollen Sie immer noch gehen?“, hatte mich mein Chefredakteur nach dem überraschenden Wahlsieg von Donald Trump scherzhaft gefragt. „Jetzt erst recht!“, hatte ich damals geantwortet.
Doch jetzt kamen mir kurz Zweifel. „Was ist Ihr Beruf?“, fragte der Grenzer streng. Möglichst beiläufig antwortete ich: „Journalist“. Ich sah mich schon im nächsten Flieger zurück nach Deutschland. Stattdessen schmunzelte der Afroamerikaner: „Journalist? Da haben Sie eine Menge zu tun.“
„Wahrscheinlich habe ich mehr von den USA gesehen als die meisten Amerikaner“
Er sollte Recht behalten. Mit der Einreise begann ein großes Abenteuer, ein neunjähriges Rodeo voller Unvorhersehbarkeiten, eine Erkundungstour durch mehr als 40 Bundesstaaten samt unzähliger Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, Geschlechter, Überzeugungen und Berufe. Selbst eine echte Miss America war darunter.
Oft habe ich das amerikanische „Heartland“ und die Grenzen nach Mexiko und Kanada besucht, war bei Staatsbesuchen im Oval Office und fand mich am 6. Januar 2021 plötzlich inmitten einer Gruppe johlender Randalierer wieder, die durch ein eingeschlagenes Fenster aus dem gestürmten Kapitol herauskletterten. Jenseits von Washington erlebte ich Donald Trump im holzgetäfelten Saal eines New Yorker Gerichts und seinen Vize Mike Pence in schwarzer Lederkluft auf einer Motorradrallye in Iowa. Ich traf Joe Biden auf dem Fahrrad am Strand von Delaware und Kamala Harris' Ehemann Doug Emhoff bei einer Spendengala im Garten einer noblen Villa in Arizona.
Wahrscheinlich habe ich mehr von den USA gesehen als die meisten Amerikaner. Emotional ist mir das Land längst zur zweiten Heimat geworden. Trotzdem verlasse ich es mit sehr gemischten Gefühlen – und mehr Fragen als Antworten. Vieles hat sich verändert. Anderes, das wohl schon lange schwelte, bricht sich nun Bahn: der befremdliche Exzeptionalismus, der Rassismus, der religiöse Wahn, die Herrschaft des Geldes und die abstoßende Bigotterie bei selbstproklamierten Werten. „Wir kämpfen um die Seele unseres Landes“, rief Joe Biden im Wahlkampf 2020 seinen Zuhörern zu: „Wir sind besser als das!“ Er klang ein bisschen wie sein fiktiver Kollege Jed Bartlet in der idealistischen TV-Serie „The West Wing“. Die Zuhörer jubelten. Vier Jahre später stimmte die Mehrheit für eine doppelte Dosis „America first“.
Reporter werden von Präsident Trump inzwischen systematisch eingeschüchtert
Ich bin nicht sicher, wie meine Einreise heute verlaufen würde. Reporter werden vom Präsidenten inzwischen systematisch eingeschüchtert und an den Pranger gestellt. Neue Journalistenvisa sollen laut Plänen des Heimatschutzministeriums nur noch für acht Monate statt der bisherigen fünf Jahre gelten – eine eingehende Gesinnungsprüfung inklusive. Mehr als 8000 Studentenvisa wurden schon eingezogen. Ein früherer EU-Kommissar und zwei deutsche Aktivistinnen gegen Hass im Netz sind neuerdings ausgesperrt.
Im Frühjahr 2017 schien das undenkbar. Wir mieteten uns ein Häuschen im Washingtoner Osten, acht Straßenblocks vom Kapitol entfernt. Als deutscher Korrespondent ist man im Politbetrieb der US-Hauptstadt eher eine Randfigur. Jeder Reporter eines heimischen Lokalsenders ist für die direkt gewählten amerikanischen Politiker wichtiger. Trotzdem bin ich in den ersten Jahren nach der Arbeit öfter zum Kapitolshügel geradelt. In dem kleinen Park stand eine schöne, von Glyzinien umrankte Bank. Links schaut man auf den strahlend weißen Supreme Court, rechts auf den Kongress, wo Parlamentschefin Nancy Pelosi 2020 die Rede des Präsidenten zerriss. „Die Institutionen sind stabil“, dachte ich damals.
