Wer draußen unterwegs ist, begegnet ihnen überall – doch die wenigsten wissen, welche Insekten sie bei einem Spaziergang durch die Natur eigentlich sehen. Kostenlose Smartphone-Apps versprechen schnelle Hilfe: einfach ein Foto machen und die Art innerhalb kürzester Zeit bestimmen lassen. Einige Anwendungen funktionieren inzwischen erstaunlich zuverlässig und sind besonders für Einsteiger geeignet. Wir stellen Ihnen drei davon vor.
Insekten erkennen per Smartphone: Warum Naturbeobachtung gerade boomt
Naturbeobachtungen erleben seit einigen Jahren einen deutlichen Aufschwung. Immer mehr Menschen richten ihren Blick wieder bewusst auf die Umgebung vor der eigenen Haustür – sei es beim Spaziergang, auf dem Balkon oder im Garten. Besonders Insekten stehen dabei im Fokus, nicht zuletzt wegen der anhaltenden Diskussionen über Artensterben und Biodiversität. Wer genauer hinschaut, merkt schnell: Zwischen Wildbienen, Käfern und Schmetterlingen gibt es weit mehr Vielfalt, als man im Alltag wahrnimmt.
Parallel dazu wächst laut EU die sogenannte „Citizen Science“: Naturinteressierte dokumentieren ihre Beobachtungen zunehmend selbst und stellen sie wissenschaftlichen Projekten zur Verfügung. Fotos von Insekten werden dabei nicht nur gesammelt, sondern helfen Forschenden auch, Verbreitung und Veränderungen von Arten besser nachzuvollziehen. Das Smartphone wird so zum Werkzeug für Forschung im Alltag.
Möglich macht das vor allem die rasante Entwicklung der KI-gestützten Bilderkennung. Moderne Apps analysieren Fotos innerhalb weniger Sekunden und schlagen passende Arten vor – oft erstaunlich präzise, selbst bei wenig bekannten Insekten. Was früher Fachbücher oder eine umfangreiche Online-Recherche erforderte, funktioniert heute direkt über die Kamera des Handys.
Statt lange im Internet nach Beschreibungen zu suchen oder unklare Bildvergleiche anzustellen, können Nutzerinnen und Nutzer Insektenarten dadurch spielerisch kennenlernen. Die Apps liefern nicht nur Namen, sondern häufig auch Hintergrundinformationen zur Lebensweise und Verbreitung der Tiere – und machen aus einer zufälligen Entdeckung schnell einen kleinen Lernmoment unterwegs.
Insekten erkennen: Diese drei kostenlosen Apps verraten einem, was da kriecht, fliegt oder krabbelt
Mehrere kostenlose Apps haben sich dabei etabliert und eignen sich sowohl für spontane Entdeckungen als auch für ambitionierte Naturbeobachter. Wir stellen Ihnen hier drei vor.
ObsIdentify: Foto machen, bestimmen, direkt beitragen
ObsIdentify ist auf einen sehr einfachen Ablauf ausgelegt: Foto aufnehmen, Insekt mit einem Klick bestimmen lassen – und die Beobachtung auf Wunsch direkt dokumentieren. Hinter der App steht observation.org, eine weltweite Plattform für Biodiversität und Bürgerwissenschaft, die seit 2004 existiert und nach eigenen Angaben unter EU-Datenschutzrecht arbeitet. Der Datensatz umfasst dort „mehr als 250 Millionen Beobachtungen“ und wächst jährlich um weitere Millionen Einträge; abgesichert wird die Datenqualität durch „über 1000 Artenspezialisten“, die gemeinsam mit intelligenter Technologie und KI arbeiten. Die Daten werden laut der Plattform unter anderem zur Verfolgung von Artenausbreitung und Klimawandel genutzt und seien in „über 2000 wissenschaftlichen Publikationen“ enthalten.
Für Nutzerinnen und Nutzer bedeutet das: Die App ist nicht nur ein Bestimmungshelfer, sondern auch ein Werkzeug, um eigene Funde strukturiert zu sammeln und – wenn gewünscht – in ein größeres Monitoring einzuspeisen. Gamification ist ebenfalls Teil des Konzepts: Es gibt Badges, Challenges und BioBlitze.
