Seit zwei Jahren warten Ruby und Hagit Chen auf ihren verlorenen Sohn. Zwei Jahre voller Schmerz, voller Sehnsucht und Verzweiflung. Jetzt aber, schreibt Ruby Chen in einer Textnachricht, seien er und seine Frau „mit vorsichtigem Optimismus schlafen gegangen“, zum ersten Mal seit Langem. Ruby Chen, Vater des entführten Deutsch-Israelis Itay Chen, wählt seine Worte wie jemand, der weiß, wie sehr Hoffnung schmerzen kann, wenn sie immer wieder enttäuscht wird. Und doch: Seit US-Präsident Donald Trump vergangene Woche seinen Plan zur Beendung des Gazakrieges vorgestellt hat, wagen er und seine Frau es wieder, zu hoffen.
Denn der 20-Punkte-Plan des Präsidenten könnte die beste Chance seit Monaten, vielleicht seit Kriegsbeginn bieten, die letzten israelischen Geiseln zu befreien. 48 Entführte hält die Hamas noch in ihrer Gewalt, nur noch 20 von ihnen sollen israelischen Informationen zufolge am Leben sein.
Die Familien kämpfen darum, dass die Welt die Geiseln nicht vergisst
Itay Chen ist eine von sieben Geiseln mit deutscher Staatsangehörigkeit. Kurz vor dem zweiten Jahrestag der Massaker und Entführungen vom 7. Oktober sitzen die Familien der deutschen Geiseln in einem Tagungsraum in Berlin, weit entfernt von den Tunneln unter Gaza, in denen die Hamas ihre Söhne festhält. Die Familien sind nach Deutschland gereist, um in Medienhäusern und Bundestagsbüros darum zu kämpfen, dass die Welt sie nicht vergisst.
Der Blick von Itay Chens Mutter Hagit ist entschlossen, in ihrer Stimme liegt die Müdigkeit von zwei Jahren. Sie habe die Hoffnung nie aufgegeben, sagt sie. Nicht, als andere Geiseln nach Hause zurückkehrten und Itays Name nicht auf der Liste stand. Nicht, als Israels Armee ihn im März 2024 für tot erklärte. „Ich kämpfe weiter“, sagt sie. „Für mich ist er nicht tot. Wir haben keine Gewissheit. Ich lasse nicht zu, dass man ihn als Leiche abstempelt oder Gaza zu seiner letzten Ruhestätte erklärt. Egal wie es um ihn steht: Ich hole ihn zurück.“ Von einem Bild auf ihrem T-Shirt blickt ihr Sohn, jung, breit lächelnd, unbeschwert.
„Unsere Hoffnung ist Donald Trump“
„Unsere Hoffnung ist Donald Trump”, sagt Itays Vater Ruby Chen. „Nun ist es an Premierminister Netanjahu, die gleiche Entschlossenheit zu zeigen und dem israelischen Verhandlungsteam das Mandat zu erteilen, das Abkommen zu besiegeln.”
Trumps 20-Punkte-Plan sieht unter anderem vor, dass die Hamas sämtliche verbliebenen Geiseln freilässt, ihre Waffen abgibt und künftig keine Rolle mehr in der Regierung des Gazastreifens spielt. Israel wiederum soll seine Truppen schrittweise aus Gaza abziehen, außerdem 250 palästinensische Häftlinge aus Gefängnissen entlassen, die zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt wurden, und weitere 1.700 seit Kriegsbeginn in Gaza festgenommene Palästinenser freilassen.
Die Antwort der Hamas auf Trumps Plan ist derzeit ein „Jein“
Noch zweifeln viele daran, dass die Terrorgruppe ihrer eigenen Entmachtung zustimmen könnte. Und tatsächlich: Die Antwort der Hamas auf Trumps Forderungen gleicht bislang eher einem “Jein.” In einer Stellungnahme erklärte sich die Gruppe bereit, alle Geiseln freizulassen – doch nur, falls bestimmte, nicht weiter ausgeführte Bedingungen für einen Austausch vor Ort erfüllt würden. Zudem beschrieb die Hamas sich als Teil einer „palästinensischen nationalen Struktur“, zu der sie beitragen werde – eine Formulierung, die nahelegt, dass die Hamas an einer zukünftigen Regierung über Gaza beteiligt sein will. Dass sie innerhalb von 72 Stunden sämtliche Geiseln übergeben könnte, wie es der US-Plan vorsieht, scheint in jedem Fall unwahrscheinlich: Die Hamas selbst hatte schon in der Vergangenheit angegeben, sie wisse nicht, wo in Gaza sich einige der Geisel-Leichen befänden.
