Vom Festland kommend, hält das kleine Motorboot zuerst bei einer Handvoll größerer Inseln, die noch viel von dem haben, was Zivilisation ausmacht: Geschäfte, Geräusche, Menschen. Als die Fähre dann an Takaikamishima dockt, ist sofort klar: Hier ist das Leben, oder was davon übrig ist, anders. Gähnende Ruhe, gleichzeitig aber so viel Farbe. An den Fassaden prangen Wandmalereien: ein Mann im weißen Kittel, daneben eine Pflegerin in rosa Uniform. Freundlich schauen die zwei drein, wie Beschützer.
In Japan erkennt das Bild jedes Kind. Es stammt aus dem Manga „Dr. Koto Shinryoujo“, auf Deutsch: Dr. Kotos Praxis, und erzählt die Geschichte eines Arztes, der eine Tokioter Universitätsklinik verlässt, um auf einer schrumpfenden Insel die Grundversorgung zu sichern. Im dem ostasiatischen Land, wo die Bevölkerung schon lange zurückgeht, traf diese Heldenstory in den Nullerjahren einen Nerv, bald kamen ein Anime und Spielfilm raus. Nun prangen die Bilder an der Fassade des alten Gemeindehauses.
„Die Story vom Doktor passt doch perfekt zu uns!“, sagt Sadamu Kimura, ein Herr mit Hund, in T-Shirt und Jogginghose. „Hier leben ja auch kaum noch Menschen.“ Dabei wirkt Takaikamishima auf den ersten Blick selten lebendig. Jenseits der um die fünf Meter hohen Zeichnung aus Dr. Koto finden sich hier überall weitere Referenzen aus der in Japan extrem beliebten Welt von Anime und Manga, also Zeichentrick und Comic. Mehr als 30 Wandmalereien sind es. Warum ausgerechnet hier?
Es ist eine Flucht nach vorn. Auf Takaikamishima gibt es heute mehr leerstehende Häuser mit bunten Gemälden als lebende Menschen. Die Einwohnerzahl, in den 1950er Jahren immerhin bei rund 300, liegt mittlerweile bei elf. „Fast alle hier sind schon über 70“, erklärt Sadamu Kimura, während sein Hund gemächlich um sein Herrchen kreist. Kimura sagt mit brüchiger Stimme: „Es kann gut sein, dass unsere Gemeinde bald ausstirbt, wenn wir nichts dagegen tun.“
Takaikamishima will zum „globalen Manga-Zentrum“ werden
Aber getan wird so einiges. Takaikamishima, diese kleine Insel mit einer Fläche von nur 1,34 Quadratkilometern – um die 20 Kilometer von Japans Festland entfernt – ist seit kurzem nämlich nicht mehr nur bekannt als vom Aussterben bedrohtes Stück Land. Sondern auch als Gemeinde, die genau dieser Bedrohung auf kreative Weise trotzt. Die Zeitung Mainichi Shimbun schwärmte im Juni in einem Artikel mit der Überschrift: „Abgelegene japanische Insel mit elf Einwohnern will zum globalen Manga-Zentrum werden.“ Nichts Geringeres ist hier tatsächlich geplant.
Takaikamishima könnte mit seinem Konzept bald zum Vorbild für andere schrumpfende Kommunen werden. „Wir hatten zuletzt nämlich sogar ein paar Zuzüge!“, sagt Sadamu Kimura und biegt in eine links und rechts mit Mangas bemalte Gasse ein, eine Steigung hinauf zu einem renovierten Haus. „Hier wohnt Herr Baba! Er ist mit seiner Frau und zwei Töchtern hergezogen. Wir haben jetzt wieder Kinder im Ort! Und einen echten Macher!“
Auf Masanori Baba, 50 Jahre, agiler Typ in legerer Kleidung, ruhen nun große Hoffnungen. Denn dieser Zugezogene soll das nächste Projekt umsetzen. „Wir haben im April unsere Mangaschule gegründet“, sagt der hier noch sehr junge Mann, nicht ohne Stolz. „Ich manage den Ablauf: die Bewerbungen, die Organisation der Räumlichkeiten, die Kasse.“ Das Ganze laufe gerade erst an, aber es könnte, so jedenfalls das Ziel, diese Insel verändern. Nicht nur ästhetisch, sondern auch finanziell und demografisch.
Die Schule auf der Insel ist jetzt eine Manga-Bibliothek
Von April bis Juli fanden hier sechsmal zweitägige Wochenendkurse statt, die erfolgreichen Bewerberinnen und Bewerbern beibringen, was ein gutes Manga ausmacht und wie man es zu Papier bringt: vom Storytelling über das Zeichnen der Charaktere bis zu den Sprechblasendialogen. 80.000 Yen (rund 450 Euro) kostet der Kurs inklusive Kost und Logis. „Wenn es gut läuft, bringen wir eines Tages große Mangazeichner hervor“, sagt Masanori Baba, geht von seinem Haus die Steigung rauf.
Keine zwei Minuten später erreicht er ein altes Schulgebäude, rund 100 Jahre alt, mit einem verwilderten Vorgarten, Holzboden und jahrzehntealten Stundenplänen an der Wand. Die Grundschule, die dieser Bau einst war, schloss vor vielen Jahren, als das letzte Kind ausgeschult wurde. „Ich hab' das jetzt alles wieder hergerichtet“, sagt Baba, führt durch drei Räume der kleinen Schule. Hier ein Klassenzimmer mit geputzter Tafel, nebenan eine kleine Manga-Bibliothek mit Postern an der Wand. „Mit der Schule hoffen wir, dass sich auch die Bevölkerung von Takaikamishima wieder vergrößert.“
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren