Als Richard und Mary Malone am Donnerstagnachmittag vor der Athener Akropolis eintreffen, stehen sie vor verschlossenen Toren. Dabei war das Paar, das gerade erst geheiratet hat, eigens aus dem kanadischen Toronto angereist, um den weltberühmten Parthenon-Tempel aus der Nähe zu sehen. „Einmal im Leben“, wie Mary Malone sagt. Doch an diesem Nachmittag geht erst einmal nichts mehr an der Welterbestätte. Es ist heiß, viel zu heiß. Die Luft steht, Sonne brennt jetzt, um die Nachmittagszeit, unbarmherzig auf das Gelände, das ohnehin nur wenig Schatten bietet. Die griechische Regierung hat die Akropolis deswegen in den heißesten Stunden des Tages geschlossen. Auch andere antike Stätten im ganzen Land sind während der heißesten Stunden gesperrt – um die Besucher und die Antikenwächter, die viele Stunden in praller Sonne verbringen müssen, von Dehydrierung und Hitzschlag zu schützen.
Die Malones lassen sich nicht entmutigen. Im Schatten eines Olivenbaums harren sie aus und warten, bis die antike Stätte um 17 Uhr wieder öffnet. Da steht die brennende Sonne zwar etwas tiefer, aber das Thermometer zeigt immer noch 42 Grad an. Helfer des griechischen Roten Kreuzes verteilen am Eingang zur Akropolis kostenlose Wasserflaschen und Broschüren mit Tipps, wie man am besten mit der Hitze umgeht: Eine Kopfbedeckung und lockere, helle Kleidung aus Baumwolle tragen, viel Wasser trinken, Alkohol, schweres Essen und körperliche Anstrengungen meiden.
Geschlossene Tempel, glühend heißer Asphalt, Fahrverbot für Pizza-Kuriere: Griechenland erlebt in diesen Tagen die bisher brutalste Hitzewelle dieses Sommers. Und es trifft ja längst nicht nur Griechenland. Blickt man auf die Wetterkarten, ist der ganze . Auch Italien, die Türkei und Zypern ächzen derzeit unter extremen Temperaturen.
Auf der italienischen Insel Sizilien wurden in dieser Woche morgens um 10 Uhr schon mehr als 30 Grad gemessen, in der türkischen Metropole Istanbul waren es zu dieser Zeit bereits 36 Grad. In Italien ist vor allem der Süden des Landes betroffen, wo Temperaturen bis zu 45 Grad gemessen wurden. In Palermo, der Hauptstadt Siziliens, gilt die höchste Hitze-Alarmstufe Rot. In mehr als einem Dutzend weiterer Städte wurden ebenfalls Hitzewarnungen ausgegeben. Das bedeutet, dass auf körperliche Anstrengungen im Freien möglichst verzichtet werden soll. Ältere Menschen sollen sich besonders in Acht nehmen. Für die nächsten Tage sagen die Wetterdienste keine Entspannung voraus. Nach Angaben der italienischen Behörden gab es allein in der Region Apulien mindestens fünf Todesfälle, die in Zusammenhang mit den hohen Temperaturen stehen könnten.
- vielerorts mit Temperaturen von über 40 Grad. In der Touristenhochburg Antalya dürften an diesem Freitag mehr als 45 Grad erreicht werden. Das wäre laut Meteorologen der heißeste Juli-Tag seit 1930. Auch für Istanbul warnten Meteorologen vor Temperaturen am Wochenende um 40 Grad. Die Urlaubsregion Izmir an der Ägäis erlebt den trockensten Sommer der letzten Jahre. Ein Staudamm sei bereits leer, weitere auf kritisch niedrigem Stand, warnte der Direktor der Wasserwerke. In der bei Urlaubern beliebten Gemeinde Cesme etwa soll das Wasser ab Freitag jede Nacht für sieben Stunden abgestellt werden. In Marmaris wurden Urlauber derweil am Strand von Wildschweinen überrascht, die offensichtlich Abkühlung suchten. Internetvideos zeigen, wie ein Rudel mit mehreren Frischlingen zwischen den Sonnenliegen hindurch zielstrebig aufs Meer zuläuft und sich dann im Wasser suhlt.
Verursacht werden die extremen Temperaturen von einem stabil starken Hochdrucksystem, das wie ein Deckel wirkt, erklärt der Augsburger Klimaforscher Harald Kunstmann. Hinzu kommt eine besorgniserregende Entwicklung: wie die Aufzeichnungen der US-Klimabehörde NOAA belegen. Bereits Mitte Juli liegen die Wassertemperaturen bei bis zu 30 Grad. Rund um Griechenland liegt die Wassertemperatur aktuell drei Grad über dem langjährigen Mittel zu dieser Jahreszeit, vor Korsika oder den Balearen sind es sogar fünf Grad. In Nizza, wo Wassertemperaturen von 27 Grad herrschen, mussten die Triathleten beim Iron-Man Ende Juni auf ihre Anzüge verzichten, um keinen Kreislaufkollaps zu erleiden. Klimaforscher Kunstmann sagt: „Das verstärkt nochmals den Einfluss des stabilen Hitzedeckels der Atmosphäre.“
Dass das Wasser im Mittelmeer fast so warm wie in der Badewanne, mag manchen Urlauber freuen. Wissenschaftlern aber macht diese Entwicklung seit geraumer Zeit große Sorgen. Der Weltklimarat bezeichnet das Mittelmeer längst inzwischen als „Hotspot des Klimawandels“, weil es sich so stark aufheizt wie sonst nur die Arktis. Das liegt auch daran, dass das Mittelmeer wie ein Becken umschlossen ist und kaum Gezeiten kennt. Die beängstigenden Folgen sieht man in Griechenland, wo die Hitzeperioden intensiver werden und immer länger andauern. „Die Häufung der Extreme ist genau das, was wir von unserem Verständnis des Klimawandels erwarten. Und was unsere Anpassung herausfordert“, sagt Kunstmann.
