Irgendwie haben sie es ja kommen sehen. Dass das mit dem nächsten Eurovision Song Contest eine schwierige Nummer werden dürfte, hatte so manchem Beobachter in Österreich geschwant, noch bevor Johannes Pietsch alias JJ den ESC 2025 für sich entschied – und damit die nächste Ausgabe des Musikspektakels in seine Heimat holte. „Hilfe, wir könnten gewinnen“, witzelten österreichische Medien bereits im Vorfeld. Noch sind es acht Monate, bis das Mega-Event in Wien über die Bühne gehen soll. Doch der ESC droht in die wohl größte Krise seiner Geschichte zu schlittern – und das ausgerechnet pünktlich zu seinem 70. Geburtstag.
Eines hatte sich die Europäische Rundfunk-Union (EBU) auf die Fahnen geschrieben, als sie 1956 den „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ ins Leben rief: Unpolitisch soll der Wettbewerb sein, neutral, so steht es sogar in den Statuten. Doch das ist längst nicht mehr der Fall, sagt Musikprofessor David-Emil Wickström von der Popakademie Baden-Württemberg. „Der ESC ist schon seit Jahren politisch, nicht erst seit dem Ukraine-Krieg oder der Orangenen Revolution in der Ukraine 2004“, sagt der 46-Jährige, der sich seit Jahrzehnten mit dem ESC befasst. „Der Wettbewerb wurde schon politisch, als offen queere Menschen die Möglichkeit hatten, auf die Bühne zu gehen.”
Mit Spanien droht nun erstmals eines der finanzstärksten Geberländer, den ESC zu boykottieren
Dieses Mal aber wird der Song-Contest selbst zum Politikum. Denn die Frage, ob Israel auch 2026 wieder an den Start gehen darf, könnte zur Zerreißprobe für die Teilnehmerländer werden. 37 Staaten waren es im vergangenen Jahr. Und immer mehr von ihnen fordern offen, Israel vor dem Hintergrund des Gaza-Kriegs vom Musikwettbewerb auszuschließen. Anfang September hatte Slowenien klar durchblicken lassen, dass man bei einer Teilnahme Israels nicht dabei sein werde. Kurz darauf kündigten Irland, Island und die Niederlande einen ESC-Boykott an, sollte Israel 2026 teilnehmen. Vergangene Woche folgte Spaniens öffentlich-rechtlicher Sender RTVE. Es ist die erste Drohung eines Landes aus den finanzstarken „Big Five“ – jenen fünf Ländern, die den Wettbewerb finanziell am stärksten tragen. Dazu gehört neben Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien eben auch Spanien.
Dass Spanien aus der Reihe der einflussreichen EU-Länder als Erstes handelt, ist kein Zufall, sondern hat mehrere Gründe: Die Mitte-Links-Regierung zählt zu den schärfsten Kritikern Israels in Europa. Und sie kann sich dabei auf weite Teile der spanischen Gesellschaft stützen. RTVE begründet den Schritt mit Israels umstrittener Kriegsführung in Gaza – und mit der moralischen Verantwortung des Musikevents. Der ESC sei nicht nur eine Unterhaltungsshow, sondern auch ein internationales kulturelles Ereignis, das für Frieden, Vielfalt und europäische Werte stehe. „Es ist unerlässlich, dass RTVE einen Schritt nach vorn macht“, sagte Senderchef José Pablo López. „Wir können nicht länger so tun, als ginge uns das nichts an.“ Zumal Israel den ESC nutze, um international Imagepflege zu betreiben.
