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Hass auf den Gurt: Warum sich viele Menschen vor 50 Jahren nicht anschnallen wollten

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Glaubenskrieg um den Lebensretter: Warum sich viele Menschen vor 50 Jahren nicht anschnallen wollten

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    Anschnallen ist heute ganz selbstverständlich. Vor 50 Jahren war das noch anders.
    Anschnallen ist heute ganz selbstverständlich. Vor 50 Jahren war das noch anders. Foto: Sven Hoppe, dpa

    Die Bilanz ist erschütternd: Im Jahr 1973 starben allein auf westdeutschen Straßen über 18.000 Menschen. In den Jahren zuvor waren sogar über 20.000 Todesopfer zu beklagen. Es musste sich also etwas ändern. Denn immer mehr Autos bedeuteten auch eine zunehmende Gefahr im deutschen Verkehr.

    Die damalige Bundesregierung, eine Koalition aus SPD und FDP unter Bundeskanzler Helmut Schmidt reagierte und führte ab 1. Januar 1976 die allgemeine Anschnallpflicht für Fahrer und Beifahrer auf den Vordersitzen ein.

    Anschnallen oder nicht anschnallen? Das war die Gretchenfrage

    Doch dafür erntete sie zunächst kein Lob. Im Gegenteil. Aus heutiger Sicht ist es kaum zu verstehen, doch anfänglich gab es massive Widerstände gegen den lebensrettenden Sicherheitsgurt. Es herrschte eine Art Glaubenskrieg: Anschnallen oder nicht anschnallen? So lautete die Gretchen-Frage.

    Der Grund dafür klingt aus heutiger Sicht fast verrückt: Für viele bedeutete der Sicherheitsgurt eine Einschränkung der persönlichen Freiheit. Es gab regelrechte Gurthasser beiderlei Geschlechts. Der Spiegel widmete ihnen im Dezember 1975 sogar die Titelgeschichte: „Gefesselt ans Auto“. Horrorgeschichten machten die Runde. Man würde nach Unfällen im Auto verbrennen oder im Wasser ertrinken, weil man sich nicht befreien kann.

    Mitte der 70er schnallten sich noch sehr wenige Menschen an

    Der Streit beschäftigte laut Spiegel sogar die Rechtswissenschaft. Hat der Staat das Recht, dem Bürger die Verfügung über seinen Körper zu nehmen? Warum pickt der Staat sich gerade den Gurt zur Disziplinierung heraus, wo sich doch jeder auch zu Tode rauchen oder trinken kann?

    Kaum zu glauben: Obwohl Mitte der 70er in fast 40 Prozent aller Autos Gurte installiert waren, nutzten sie im Stadtverkehr nur fünf Prozent der Autofahrer. Auf Autobahnen waren es zwar immerhin 15 Prozent, angesichts der hohen Geschwindigkeiten aber immer noch viel zu wenig. Durch die Gurtpflicht fühlten sich manche, die sich sogar angeschnallt hatten, erst einmal so provoziert, dass sie wieder darauf verzichteten.

    Wer nicht angeschnallt ist, muss zahlen

    Um die Ursachen für die hohe Zahl an Gurtmuffeln zu ergründen, hatte das Bundesverkehrsministerium übrigens schon 1974 eine psychologische Studie in Auftrag gegeben. Dabei zeigte sich, wie tief der Widerwille, sich anzuschnallen, bei vielen Menschen saß. Manche Befragten verweigerten schlichtweg die Antwort, andere griffen die Interviewer sogar verbal an.

    Weil viele sich also trotz aller Erkenntnisse aus der Unfallforschung weiterhin weigerten, den Gurt anzulegen, musste die Politik knapp zehn Jahre später noch einmal nachlegen. Ab 1. August 1984 musste man unangeschnallt 40 D-Mark zahlen, um die Akzeptanz zu erhöhen. Heute droht einem 30 Euro Bußgeld, wenn Fahrer oder erwachsene Insassen den Sicherheitsgurt nicht anlegen.

    Inzwischen gehört der Gurt zu den wichtigsten Lebensretten auf der Straße

    Bei Kindern sind die Strafen allerdings höher und staffeln sich nach Schwere der Sicherungsverletzung von 30 Euro (für nicht vorschriftsgemäße Sicherung wie fehlender Kindersitz) bis 60 Euro und 1 Punkt in Flensburg, wenn ein Kind gar nicht gesichert ist.

    Inzwischen ist der Gurt – auch in Kombination mit Airbags und anderen Sicherheitssystemen – nach Ansicht aller Unfallforscher der wichtigste Lebensretter auf der Straße. Das haben auch die meisten Autofahrer kapiert. Die Anschnallquote auf den Vordersitzen beträgt heute etwa 98 Prozent.

    Ablenkungen am Steuer gefährden die Sicherheit

    Weil Automobilisten aber, gerade bei kurzen Fahrten, den Gurt offenbar immer noch nicht immer anlegen, seien sogenannte „Gurtwarner“ wichtig, heißt es beim ADAC. Denn dass der Airbag den Gurt ersetzt, sei ein gefährlicher Irrglaube. Er entwickle seine Schutzfunktion überhaupt nur in Kombination mit dem Sicherheitsgurt.

    In der Versicherungsbranche ist man froh, dass der Sicherheitsgurt sich durchgesetzt hat, sieht aber schon neue Herausforderungen: „Die allgemeine Akzeptanz des Sicherheitsgurts war ein großer Meilenstein – aber die Gefahren gehen weiter. Ablenkungen am Steuer durch digitale Medien sind nur ein Beispiel“, sagt Lucie Bakker, Schadenvorständin der Allianz Versicherung.

    Am wenigsten Unfalltote im Corona-Jahr 2021

    Wie segensreich der Sicherheitsgurt und seine Assistenten sind, lässt sich allein an den Zahlen ablesen. Obwohl heute im längst vereinigten Deutschland viele Millionen mehr Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind, ereignen sich viel weniger tödliche Verkehrsunfälle. 2025 werden es gut 2.800. Am wenigsten Menschen starben übrigens im Corona-Jahr 2021. Damals wurden „nur“ 2562 Unfalltote verzeichnet. Aber das hatte noch einmal andere Gründe. Denn zu dieser Zeit waren vorübergehend schlichtweg weniger Autos auf der Straße.

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