Ein schwarzer Rucksack und eine Bibel. Das ist alles, was David geblieben ist. Der Rest, sein Handy mitsamt seinen Papieren, wurde geklaut. Seit zwei Monaten lebt der 32-Jährige auf der Straße. Heute Abend steht er zum zweiten Mal vor der Notunterkunft in Friedrichshain. Im Sommer noch sei seine Welt eine ganz andere gewesen. Würde man auf sein letztes WhatsApp-Profilbild schauen, sagt der gebürtige Litauer, würde man ihn in einem weißen, gebügelten Hemd sehen. Damals kam er gerade frisch vom Friseur. „Weißt du, mir war es immer wichtig, ordentlich und gepflegt auszusehen.“ Wenn er jetzt in den Spiegel schaue, erkenne er sich nicht wieder. „Einen Haarschnitt könnte ich mal wieder vertragen.“ Er lacht und streicht mit seiner linken, bandagierten Hand über das braune Haar. Jetzt ist es Winter. Er trägt eine graue Jacke und dünne, durchnässte Stoffschuhe, die ihm zu klein sind. Kein Stoff, der Kälte und Nässe abhält, aber eben das, was die Kleiderkammer der Berliner Stadtmission gerade für ihn parat hatte.
Vor allem für Männer ohne Obdach ist das oft nicht viel, bestätigt Barbara Breuer von der Berliner Stadtmission, einem Verein der sich für wohnungslose und anderweitig bedürftige Menschen einsetzt. Täglich versorgen Mitarbeiter und Freiwillige Helfer Obdachlose mit gespendeter Kleidung, Schlafsäcken und Hygieneartikeln. Doch dicke Jacken und winterfeste Schuhe für Männer seien rar. „Rund 80 Prozent der Bedürftigen, die zu uns kommen, sind männlich, der Rest weiblich. Von den Spenden bekommen wir aber 80 Prozent Kleidung für Frauen und 20 Prozent für Männer.“
In Berlin herrscht seit Tagen Dauerfrost. Zweistellige Minusgrade und Schneesturm „Elli“ sind für Menschen ohne Obdach vor allem eines: lebensgefährlich. Und nicht nur die wetterbedingte Kälte sorgte in letzter Zeit für Schlagzeilen aus der Hauptstadt: Drei Kältebusse der Stadtmission wurden angezündet, ein 43-jähriger Mann, der selbst obdachlos sein soll, soll mutmaßlich dafür verantwortlich sein. Vor allem auf Social-Media zeigten sich viele darüber entsetzt. Wie ist nun die Lage in Berlin, wie erleben Menschen den Winter ohne Wohnung?
In Berlin gibt es nur 1144 Plätze für 6000 wohnungslose Menschen
David ist einer von rund 6000 Wohnungslosen in Berlin. Von Dezember bis März gibt es in der Hauptstadt jedoch nur 1144 Plätze, die Schutz vor den eisigen Temperaturen geben, sagt Breuer. Eine dieser Notunterkünfte ist der Containerbahnhof in Friedrichshain. Viele kommen lange vor der Öffnungszeit um 19.30 Uhr, um einen Platz in einem Vierbettzimmer zu ergattern. Doch die seien laut Breuer gerade in den letzten Tagen schnell belegt; mehr als 70 Menschen nimmt die Notunterkunft nicht auf. Wer es hineinschafft, darf zehn Nächte dort schlafen, bekommt warme Mahlzeiten, medizinische Hilfe und Kontakt zu Sozialarbeitern.
Nicht jede Notunterkunft nimmt Familien mit Kindern auf
Das Innere der Traglufthalle wirkt wie ein Gegenbild zur Straße. Es ist hell, warm und barrierearm eingerichtet; statt Motorenlärm und lauter Wind läuft im Hintergrund leise Radiomusik. Am Eingang kontrollieren Ehrenamtliche die Taschen, untersuchen die Menschen und schauen nach Läusen oder Krätze. Dann steht eine Familie vor dem Eingang: zwei Kinder, eine Frau, ein Mann. Sie sind aus Polen und suchen eine warme Nacht. Viele der Bedürftigen seien aus Osteuropa, erklärt Barbara Breuer, denn Berlin liegt nah an der Grenze. Und die Notunterkunft muss sie abweisen. „Man muss hier mindestens 18 Jahre alt sein. Für Kinder ist das hier nicht der richtige Ort“, sagt Breuer bedrückt. Für sie gäbe es hoffentlich noch Platz in anderen Anlaufstellen. Doch wie viele sind das? „Spezielle Familienunterkünfte gibt es in Berlin zwei“, erklärt ein Mitarbeiter schnell. Er geht zum Eingang, jetzt wird jede helfende Hand gebraucht, um die Menschen zu versorgen.