Rückendeckung kommt vom spanischen Regierungschef Pedro Sánchez. Der Sozialdemokrat hatte bereits im Mai gefordert, Israel – wie zuvor Russland – von internationalen Wettkämpfen auszuschließen, solange der Krieg andauere. Nun erneuerte Sánchez seinen Boykottaufruf: „Unsere Position ist klar: Solange die Barbarei nicht aufhört, dürfen weder Russland noch Israel an irgendeinem internationalen Wettbewerb teilnehmen.“
In Israel, wo der ESC ein Großereignis ist, trifft die Debatte einen empfindlichen Nerv
Und es ist ja nicht so, als hätte man bei der EBU, die das Ereignis organisiert, den Wirbel nicht kommen sehen. Bereits in den vergangenen beiden Jahren war die Kritik am Vorgehen Israels im Gaza-Streifen nicht zu überhören. Im schwedischen Malmö 2024 gab es wütende Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmern. Auch in Basel wurde der Song-Contest von der Debatte über Israels Krieg in Gaza überschattet. Die Rundfunkunion wirkte allerdings beide Male überfordert damit, die Politik vom Wettbewerb fernzuhalten und zwischen den Teilnehmerländern einen Konsens zu erzielen. Nun bemüht sich ESC-Direktor Martin Green zu betonen: „Wir verstehen die Bedenken und tiefen Überzeugungen hinsichtlich des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten.“
In Israel trifft die Debatte einen empfindlichen Nerv. Denn der ESC ist dort ein Großereignis: Die Auswahl der israelischen Kandidaten sorgt jedes Jahr für Schlagzeilen, Strandbars und Backpacker-Hostels zeigen den Wettbewerb auf mannshohen Bildschirmen, junge Menschen verabreden sich in Scharen zum gemeinsamen Schauen, Lästern und Mitfiebern. Als die israelische Sängerin Netta Barzilai 2018 den Wettbewerb mit ihrem feministischen Hit „Toy“ gewann, wurde ihr Sieg in Israel gefeiert wie in Deutschland ein Triumph der Fußball-Nationalmannschaft.
In Österreich blickt man dem ESC-Spektakel ohnehin mit gemischten Gefühlen entgegen
Gleichzeitig kursieren Berichte über mögliche Auswege aus dem ESC-Dilemma. Demzufolge soll Israels öffentlich-rechtlichem Sender Kan über informelle Kanäle nahegelegt worden sein, sich vorübergehend vom ESC zurückzuziehen oder unter neutraler Flagge aufzutreten. Die EBU dementierte jedoch, einen solchen Vorstoß unternommen zu haben. Der ESC dürfe nicht politisch werden, warnte Kan-Chef Golan Yochpaz vergangene Woche. Es gebe überdies „keinen Grund, warum Israel nicht weiterhin eine wesentliche Rolle in dieser kulturellen Veranstaltung spielen sollte“. Formell hat der Sender auf Forderungen, Israel solle sich zurückziehen oder unter neutraler Flagge antreten, noch nicht reagiert.
Viele Kommentatoren in sozialen und traditionellen Medien sehen die Forderungen, Israel vom ESC auszuschließen, als weiteren Beweis dafür, dass ein Großteil der Welt dem jüdischen Staat feindlich gegenüberstehe. Nur im linken Spektrum gibt es einige, die argumentieren, Israel habe sich mit seinem Vorgehen im Gazastreifen selbst ins diplomatische Abseits gespielt. In der linksliberalen Tageszeitung Haaretz spottete eine Autorin: „Die Geiseln im Stich lassen und Gaza auslöschen? Okay. Israel vom Eurovision Song Contest ausgeschlossen? Der Horror.“
In Österreich blickt man dem Musikspektakel nach dem Triumph von JJ ohnehin mit gemischten Gefühlen entgegen – nicht nur, weil der Countertenor in einem ersten Interview geäußert hatte, er wünsche sich einen ESC in Österreich „ohne Israel“. Tatsächlich ist der ESC zwar ein Großevent, aber eben auch ein kostspieliges. Musikprofessor Wickström sagt: „Für die austragenden Länder geht es vor allem um den Tourismus. Jedes Land will sich so von seiner besten Seite präsentieren. Die Rechnung ist einfach: Man investiert viel Geld, zeigt, wie schön das Land ist und hofft, dass dann möglichst viele Touristen kommen.“ Mehr als 160 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgen das Spektakel Jahr für Jahr. In Wien rechnet man mit fast 90.000 zusätzlichen Übernachtungen und einem Werbewert von mehr als 730 Millionen Euro. Trotzdem ist der ESC ein Risiko, erst recht für den austragenden Sender ORF, der aktuell ein immenses Sparkpaket schultern muss. Oder, wie JJ das Dilemma am Abend seines ESC-Siegs noch auf den Punkt gebracht hatte: „Leitln, wir haben den Schas gewonnen!“