Nach zwei Jahren die Liebsten wieder in die Arme zu schließen: So recht wagen es die Angehörigen noch nicht, diese Vorstellung zuzulassen. So wie die Familie des inzwischen 21-jährigen Nimrod Cohen. Über seine Lebensbedingungen kursieren besonders grausame Berichte. „Nach den Nachrichten bin ich aufgeregt, voller Hoffnung und Erwartungen, aber auch voller Angst, dass bei den Verhandlungen etwas schiefgehen könnte”, schreibt seine Mutter Vici Cohen nach Bekanntwerden des Trump-Plans in einer Nachricht. Es sei eine fragile Situation, „und wir wollen nicht erneut enttäuscht werden. Aber dennoch habe ich die Hoffnung, dass ich Nimrod bald sehen und meinen geliebten Sohn wieder in die Arme schließen kann.“
Nimrod Cohen war 19, als er von der Hamas verschleppt wurde
Einige der inzwischen freigelassenen Israelis waren zusammen mit Nimrod festgehalten worden und berichteten Erschreckendes aus den Tunneln. Er werde in einem engen Tierkäfig gehalten und müsse sich Videos ansehen, die die Ermordung seiner Freunde zeigten, heißt es in israelischen Medien unter Berufung auf ungenannte frühere Geiseln. Nimrods Zustand soll extrem labil sein, er spreche kaum und leide außerdem an einer Hauterkrankung und einer unbehandelten Ohrenentzündung.
Nimrod Cohen war 19 Jahre alt, als seine Panzerkompanie ausrückte, um den Stützpunkt Nahal Oz an der Grenze zu Gaza vor den anrückenden Terroristen zu verteidigen. Mit einer Panzerfaust töteten die Angreifer seine Kameraden, nur Nimrod überlebte und wurde entführt. Ein von Terroristen aufgenommenes Video, das Israels Armee in Gaza fand, zeigt seine Entführung: Darauf wird Cohen von Hamas-Männern zu Fuß in den Gazastreifen verschleppt.
Für die Angehörigen ist die Ungewissheit schwer zu ertragen
Nach eigenen Angaben bereitet Israel nun die „Umsetzung der ersten Phase von Trumps Plan zur unverzüglichen Freilassung aller Geiseln vor“, wie es aus dem Büro von Premierminister Benjamin Netanjahu heißt. Laut Medienberichten gehe es mit dem Rückzug der Armee aus Gaza zumindest schrittweise voran. In den kommenden Tagen sollen Israel und die Hamas mit Hilfe internationaler Vermittler über letzte Details verhandeln.
Für die Angehörigen ist die Ungewissheit schwer zu ertragen. Immer wieder hatte es in den vergangenen Monaten Gerüchte um eine vermeintlich bevorstehende Einigung gegeben. Immer wieder erwiesen sie sich als haltlos.
Alons Schicksal bewegt viele Menschen in Deutschland
„Wir haben keine Zeit für ein Hin und Her“, sagen die Eltern des entführten Alon Ohel. „Jeder Tag, der vergeht, ist für Alon einer zu viel.“ Auch Idit und Kobi Ohel sind Ende September nach Berlin gereist, um die Erinnerung an ihren Sohn wachzuhalten. Alons Schicksal bewegt viele in Deutschland – auch wegen eines Propaganda-Videos, das die Hamas vor wenigen Wochen veröffentlichte. Abgemagert erscheint er darin, mit Schatten unter den Augen, die braunen Locken abgeschoren. „Seine Augen”, dachte seine Mutter, als sie das Video zum ersten Mal sah, „die sehen nicht aus wie Alons.” Auf einer Seite hat er offenbar die Sehkraft verloren – wohl durch unbehandelte Verletzungen, die Hamas-Terroristen ihm am 7. Oktober zufügten.