David hat es geschafft, er ist drin und steuert auf die Essensausgabe zu. Neben gespendetem Gebäck gibt es Suppen und Salate, frisch zubereitet. Mit einer Mohnschnecke auf dem Teller lässt er sich auf einer schwarzen Couch nieder. Dann zieht er den Ärmel hoch, fixiert seine Bandage an der linken Hand. Eine Entzündung, sagt er, vom Liegen im Dreck. Sie habe sich ausgebreitet, hier hat man ihn behandelt. Draußen bedeuten kalte Nächte für viele Obdachlose mehr als nur Unbehagen. Gerade wenn Krankheiten, Mangelernährung oder Erschöpfung dazukommen, steigt das Risiko der Unterkühlung. Und nicht nur das: „Wenn jemand für die derzeitigen Temperaturen nicht gut ausgerüstet ist und beispielsweise Alkohol trinkt, die Kälte nicht mehr spürt und einschläft, dann besteht schnell Lebensgefahr“, erklärt Breuer.
Tagsüber finden Obdachlose kaum Orte, an denen sie wilkommen sind
Ein zentrales Problem: Tagsüber fehle es an Orten, an denen Obdachlose willkommen sind und sich ausruhen und aufwärmen können. Viele gehen laut Breuer in Einkaufszentren oder setzen sich in die Straßenbahn, bis jemand sie wieder hinausbittet. Das ärgert sie, gerade an solchen Tagen wünsche sie sich, dass der eine oder andere ein Auge zudrückt. Auch David kennt das: „Ich habe versucht, mich in der Straßenbahn warmzuhalten, aber immer wieder kam ein Kontrolleur“, sagt er. Sechs Straftickets hat er mittlerweile. „Wie soll ich das bezahlen?“
Und was ist mit den Menschen, die keinen Platz in der Notunterkunft bekommen oder gar nicht erst hinein wollen? Für sie bleibt in Berlin nicht nur die Tür der Notübernachtung, sondern auch der Kältebus der Berliner Stadtmission. Drei Fahrzeuge fahren zwischen 20 Uhr und 2 Uhr nachts durch die Stadt. „Obwohl es zuletzt Brandanschläge auf alle drei Busse gab, konnten wir mithilfe von geliehenen Fahrzeugen lückenlos weiterfahren“, erklärt Breuer. Und das ist nötig, die Anrufe von Passanten, die eine notbedürftige Person aufgefunden haben, sei in der Woche gestiegen. Sie betont: „Es ist wichtig, dass man die Person immer fragt, ob sie möchte, dass man anruft.“ Sei das der Fall, bringen die Teams sie auf Wunsch in eine Unterkunft. Oft aber versorgen sie direkt vor Ort, mit heißem Tee, einer Suppe, einem Schlafsack oder warmen Decken, manchmal auch einfach mit ein paar Minuten Aufmerksamkeit. Warum manche nicht in eine Unterkunft gehen, habe viele Gründe: Angst vor Enge, Misstrauen, Drogensucht oder schlechte Erfahrungen.
Es ist jetzt zehn Uhr abends, David ist müde. Morgen, nach dem Frühstück, geht es um 7.30 Uhr wieder hinaus, dann schließt die Unterkunft. Zurück auf die Straße, zurück in den Schnee. Eigentlich hat der Deutschen Wetterdienst für diesen Tag eine Warnung vor Sturmtief „Elli“, starkem Schneefall und Schneeverwehungen herausgegeben. „Man soll, falls möglich, zu Hause bleiben“. Aber was, wenn draußen zu Hause ist? David hält das nicht auf: „Ich habe in der Notunterkunft meinen Lebenslauf ausgedruckt und suche weiter nach einer Arbeit, wie jeden Tag. Das werde ich morgen auch machen. Ich glaube an Gott und habe Hoffnung, dass ich sie finde.“
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