Und jetzt noch der politische Streit um Israel, der zum echten Problem für den Gastgeber werden könnte. Sollte Spanien tatsächlich boykottieren, fehlen nicht nur viele Millionen Zuschauer, sondern auch Millionen an Mitteln. Inzwischen hat sich sogar Österreichs Außenministerin Beate Meinl-Reisinger in die Debatte eingemischt. Als Außenministerin des Gastgeberlandes sei sie „zutiefst besorgt über die Gefahr einer Spaltung zwischen den Mitgliedern der Europäischen Rundfunkunion in dieser Frage“. Ein Boykott als Reaktion auf die Teilnahme Israels würde „die Möglichkeiten für einen wichtigen Dialog zwischen Künstlern und der Bevölkerung verunmöglichen – ohne die Lage vor Ort in Israel und Gaza zu verbessern“, schrieb Österreichs Chefdiplomatin an ihre Amtskollegen und -kolleginnen. In Deutschland hat sich nun auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zu Wort gemeldet und vor einer Ausgrenzung Israels gewarnt. Der ESC sei mit der Idee gegründet worden, Nationen durch Musik zu verbinden, sagte Weimer. „Wer heute Israel ausschließt, stellt diesen Grundgedanken auf den Kopf und macht aus einem Fest der Verständigung ein Tribunal.“
1968 trat der Tscheche Karel Gott für Österreich an
Musikprofessor Wickström sieht das anders. „Der ESC wurde von der EBU gegründet, um Content zu liefern. Das war im Endeffekt ein europäischer Zusammenschluss von öffentlich-rechtlichen Sendern, um ein Medien-Event zu kreieren und auch, um Komponistinnen und Komponisten zu würdigen.“ Mittlerweile, sagt der 46-Jährige, sei daraus ein Länderwettbewerb geworden, der sich nie so ganz von der Weltpolitik abkoppeln konnte, „über den man auch gewisse Stellvertreterkriege führt“. 1968 zum Beispiel, als der Tscheche Karel Gott für Österreich antrat – eine klare Unterstützung der Reformbewegung des Prager Frühlings. Oder 1969, als der ESC in Madrid stattfand und Österreich den Wettbewerb boykottierte, weil Spanien von Diktator Franco beherrscht wurde. 1975 führte der Zypern-Konflikt zum Boykott Griechenlands. Auch, dass Länder vom ESC ausgeschlossen wurden, ist nicht neu. Das gilt etwa für Russland seit dem Einmarsch in die Ukraine 2022.
Für Wickström lässt sich der Fall Russland keinesfalls mit Israel vergleichen. „Das ist kein Angriffskrieg, wie das Russland in der Ukraine gemacht hat. Israel ist immer noch ein Land, das versucht, sich zu verteidigen gegen die Hamas, gegen Terroristen – auch, wenn Netanjahu weit übers Ziel hinausgeschossen ist.“ Eine Grundlage, Israel vom ESC auszuschließen, sieht er daher nicht. In Deutschland läuft der Wettbewerb in diesem Jahr unter Federführung des SWR. Dort betont man, dass der ESC von den EBU-Sendern, „nicht von Regierungen organisiert“ werde. Einen ESC-Boykott Deutschlands hält Wickström für ausgeschlossen. „Das wäre tatsächlich ein Eklat.“
Wie es nun weitergeht? Die EBU hat „einen umfangreichen Konsultationsprozess mit den Mitgliedssendern eingeleitet“, heißt es. Auf der nächsten Generalversammlung Anfang Dezember will man die Teilnahme Israels zur Abstimmung stellen. Ausgang ungewiss.
Doch schon jetzt ist klar: Wenn sich im Mai in der Wiener Stadthalle die Länder zur 70. ESC-Ausgabe versammeln, wird es nicht allein um Musik und Spektakel gehen – sondern auch um die Frage, ob Europas größte Bühne dem Druck der Politik standhalten kann.
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