Geeignet für: Einsteiger, die schnell bestimmen wollen, und alle, die Citizen Science „nebenbei“ mitnehmen möchten
Besonders: wissenschaftlicher Hintergrund und Community/Validierung durch Spezialisten
iNaturalist: Foto-Vorschlag plus Schwarmwissen der Community
iNaturalist beschreibt seinen Ansatz als Dreischritt: beobachten, teilen, diskutieren. Neben der automatischen Erkennung von Insekten ist ein Kernpunkt das Crowdsourcing der Bestimmungen. Nutzerinnen und Nutzer können ihre Funde einstellen und mit Expertinnen, Experten und der Community diskutieren. Gleichzeitig betont iNaturalist den wissenschaftlichen Nutzen: Beobachtungen können zur Erforschung von Biodiversität beitragen, und iNaturalist teilt Funde mit wissenschaftlichen Datensammlungen wie der Global Biodiversity Information Facility (GBIF), damit Forschende die Daten finden und nutzen können. Im Vergleich zu reinen „Scan-Apps“ ist iNaturalist deshalb besonders dann stark, wenn man nicht nur einen Namen will, sondern auch Rückfragen stellen möchte – und wenn man Freude daran hat, sich über Arten auszutauschen. iNaturalist weist zudem darauf hin, dass die Apps auf mehreren Geräten verfügbar sind und man auch ohne Mobilfunk oder WLAN beobachten kann.
Geeignet für: Menschen, die Bestimmung als Hobby betreiben und von der Community lernen wollen
Besonders: Identifikation durch Crowdsourcing und Datenbeitrag an die GBIF
Seek by iNaturalist: Live-Erkennung – ohne Registrierung, familienfreundlich
Seek ist die „kleine Schwester“ von iNaturalist und setzt stark auf den Moment draußen: Kamera öffnen, auf ein Lebewesen richten, und Seek versucht, es direkt zu identifizieren. Die Arten können hier live identifiziert werden, wofür die App laut eigenen Angaben keine aktive Internetverbindung benötigt.
Die App ist stark gamifiziert und richtet sich laut Anbieter ausdrücklich auch an Familien. Eine Registrierung ist für die Nutzung nicht notwendig, und es werden keine Nutzerdaten gespeichert. Seek kann Standortfreigaben anfragen, verschleiert den Standort jedoch, um die Privatsphäre zu schützen. Der Anbieter gibt an, dass präzise Standorte nicht gespeichert oder an iNaturalist gesendet werden.
Seek erklärt außerdem transparent, worauf die Erkennung basiert: auf Millionen Beobachtungen, die auf iNaturalist und Partnerseiten eingereicht und von der Community bestimmt wurden.
Geeignet für: spontane Entdeckungen, Familien, Einsteiger; „Handy raus und los“
Besonders: keine Registrierung, datensparsam; Bestimmung direkt über die Kamera
Alternative aus Deutschland: Artenwissen mit der Insekten-App des NABU
Eine deutsche Alternative zu den drei genannten Smartphone-Apps bietet der NABU mit dem „Insektensommer“. Anders als klassische Apps läuft das Angebot als kostenlose Web-App direkt im Browser und lässt sich ohne Installation nutzen. Die Anwendung bestimmt Insekten per KI-Bilderkennung und dient zugleich als Nachschlagewerk. Laut NABU enthält sie 457 ausführliche, bebilderte Insektenporträts und führt Nutzerinnen und Nutzer bewusst durch den Bestimmungsprozess: Erst wird die Insektengruppe (Ordnung) eingegrenzt, dann die Familie (z. B. Marienkäfer), und in vielen Fällen werden sogar Gattungen erkannt. Das Ziel ist ausdrücklich nicht nur „Ergebnis ausspucken“, sondern Artenwissen vermitteln: In „maximal fünf Schritten“ kann man sich dem Namen nähern, jederzeit zurückgehen und Alternativen prüfen – so sollen „Bestimmungs-Sackgassen“ vermieden werden.
Technisch wichtig: Für die Web-App wird eine stabile Internetverbindung benötigt. iPhone-Nutzerinnen und -Nutzer weist der NABU darauf hin, dass die Bilderkennung ausschließlich mit JPG arbeitet.
Geeignet für: alle, die heimische Insekten kennenlernen wollen und eine geführte Bestimmung mögen
Besonders: Schritt-für-Schritt-Logik und Porträts als Wissensdatenbank
Nach den Kurzvorstellungen wird schnell klar: Die Apps funktionieren zwar bequem per Foto oder sogar live über die Kamera – aber das Ergebnis hängt stark davon ab, wie gut das Motiv erfasst und wie die jeweilige Anwendung aufgebaut ist. Insektenfreunde probieren also am besten selbst aus, welche der genannten Anwendungen ihnen beim Spazierengehen und Entdecken am meisten helfen.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren