„Hier wütet nichts als Hass, doch Liebe wütet noch mehr“: Na, haben Sie es erkannt? Diese berühmten Zeilen entstammen William Shakespeares „Romeo und Julia“, einer der berühmtesten Liebesgeschichten der Welt. Sie ist ein offensichtliches Vorbild des neuen Saarbrücker Tatorts „Das Böse in dir“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD). Die Macher verlegen ihre Liebesgeschichte aber aus dem italienischen Verona in das fiktive saarländische Dorf Hohenweiler, irgendwo im Nirgendwo an der französischen Grenze. Die verfeindeten Familien heißen hier nicht Montague und Capulet, sondern Louis und Feidt: die eine französisch und protestantisch, die andere deutsch und katholisch.
Seit wann und warum sich die Familien hassen, weiß keiner mehr so genau. „Der Hass hält die Leute hier am Laufen, besser als jedes Kohlekraftwerk. Deshalb wird er weitergegeben, in stolzer Tradition: Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ So erklärt es zumindest Brigitte Urhausen in ihrer Rolle als Kommissarin Esther Baumann – geborene Louis –, und die muss es ja wissen: Sie ist im kleinen Hohenweiler aufgewachsen und hat so gar keine Lust, zurückzukehren.
„Das Böse in dir“: Der Saarland-Krimi spielt in einem tief gespaltenen Dorf
Trotzdem wird die Polizei in Hohenweiler gebraucht: Emil Feidt ist tot, getötet mit einem Stich mitten ins Herz. Bereits vor fünf Jahren kam seine Tochter Becky ums Leben. Offiziell bei einem Unfall, einem unglücklichen Sturz in einen Bach. Doch die Feidts glauben nicht daran. Sie vermuten, dass die Louis-Familie dahintersteckt. Und dass die verhassten Feinde nun nach Becky auch deren Vater auf dem Gewissen haben.
Die Hauptschuldige ist auch schon ausgemacht: Claire Louis, die ehemalige beste Freundin von Becky. Sie selbst verrät allerdings, dass zwischen ihr und Becky damals viel mehr gewesen sei als einfach nur eine Teenagerfreundschaft – Liebe zwischen zwei jungen Frauen. Homosexualität, auf dem Dorf, und dann auch noch zwischen den verfeindeten Familien? Da ist Ärger programmiert. Womit wir wieder bei „Romeo und Julia“ wären, nur dass der Romeo hier ebenfalls eine Julia ist. Und während die Polizisten in Hohenweiler ermitteln, droht der gefährliche Gefühlscocktail aus Wut und Hass zwischen den Dorf-Familien überzukochen.
Tatort-Kommissarin Esther Baumann kehrt in Hohenweiler zurück zu ihren Wurzeln
Klar, das etablierte Saarbrücker Ermittler-Quartett ist hier gemeinsam aktiv. Aber im Mittelpunkt von „Das Böse in dir“ steht die Figur Esther Baumann, die viele alte Bekannte trifft. Darunter tatsächlich auch ihren Bruder, „das größte Arschloch von ganz Hohenweiler“, wie sie ihn wenig charmant ihren Kollegen vorstellt. Aber es gibt da auch noch eine andere Verbindung in die Vergangenheit, eine weniger bittere, die dann schlussendlich auch den Kreis schließt zur Liebesgeschichte von Becky und Claire, dem saarländischen Julia-und-Julia-Paar.
Der neue Saarland-Tatort macht glücklicherweise nicht den Fehler, sich auf sein Shakespeare-Vorbild zu versteifen. Stattdessen erzählt „Das Böse in dir“ eine vielschichtige und nachdenkliche Krimi-Geschichte, die auf den Zwischentönen zwischen Wut, Trauer und tragischer Romantik wandelt, ohne konstruiert oder aufgeblasen zu wirken.
Natürlich entladen sich die Anspannung, die Wut und der Hass am Ende in einem großen Finale, in dem dieser „Tatort“ nicht unähnlich dem Shakespeare-Vorbild dann doch kräftig an der Pathos-Schraube dreht. Am Ende könnte es eine Drehung zu viel sein für den Geschmack mancher Zuschauer, aber dennoch ist „Das Böse in dir“ ein kluger, sehenswerter und spannender TV-Krimi, der auch nach dem Abspann nachhallt.
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