Seit 42 Jahren schon leitet Erika Schmaltz das „AWO-Ballett“ in Mannheim. „Aber so etwas ist uns noch nie passiert“, sagt die 75-jährige Mitbegründerin der Seniorinnen-Tanz- und Showtruppe. Seit einem Jahr proben die 17 Damen im Alter zwischen 60 und 85 Jahren für ihre Auftritte beim Seniorennachmittag im Rahmen der gerade eröffneten Bundesgartenschau (Buga) in Mannheim, sieben Termine stehen seit Dezember fest. Geplant ist ein 25-minütiges Programm mit Stepp- und Formationstanz sowie kleinen Showeinlagen zu alten Schlagern. „Weltreise mit dem Traumschiff“, heißt die Nummer.
Jede Sekunde im Ablauf muss sitzen, denn die Damen ziehen sich während der knappen halben Stunde 14 Mal um. Sie schlüpfen in Matrosen-Kostüme, in orientalische und mexikanische Umhänge, in golddurchwirkte ägyptisch anmutende Gewänder oder schlüpfen in Holzschuhe, gestreifte Schürzen und setzen sich Käse-Hauben auf. Eben das, was zu der eingespielten Musik und den altbekannten Schlagern so passen könnte.
Die Ballettgruppe soll sechs selbst gefertigte Kostüme weglassen
Doch just eine Woche vor dem für diesen Mittwoch geplanten ersten Auftritt erhielt Schmaltz eine unerwartete Nachricht von der Buga – mit der Bitte, sechs der für die halbstündige Tanzshow vorgesehenen selbst gefertigten Kostüme wegzulassen: „Wir sollen die spanischen Flamenco-Kostüme, den orientalischen Bauchtanz, den mexikanischen Tanz mit Sombreros und Ponchos, den japanischen Tanz mit Kimonos, den indischen mit Saris und den ägyptischen Tanz, in dem wir als Pharaoninnen verkleidet sind, nicht zeigen“, sagt Schmaltz. Begründung: zunächst keine. „Das wurde nicht erklärt“, sagt Schmaltz.
Erst auf Nachfragen stellte sich heraus, was dahintersteckt: Die erst am Ostersonntag auf Bitten der BuGA-Veranstalter offenbar für Werbezwecke erbetenen Fotos von früheren Auftritten der Damen ließen wohl bei den Buga-Verantwortlichen die Alarmglocken klingeln und Bedenken aufkommen, ob die Wirkung dieser Kostüme im Rahmen der Diskussion um kulturelle oder religiöse Codierungen angemessen sei.
„Das versteht kein Mensch und wir können das auch nicht einfach weglassen, das ist doch alles eingeübt“, sagt Schmaltz, die sich damit an die örtliche Zeitung wandte. Und seit der Mannheimer Morgen an diesem Montag mit der Geschichte herauskam, steht bei Erika Schmaltz das Telefon nicht mehr still und das Mail-Postfach des „AWO-Balletts“ quillt über. „Hunderte wildfremde Menschen schreiben uns, unterstützen uns, alle schimpfen sie über die Buga oder drohen, sie zu boykottieren“, sagt Schmaltz.
Die Buga versucht, aus dem PR-Schlamassel herauszukommen
Bei der Buga windet man sich und versucht, aus dem PR-Schlamassel wieder herauszukommen. Das AWO-Ballett habe sich für das Kulturprogramm beworben, die Buga-23-Jury fand das Programm gut, aber die Kostüme seien zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt gewesen, teilt Pressesprecherin Corinna Brod mit. Als die Kostüme vor wenigen Tagen vorgestellt wurden, seien vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion zur Sensibilität für kulturelle und religiöse Codierungen Bedenken an der Wirkung einiger Kostüme aufgekommen. Die Buga habe den Auftritt des AWO-Balletts aber zu keiner Zeit verboten oder untersagt, heißt es.
Fabian Burstein, Leiter des Buga-23-Kulturprogramms teilt mit: „Wir bedauern sehr, dass Irritationen entstanden sind. Umso wichtiger ist es, dass wir darüber eine offene und auf wechselseitigem Verständnis ausgerichtete Diskussion mit Mitgliedern des AWO-Balletts führen. Uns geht es nicht um Verbote. Viel mehr werben wir für einen reflektierten Umgang mit kulturellen Codes.“
Am frühen Abend wollten sich beide Seiten zu einem klärenden Gespräch zusammensetzen. „Unser Ziel: Dem AWO- Ballett einen großartigen Auftritt zu ermöglichen und gleichzeitig die Vielfalt der Kulturen erlebbar zu machen, ohne sie in einen missverständlichen Kontext zu setzen“, so Burstein. Für Erika Schmaltz ist aber klar, dass der Auftritt nur wie geplant stattfinden kann – oder eben gar nicht. „Wir haben uns so lange darauf vorbereitet, das können wir jetzt nicht mehr ändern“, sagt sie. „Wir wollen ja nur tanzen. Jetzt sind wir so alt und müssen uns noch mit so was herumärgern.“