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Internet-Shutdowns in Russland: Eingeschränkter Empfang

Russland

Plötzlich offline: Wie junge Russen mit Internet-Shutdowns umgehen

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    SMS-Nachrichten funktionieren noch. Wie diese Drohnenwarnung: „Achtung. In der Republik Tschuwaschien besteht jetzt die Gefahr einer Attacke unbemannter Flugobjekte. Seien Sie wachsam!“ Mobiles Internet ist auf Smartphones in vielen russischen Gebieten hingegen immer öfter nicht mehr nutzbar.
    SMS-Nachrichten funktionieren noch. Wie diese Drohnenwarnung: „Achtung. In der Republik Tschuwaschien besteht jetzt die Gefahr einer Attacke unbemannter Flugobjekte. Seien Sie wachsam!“ Mobiles Internet ist auf Smartphones in vielen russischen Gebieten hingegen immer öfter nicht mehr nutzbar. Foto: Stefan Scholl

    Igor will nicht aufhören, zu reden. „Nee, Skilaufen und Eishockey kann ich nicht ausstehen. Ich liebe nur Frauen und Autos“, erzählt der stämmige junge Mann. Dass es kein Internet mehr gibt in der Stadt, das störe ihn nicht. „Das Handy fiepst nicht mehr ständig herum“, Igor grinst, „es klingelt nur noch, wenn dich wirklich jemand anruft.“ Igor ist gerade im „Apple-Doctor“. Es herrscht noch reger Betrieb in dem Laden, obwohl das Einkaufszentrum von Tscheboksary, „Kaskade“, eigentlich um 20 Uhr und damit vor zwei Minuten geschlossen hat. Der junge Mann mit dem Bärtchen hat sein iPhone reparieren lassen, ein anderer Mann interessiert sich für ein neues. Apple-Elektronik gilt in der Hauptstadt der Wolga-Republik Tschuwaschien in Russland unverändert als Statussymbol. Trotz der erheblichen Einschränkungen.

    Denn Smartphones werden selbst im russischen Hinterland immer flächendeckender zu simplen Mobiltelefonen. Ohne Internetempfang.

    Im Juni klagten laut dem Telegram-Kanal „Na Swjasi“ Einwohner in etwa 30 von 83 russischen Gebietseinheiten über Ausfälle des mobilen Internets, an Silvester meldete der Kanal bereits in insgesamt 64 Regionen derartige Shutdowns. In Tscheboksary wurde das Mobilnetz am 30. Dezember ausgeschaltet. Und so etwas häuft sich.

    Das Internet werde zur „Sicherheit der Bürger“ ausgeschaltet, heißt es

    Die Websites auf den Smartphone-Bildschirmen klemmten erstmals im Mai in Moskau – angeblich, um die Sicherheit der Parade zum 80. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland zu gewährleisten. Auch Michail Stepanow, der tschuwaschische Minister für digitale Entwicklung, erklärt mittlerweile, man habe in Tscheboksary das Internet zur „Sicherheit der Bürger“ ausgeschaltet. Und täglich piepsen SMS: „Achtung. In der Republik Tschuwaschien besteht jetzt die Gefahr einer Attacke unbemannter Flugobjekte. Seien Sie wachsam!“ Tatsächlich schlugen mehrfach ukrainische Kampfdrohnen in Tscheboksary ein, bei einem Angriff am 9. Dezember gab es nach offiziellen Angaben 14 Verletzte. Einwohner erzählen gar von einem Toten, die Behörden dementieren.

    Aber Shutdowns melden die Wirtschaftsportale RBK und Kommersant auch an der russischen Pazifikküste, auf Kamtschatka und Sachalin – und so weit fliegt noch keine ukrainische Drohne. Während ein Landwirt aus der an die Ukraine grenzenden Region Bryansk sagt, trotz häufiger Drohnen- oder Raketenangriffe habe es dort seit Juni 2025 keinen Shutdown mehr gegeben.

    In dutzenden russischen Regionen klagten zuletzt Einwohnerinnen und Einwohner über Ausfälle des mobilen Internets.
    In dutzenden russischen Regionen klagten zuletzt Einwohnerinnen und Einwohner über Ausfälle des mobilen Internets. Foto: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa (Archivbild)

    Der Moskauer Internetexperte Alexander Issawnin glaubt, oft schalteten regionale Verwaltungschefs das Internet ab, um der Moskauer Obrigkeit Kampfmoral zu demonstrieren: „Die Drohnen haben wir zwar nicht aufhalten können, aber dafür verzichten wir komplett aufs Internet.“ Andere Russen halten den Drohnenalarm nur für einen Vorwand des Staates, um das Netz unter seine Kontrolle zu bringen. In Tscheboksary nutzen die Behörden wie in fast allen anderen betroffenen Gebieten den Ausfall, um bei ansonsten blockiertem Internet ihre sogenannte Weiße Liste zu erproben – den Zugang zu ausgewählten staatlichen und staatsnahen Portalen und Apps. Dazu gehören die amtliche Service-Seite Gosuslugi, der Online-Marktplatz Wildberries, das liberal-linientreue Wirtschaftsportal RBK, vor allem aber der vaterländische Messenger Max. Mit ihm will der Staat nach dem Vorbild des chinesischen WeChat die virtuellen Kommunikationsströme des Volkes unter Kontrolle bringen.

    Viele Großstadt-Tschuwaschen tun so, als seien sie völlig einverstanden. „Max funktioniert, Gosuslugi auch, und auf der Arbeit haben wir unser Betriebsnetz“, sagt beispielsweise Pawel, 42, Manager einer lokalen Autowerkstattkette. Wozu brauche er sonst Internet?