Nach Berichten ehemaliger Geiseln sitzt er in einem feuchten Tunnel unter Gaza fest, angekettet, ohne Matratze, mit kaum mehr als einem Stück Brot am Tag. Wie viel Kraft der Körper des 24-Jährigen nach zwei Jahren Gefangenschaft noch hat – darum bangt seine Familie jeden Tag. Alon besitzt ebenfalls die deutsche Staatsbürgerschaft. „Das dürfen die Menschen in Deutschland nicht vergessen”, sagt seine Mutter. “Er ist einer von ihnen. Er braucht ihre Hilfe.”
Der junge Mann wurde vom Musik-Festival nach Gaza entführt
Idit Ohel schaut immer wieder auf das Video auf ihrem Handy. Sie kneift die Augen zusammen, wie eine Ermittlerin auf der Suche nach einem fehlenden Detail, und tippt auf den Bildschirm. „Da sieht es so aus, als fehlen ihm Zähne. Haben die Terroristen sie Alon ausgeschlagen?”, fragt sie, mehr zu sich selbst. „Und seine Hände – die kann ich im Video nicht richtig erkennen. Ich muss ständig an seine Hände denken. Ich sehe sie vor mir, wie sie beim Klavierspielen über die Tasten fliegen.” Für ihren Sohn Alon, erzählen die Eltern, war Musik sein halbes Leben. Ein begabter Pianist, der mit neun Jahren zu spielen begann und eigentlich seine Ausbildung an der Rimon School of Music, mit Schwerpunkt Jazz, in Tel Aviv fortsetzen wollte. Dann, am 7. Oktober, verschleppten ihn die Terroristen vom Nova-Musikfestival nach Gaza.
„Er wollte sein Erwachsenenleben richtig starten, seinen Träumen folgen und noch mehr Musik machen”, sagt Idit Ohel. „Immer wenn ich aufwache und einschlafe, sehe ich ihn vor mir.” Als sie und ihr Mann das Video zum ersten Mal sahen, sei es kaum auszuhalten gewesen. Doch inzwischen, sagt sie, sähen sie es so: „Es ist ein Lebenszeichen. Und allein das zählt. Alon kommt zurück – und zwar lebendig.”
Die Familien der Geiseln sind zu Medienprofis geworden
Im Laufe der letzten zwei Jahre sind die Familien der Geiseln zu Medienprofis geworden, wenngleich wider Willen. Sie geben Interviews, sprechen auf Demonstrationen, treten im Fernsehen auf, reisen in andere Länder. Sie treffen Politiker und Journalisten, Diplomaten, Prominente und den Papst; jeden, von dem sie hoffen, dass er irgendetwas beitragen könnte zur Befreiung ihrer Liebsten.
„Neulich dachte ich, ich kann meinen Ohren nicht trauen“, sagt Hagit Chen. „Ich habe Itays Stimme aus dem Wohnzimmer gehört, singend, so wie er es gern tut. Ich dachte, mein Herz bleibt stehen.” Langsam sei sie durch die Tür gegangen – und habe tatsächlich ihren Sohn mit der Gitarre auf dem Schoß gesehen. Nur war es nicht Itay. Sondern sein jüngerer Bruder. „Itay ist schon so lange weg, dass sein kleiner Bruder jetzt ein Teenager ist, mit einer tiefen Stimme, die genau wie seine klingt.” Wenn er ans Telefon geht, aus seinem Zimmer ruft, sei das jedes Mal ein kleiner Schock.
Am Jahrestag wollen die Familien auf Zeremonien und Demonstrationen verzichten
Psychologische Hilfe nehmen beide Familien schon seit Monaten nicht mehr in Anspruch. „Wir haben es ausprobiert, aber niemand versteht uns, nicht einmal Psychologen”, sagen die Chens. Das Einzige, was ihnen wirklich helfe, sei der Gedanke, abends ins Bett zu gehen und zu wissen, dass sie sich für ihren entführten Sohn stark gemacht haben.
Am Jahrestag des 7. Oktober planen beide Familien, auf Zeremonien und Demonstrationen zu verzichten. Sie wollen einfach beisammen sein – ohne Reden, ohne Parolen, ohne Politiker.
„Wir machen das, was Itay liebt, so als wäre er da“, sagt seine Mutter Hagit Chen. „Wir gehen in sein Lieblings-Burgerrestaurant. Und in die Kletterhalle, wo er ständig war. Obwohl ich Klettern hasse. Aber ich will seine Anwesenheit spüren – als wäre er schon wieder bei uns.”
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