Seither haben sich die Machtverhältnisse radikal verändert. Inzwischen hat Trump das Parlament komplett entmachtet und lässt mit Duldung des Obersten Gerichts die Abrissbirne gegen die Grundfesten der amerikanischen Demokratie donnern. Seine Lügen-Tiraden vergiften das Miteinander, zersetzen jedes Gefühl für Anstand und nisten sich im Hirn wie ein Tumor ein. Wenn man als Korrespondent morgens mit „Truth Social“ aufwacht, dann die tägliche Trump-Show im Oval Office verfolgen muss und mit Fox News ins Bett geht, weiß man irgendwann nicht mehr, ob die Erde vielleicht eine Scheibe ist.
Also raus ins Land, zu den wirklichen Menschen! Da versteht man schnell, weshalb „Washington“ bei vielen Amerikanern einen so schlechten Ruf hat. Der Kongress bekomme nichts geregelt, klagen viele. Sie haben recht: seit Jahrzehnten wird über eine rationale Einwanderungspolitik oder über eine Absicherung jener 27 Millionen Amerikaner ohne Krankheitsschutz gerungen. Passiert ist nichts. Die Politik werde komplett vom Geld beherrscht, lautet ein weiterer Vorwurf. Angesichts der aberwitzigen Millionenbeträge, die hier auf allen möglichen krummen Wegen in den Wahlkampf beider Parteien gesteckt werden, der obszönen Freundschaftsgaben für Supreme-Court-Richter und der zynischen Dreistigkeit der Tech-Oligarchen kann man das kaum leugnen.
Trump zum Trotz: Das echte Leben in Amerika ist nicht schwarz-weiß
Der amerikanische Aufstiegstraum funktioniert nicht mehr. „Washington“ ist für den Farmer in Iowa oder den Industriearbeiter in Ohio noch weiter weg als „Brüssel“ für viele Europäer. Es ist das Sinnbild eines dysfunktionalen Systems. Groteskerweise macht sich das ausgerechnet ein korrupter Kleptokrat zunutze: Er befeuert den Frust und lenkt ihn auf die liberalen Eliten, die Migranten oder die Europäische Union. Die hasserfüllte Spaltung des Landes ist sein Geschäftsmodell.
Auf einen solchen Frontalangriff ist die archaische Verfassung der USA nicht vorbereitet – nicht auf einen Kandidaten, der die zweieinhalbmonatige Postkutschen-Frist zwischen Wahl und Amtsantritt für die Befeuerung eines Putschversuches nutzt. Nicht auf einen Präsidenten, der seine Befugnisse skrupellos überdehnt und Wahlbezirke mit chirurgischer Präzision so manipuliert, dass nur er gewinnen kann. Das System der parteiinternen Vorwahlen wirkt wie ein Brandbeschleuniger der Radikalisierung: Kompromiss gilt als Verrat. Chancen hat nur, wer immer extremere Positionen vertritt.
Dabei ist das echte Leben auch in Amerika nicht schwarz-weiß. Im ländlichen Montana habe ich einen Anhänger der Demokraten getroffen, der mich verschwörerisch in den Keller seiner Villa führte, eine Schrankwand beiseiteschob und stolz seine enorme Waffensammlung präsentierte. Ein schwarzer Bürgerrechtler im Südstaat Louisiana beklagte sich, seine Tochter halte Trump für „cool“. Eine republikanische Farmerin in Wisconsin sagte mir, sie bereue nach der Deportation eines mexikanischen Arbeiters von ihrem Hof die Stimmabgabe für den Präsidenten.
Ob sie das nächste Mal einen Demokraten wählen wird? Ich wage es zu bezweifeln. Das würde nur ein Republikaner „mit Dachschaden“ machen, sagte mir ein durchaus kritischer Trump-Wähler in Virginia. Die ideologischen Gräben sind zu tief. Ein Seitenwechsel wäre Verrat. So rührt sich trotz miserabler Umfragewerte des Präsidenten bislang befremdlich wenig offener Widerstand. Ja, bei den „No-Kings“-Märschen gingen Millionen auf die Straßen. Bei den Regionalwahlen in Virginia, New Jersey und New York siegten Demokraten. Und die ersten Republikaner werden mit dem Blick auf die Midterms im nächsten Herbst nervös.