    Die Anruffunktionen auf WhatsApp und Telegram sind inzwischen blockiert

    Das Argument liberaler Fachleute, dass die Behörden Zugriff auf sämtliche Daten haben, die die Max-Nutzer austauschen, lässt Pawel nicht gelten: „Woher wisst ihr, dass Gosuslugi oder die Sparkassen-App euch nicht auch abhören?“ Und überhaupt, die Staatsmacht sei wie eine Mutter: Sie wolle wissen, auf welchen Portalen sich ihre Kinder im Internet herumtreiben.

    Max ist trotzdem unbeliebt. Mitte Dezember nutzten den Dienst laut dem Portal Mediascope knapp 38 Prozent der Russen täglich – weniger als die Konkurrenten WhatsApp (57 Prozent) und Telegram (46 Prozent). Und das, obwohl Max seit Herbst Pflicht-App auf allen in Russland verkauften Handys ist, obwohl die Staatsmedien ihn eifrig anpreisen, obwohl die Anruffunktionen auf WhatsApp und Telegram inzwischen blockiert sind.

    Aktiver Widerspruch oder gar Widerstand gilt der Mehrzahl der Russinnen und Russen als Tabu und als peinlich. Aber sozusagen passiv misstraut das Volk traditionell gleichwohl allem, was man ihm von oben aufdrücken will. Gegenüber Ausländern aus dem offiziell als feindselig eingestuften Westen schimpft man lieber über die heftigen Schneefälle und über die Autos, die man nach jedem Parken neu freischaufeln muss. Der Shutdown dagegen ist im Stadtbild kaum sichtbar, und die Leute, die jetzt mit dem Handy hantieren, verschicken statt WhatsApp-Botschaften eben SMS. Während der Pause des Sowjet-Musicals „Zwölf Stühle“ in der Philharmonie von Tscheboksary vertieft sich eine Besucherin in ein Wurmjagdspiel auf ihrem Handy. Offline.

    In der Provinz ist der Ausfall des mobilen Internets umso stärker zu spüren. WLAN ist hier schon aus Kostengründen viel weniger verbreitet als in Moskau, selbst im Edelcafé „Bufet“ an der Gagarinstraße ist es ausgeschaltet. Vor dem Eingang des Metro-Großmarkts am östlichen Stadtrand stehen manchmal ein paar Personen, die das kostenlose WLAN der Firma nutzen. Sie mache hier online einen Augenarzttermin aus, erzählt eine Frau. Ihr kabelloses Netzwerk zu Hause hängt wie viele andere Privathaushalte auch an einem mobilen Anschluss und ist deshalb tot.

    Internet ist also punktuell geworden in Tscheboksary. Im Coffeeshop „Festiwal“ oder in den Einkaufszentren kann man etwa online gehen. Oder man überquert die Staumauer über den Wolgaschleusen östlich der Stadt – im Wald am anderen Flussufer funktioniert die mobile Verbindung wieder. Der Shutdown betrifft nur das Gebiet der 450.000-Einwohner-Stadt, wirklich sauber arbeiten der virtuelle Große Bruder und seine „Weiße Liste“ jedoch auch dort nicht. Viele Bürgerinnen und Bürger klagen, selbst die App der Sberbank, der größten staatlichen Verbraucherbank, streike. Ärgerlich, weil man sich daran gewöhnt hat, beim Schuhmacher oder im Imbissladen online zu zahlen.

    Im Studentencafé „Universitetskaja“ sitzen fünf junge Leute um einen Tisch, alle bearbeiten mit großem Eifer ihre Smartphones. „Wir sind im Netz“, sagt Nikolaj, 18, ein BWL-Student, und bemüht sich erfolgreich, seine Genugtuung hinter Lässigkeit zu verbergen. Er habe von einer Freundin eine neue VPN, die alle staatlichen Blockaden inklusive der „Weißen Liste“ knacke. Mithilfe der VPN-Technologie lässt sich eine verschlüsselte Verbindung herstellen. „Quattro“ heißt sein VPN, es kostet umgerechnet 2,20 Euro im Monat. Tatsächlich: Über die App-Funktion „Umgehung LTE-Russland“ können wirklich alle in- und ausländischen Portale geöffnet werden.

    Junge Leute wollen auf virtuelle Freiheiten nicht verzichten

    Jungen Russen ist die virtuelle Freiheit überaus wichtig. TikTok ist Kult bei Teenagern, Instagram bei jungen Frauen, das Telegram-Universum mit seinen Chatbots und Kanälen bei allen. Diese Adressen hat die russische Zensurbehörde Roskomnadsor allerdings sämtlich blockiert.

    Ein Teil der Jungen bahnt sich mittels VPN den Weg zu kritischen politischen Inhalten. Viele wollen einfach aus der gedanklichen Enge des Regimes ausbrechen. „Der blockierte Teil des Internets kann vielleicht die Rolle der Rockgruppen in der späten Sowjetunion übernehmen. Je strenger die Obrigkeit deren Auftritte untersagte, umso mehr junge Leute wollten sie hören“, sagt Experte Alexander Issawnin. Nach Angaben des Statistikportals seasia.co nutzten im vergangenen Februar 41,8 Prozent der Russen Umgehungs-Apps. Nur in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist die VPN-Dichte mit 42,3 Prozent etwas höher.

    Nach 17 Tagen Shutdown ist zuletzt das mobile Internet in Tscheboksary Mitte Januar wieder eingeschaltet worden. Der Apple-Techniker, der Igors iPhone reparierte, hat ihm zwei weitere VPNs heruntergeladen, mit denen man die „Weiße Liste“ umgehen könne, wie er erklärt. Eine funktionierende, sichere Internetverbindung scheint Igor dann doch recht wichtig zu sein – ähnlich wichtig, wie in seinen Worten Frauen oder Autos.

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