Seit 2021 erlebte Griechenland jeden Sommer eine Hitzewelle von mehr als zehn Tagen. 2023 dauerte sie 15 Tage, 2024 waren es 16 Tage. Das war die bisher längste, aber nicht die heißeste Hitzeperiode. Die Temperaturen stiegen damals auf 43 Grad. Am Freitag wurde dieser Wert an vielen Orten übertroffen. Kostas Lagouvardos, Forschungsdirektor an der Sternwarte Athen und Koordinator der Arbeitsgruppe Meteo, sieht eine „beunruhigende Entwicklung“. In diesem Juli lagen die mittleren Temperaturen bereits zur Monatsmitte 1,5 Grad über dem langjährigen Durchschnitt. Dieser Wert wird infolge der gegenwärtigen Hitzewelle weiter ansteigen, sagt Lagouvardos.
Am Freitag zählten Amfissa in der Nähe des antiken Delphi, Sparta auf der Halbinsel Peloponnes und die Insel Salamis vor Athen mit Temperaturen von über 44 Grad zu den heißesten Orten. Im Stadtzentrum Athens kocht unterdessen der Boden. Mit Wärmebildkameras wurden Temperaturen von 60 Grad auf dem Asphalt gemessen. Das Arbeits- und Sozialministerium hat Arbeiten im Freien zwischen 11 und 18 Uhr verboten. Es gilt zum Beispiel für die Landwirtschaft, Bauarbeiter und Müllabfuhr, aber auch für Paketzusteller sowie Motorrad- und Fahrradkuriere. Wer am Freitagmittag eine Pizza oder einen Burger bestellte, musste bis zum frühen Abend auf die Lieferung warten.
In Athen und vielen anderen Städten öffneten die Kommunalverwaltungen klimatisierte städtische Säle. Hier können Menschen, die in den eigenen Wohnungen keine Klimaanlage besitzen, Zuflucht vor der Hitze suchen. Auch an die Tiere wird gedacht: Mitarbeiter der Athener Stadtverwaltung stellen in den Straßen Wassernäpfe für streunende Hunde und Katzen auf. Vor allem in den Ballungsräumen macht die extreme Hitze den Menschen zu schaffen. Der Autoverkehr und die warme Abluft der Klimaanlagen heizen die Städte zusätzlich auf. Das Häusermeer der Vier-Millionen-Stadt Athen speichert die Sonnenhitze und strahlt sie in der Nacht ab. So fällt das Thermometer in vielen Athener Stadtteilen auch nachts nicht mehr unter 30 Grad.
Bei der bisher schlimmsten Hitzewelle brach die Wasserversorgung immer wieder zusammen
Ältere Menschen in Griechenland denken zurück an den Juli 1987. Damals erlebte das Land die schlimmste Hitzekatastrophe seit Menschengedenken. Die Temperaturen stiegen auf 46 Grad im Schatten. Alexandra Kallitsi wohnte damals im Athener Stadtteil Kypseli. „Es war die Hölle. Zehn Tage lang fielen die Temperaturen nicht unter 40 Grad“, erinnert sich die heute 72-Jährige. „Wir haben versucht, uns mit kalten Duschen vor der Hitze zu schützen, aber immer wieder brach die Wasserversorgung zusammen. Damals waren Klimageräte ein teurer Luxus, den sich nur wenige leisten konnten, sogar viele Krankenhäuser waren seinerzeit noch nicht klimatisiert.“ Es war die bis dahin längste Hitzewelle seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen 1890. Mindestens 800 Menschen starben allein in Athen infolge der Hitze. Andere Schätzungen gehen in eine Größenordnung von 1300 Hitzetoten.
Der Klimawandel verstärkt nicht nur die Hitzewellen, er fordert auch deutlich mehr Menschenleben. Nach eigte eine Schnellstudie unter Leitung von Wissenschaftlern des Imperial College London und der London School of Hygiene & Tropical Medicine: Der Klimawandel hat die jüngste Hitzewelle um ein bis drei Grad verstärkt und dadurch die Zahl der Todesopfer verdreifacht. Ben Clarke vom Imperial College London betont: „Hitzewellen hinterlassen keine Spur der Zerstörung wie Waldbrände oder Stürme. Ihre Auswirkungen sind meist unsichtbar, aber lautlos verheerend. Eine Veränderung von nur zwei oder drei Grad Celsius kann für Tausende von Menschen den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.“
Ein gemeinsamer Bericht der Weltorganisation für Meteorologie und des europäischen Copernicus Climate Change Service besagt, dass die Auch viele Urlauber unterschätzen die gesundheitlichen Gefahren dieser Temperaturen. In diesem Sommer sind in Griechenland bereits fünf Touristen ums Leben gekommen, weil sie trotz extremer Hitze zu Wanderungen aufbrachen. Im vergangenen Jahr war auch der bekannte britische Fernseharzt und BBC-Moderator Michael Mosley in der Hitze Griechenlands auf tragische Weise gestorben. Mosley war auf Insel Symi zu einer Wanderung aufgebrochen, offenbar nur mit einer kleinen Wasserflasche ausgestattet bei 37 Grad und hatte eine falsche Abzweigung genommen. Der Autopsiebericht legte damals nahe, dass er wohl aufgrund der brütenden Hitze kollabiert war.
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