Aber sonst? Wie kann ein Land, das im Alltag so viel Wert auf Höflichkeit legt, seinem Präsidenten erlauben, Einwanderer als „Ungeziefer“ und „Müll“ zu entmenschlichen? Wie passt die viel gerühmte „Freedom of Speech“ im ersten Verfassungszusatz zur politischen Zensur und Repression von Presseorganen? Weshalb interessiert sich ein Volk von Antikommunisten plötzlich so wenig für die Kriegsverbrechen des Kreml? Sind im „Land of the Free“ politisch unbequeme Mordopfer wie der Regisseur Rob Reiner neuerdings wirklich selbst an ihrem Tod schuld?
Viele Amerikaner verdrängen aus Selbstschutz den täglichen Tsunami an Zumutungen
Die Liste der Fragen, auf die ich keine Antwort weiß, ist im letzten Jahr länger geworden. Viele Amerikaner wirken durch das Zerstörungswerk des Tyrannen regelrecht überwältigt. Das Wahlergebnis hat sie demoralisiert. Sie verdrängen aus Selbstschutz den täglichen Tsunami an Zumutungen. Und sie müssen in dem Chaos schlicht ihr eigenes Leben organisieren.
Kurz vor meiner Abreise berichteten mir Freunde in Washington beiläufig, dass sie ein paar Tage zuvor ihre Jobs verloren hatten. Beide Ehepartner waren bei Nichtregierungsorganisationen angestellt gewesen, die durch den Kahlschlag beim Verbraucherschutz und in der Entwicklungshilfe die Fördermittel verloren. Die Frau flog automatisch auch aus ihrer Krankenversicherung. Irgendwie müssen sie die Gebühren für das College ihrer Tochter bezahlen. Auf eine Protestkundgebung sind sie übrigens trotzdem gegangen. Ein Student hingegen erzählte, viele Kommilitonen hielten sich inzwischen von Demos fern, weil sie fürchten, beobachtet zu werden und Nachteile bei Bewerbungen zu haben. Eigentlich lassen sich Amerikaner immer und überall gerne fotografieren. Doch oft traf ich bei meinen Recherchen zuletzt auf Menschen, die auf keinen Fall in der Zeitung stehen wollten.
Das Dilemma des Einzelnen in dem herrschenden Klima der Angst kann ich verstehen. Nicht aber die tausendfache Anbiederung, Selbst-Zensur und Unterwerfung von Senatoren, Fernsehsendern, Anwaltskanzleien, Universitäten und Wirtschaftsbossen. „Democracy Dies in Darkness“ hatte sich die Washington Post 2017 pathetisch in ihren Zeitungstitel geschrieben. Tatsächlich verraten deren Eigentümer Jeff Bezos und große Teile der amerikanischen „Eliten“ die Demokratie bei Tageslicht bedenkenlos für eine Handvoll Dollars.
Trump hatte gerade den Ost-Flügel seiner Residenz plattgemacht, als ich mich an einem Novembertag auf den Weg zum Weißen Haus machte. Immerhin: Der West Wing stand noch. An dessen Pforte musste ich vor der Abreise meinen Hausausweis abgeben. Anfangs war ich ein bisschen stolz gewesen, mit dem Hardpass jederzeit auf das Gelände des Machtzentrums der liberalen Welt zu kommen. Nun stand ich vor einer mit goldenem Tand vollgestopften Ruine, deren despotischer Hausherr unliebsame Fragestellerinnen mit den Worten „Ruhe, Schweinchen!“ zusammenstaucht.
Ein letztes Mal öffnete sich das schwere Stahlgittertor. Ich übergab einem Beamten vom Secret Service den Ausweis, drehte mich um und trat ins Freie. Mit einem harten Schlag fiel das Gatter hinter mir ins Schloss.
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