Startseite
Icon Pfeil nach unten
Panorama
Icon Pfeil nach unten

Anonyme Baby-Abgabe berührt Italien: Das ist der Ursprung von Babyklappen

Italien

„Wir werden dich immer lieben“: Über den Abschied einer Mutter und den Ursprung der Babyklappe

  • |
  • |
  • |
  • |
    In Deutschland gibt es derzeit 80 bis 100 Babyklappen, in Italien sind es 64.
    In Deutschland gibt es derzeit 80 bis 100 Babyklappen, in Italien sind es 64. Foto: Harald Tittel, dpa

    Der Text auf dem Zettel ist handgeschrieben und herzzerreißend. Gerade hat eine Mutter ihr Neugeborenes abgegeben, verlassen und doch auch gerettet. Vielleicht war der Vater dabei, man weiß es nicht. Auf dem Stück Papier steht: „Wir wünschen dir alles Gute, all die Freude und Gelassenheit, die du verdienst und die wir dir nicht garantieren können. Wir haben dich von Anfang an geliebt und werden dich immer lieben.“ Schon heute ist klar, wie prägend diese Sätze einmal sein werden für das Kind.

    Pietro, so haben die Freiwilligen des Roten Kreuzes im norditalienischen Bergamo das Baby getauft, ist nun allein auf der Neugeborenenstation des örtlichen Krankenhauses. Vor einer Woche wurde das Kind in der Babyklappe anonym abgegeben. In acht Sprachen steht an der Wand des Containers mit dem vorgeheizten Babybettchen folgender Text: „Verlass dein Kind nicht. Lass es in diesem Kinderbett, ohne dass jemand von dir erfährt.“ Die offenbar überforderten Eltern hielten sich an diese Anweisung.

    Viele Mütter lassen ihr Baby aus dem Gefühl der Überforderung in einer Babyklappe

    Eine Kamera ist auf das Bettchen gerichtet. So sehen die Helfer, dass ein Kind in der Klappe liegt. Ein Krankenwagen wurde geschickt, drei Sanitäter brachten Pietro in die Klinik, Polizei und Staatsanwaltschaft wurden routinemäßig verständigt. Dem Baby soll es gut gehen, es soll essen und gut genährt sein. „Die Klappe ist das ganze Jahr über 24 Stunden in Betrieb“, sagte Gianluca Sforza vom Roten Kreuz. „Als die Helfer zurückkamen, hatten sie Tränen in den Augen und sagten: Wir haben ein Leben gerettet!“ So berichtet es Sforza der Zeitung La Repubblica.

    Warum lassen Mütter ihre Kinder in einer Babyklappe? Gewiss aus dem Gefühl der Überforderung und in dem Unwissen, dass anonyme Geburten in Krankenhäusern in Italien erlaubt sind. In Deutschland gibt es die „vertrauliche Geburt“, bei der die Daten der Mutter gesammelt und versiegelt werden, damit das Kind später Informationen über seine Herkunft bekommt. Soziale oder kulturelle Zwänge können eine Rolle spielen. Gewalt, Drogenabhängigkeit oder Prostitution können die Entscheidung forcieren. Auch Armut oder Obdachlosigkeit sind manchmal der Grund. „Es wäre wunderbar, wenn Müttern eines Tages noch besser geholfen werden könnte“, sagt Fabiola Bologna vom italienischen Ärztinnenverband. „Unser Ziel ist es, dass Frauen sich nicht länger allein fühlen.“

    Das letzte Mal wurde vor drei Jahren ein Neugeborenes in die Babyklappe von Bergamo gelegt

    Um eine leichtfertige Entscheidung handelt es sich dabei kaum. Das letzte Mal wurde vor drei Jahren ein Neugeborenes in die Babyklappe von Bergamo gelegt, auch damals lag ein Zettel dabei. „Ich vertraue euch einen wichtigen Teil meines Lebens an, den ich ganz sicher nie vergessen werde“, stand darauf. 64 Babyklappen gibt es derzeit in Italien. Viele werden vom katholischen Movimento per la vita (Bewegung für das Leben), einer Pro-Life-Organisation betrieben, die sich infolge der Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in den 1970er Jahren formierte. In Deutschland gibt es derzeit 80 bis 100 Babyklappen, in Österreich sind es 16.

    Obwohl bereits in der Antike Neugeborene ausgesetzt wurden, stammt das Konzept ursprünglich aus Italien. Die erste „Ruota degli Esposti“ (Rad der Ausgesetzten) wurde 787 in Mailand eingerichtet. 1198 ließ Papst Innozenz III. im Krankenhaus Santo Spirito in Sassia in Rom eine Ruota aufstellen, die zum Vorbild für ganz Europa wurde. Die heutigen italienischen Nachnamen Esposito (Ausgesetzt), Innocenti (Unschuldig), Proietti (Hinausgeworfen) deuten auf ein Findelkind in der Familiengeschichte hin. Während des Faschismus wurden die Babyklappen verboten und erst in den 1990er Jahren wieder eingeführt.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren