Er ist so ein guter Junge, stets hilfsbereit und freundlich, als Kind hat er mit Engelsstimme gesungen, jetzt betreibt er einen Fahrradladen. Musikalisch ist er auch. Zu nächtlicher Stunde setzt er sich an sein verstimmtes Klavier, klimpert von Chopin das zarte Nocturne Nr. 2. Dann trifft ihn ein Hammer am Kopf. Zwei Jahre später werden seine sterblichen Überreste in einer tiefen Grube im Wald gefunden. „Wer tut denn sowas, mit meinem Sohn“, wird später die verzweifelte Mutter fragen. Dies muss das fränkische Ermittlerteam in der Folge „Ich sehe dich“ herausfinden, mit der sich das „Tatort“-Sommerloch würdig schließt (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD).
Felix Voss gibt dieses Mal den Psycho-Schlauberger
Rein atmosphärisch wird die Fangemeinde nach diesem mauen Regensommer zielsicher auf den Herbst eingestellt. Die Farben sind fahl, die Räume stets halbdunkel, der Himmel über Nürnberg nebelt so vor sich hin. Und: Ja, es ist außerdem traurig, dass Dagmar Manzel nach zehn Folgen nicht mehr als Kriminalhauptkommissarin Paula Ringelhahn ihrem Kollegen Felix Voss (Fabian Hinrichs) zur Seite stehen kann. Mit ihrer fürsorglichen Art zwischen Mama und großer Schwester hat sie perfekt zu dem sozial unterbelichteten, etwas linkischen Schlacks gepasst, mit dem sie nur freundschaftliche Kollegialität verband.
Dafür darf nun Eli Wasserscheid als Kommissarin Wanda Goldwasser übergangsweise etwas stärker hervortreten, bis künftig Rosalie Thomass als neue Partnerin von Voss einsteigt. Sie wurde bekannt durch die wunderbaren Rosenmüller-Filme „Beste Zeit“ und „Beste Gegend“. Vielleicht sorgt sie dafür, dass Voss nicht ganz so oft den Psycho-Schlauberger gibt wie dieses Mal.
Star dieser Folge ist eindeutig Mavie Hörbiger, die eine etwas geheimnisvolle blinde Frau spielt, stets umsorgt und begluckt von ihrem leicht zwielichtig wirkenden Nachbarn und Lebensgefährten Stephan Gellert (Alexander Simon). Genauer gesagt ist der Star Hörbigers Gesicht, an das die Kamera stets nah heranfährt, um dieses mimische Brillantfeuerwerk einzufangen, in dem sich das ganze Drama dieses beinahe von Minute zu Minute abgründiger werdenden „Tatorts“ abspielt. Denn natürlich sind nicht alle Dinge so, wie sie scheinen.
Regisseur Max Färberböck schafft es, eine atmosphärisch sehr dichte, spannende Folge ohne Blut und Action zu inszenieren. Die Menschen sagen oft nicht viel, dafür schaut ihnen die Kamera aufreizend lange beim Denken zu. Doch was sich in den Gesichtern abspielt, ist genauso interessant wie ausgefeilte Dialoge – und interessanter als der sonst übliche Erklärdurchfall im Polizeirevier.
Sigi Zimmerschied lässt auch mal die Faust sprechen
Apropos schweigsam: Den Vogel schießt Sigi Zimmerschied in einer extrem maulfaulen Gastrolle ab. Er muss als Polizeiarchivar mit sehr niedrigem Ruhepuls den an der Schulter lädierten Voss herumchauffieren. Fred redet (fast) nicht, aber wenn, dann geht es zur Sache. Oder er lässt die Faust sprechen, wenn nötig.
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