Wer sich in Frankreich aufhält, sollte sich mit dem Regelwerk der Begrüßungs-Bussis auseinandersetzen, denn diese sind von Region zu Region verschieden. Nicht zu vergessen der „French Kiss“, der vor Ort einen reichlich unromantischen Namen trägt.
Die Geste sieht vertraut und warmherzig aus, folgt aber strikten Regeln – je nach Region, Geschlecht und sozialer Beziehung zweier Menschen zueinander. In Frankreich ist das Küssen eine ernsthafte Angelegenheit, denn man begrüßt einander in vielen Fällen mit einer „bise“, dem Wangenküsschen. Die Fehlerquellen sind zahlreich.
Ein Faux-Pas ist es, sich vorzeitig abzuwenden, während das Gegenüber noch nicht fertig ist. Wie viele Küsschen es sein sollen, hängt nämlich von der Gegend ab. Die Internetseite www.combiendebises.com (übersetzt: „Wie viele Küsschen?“) gibt einen Überblick je nach Region. Eine dort dargestellte Frankreich-Karte zeigt, dass zumeist zwei Küsschen üblich, Ausnahmen aber zahlreich sind: Während in der nördlichen Bretagne ein Bussi reicht, sollten es in Teilen des Südostens drei sein, in anderen Gegenden sogar vier. Jüngere Generationen verweigern jedoch allzu langwierige Begrüßungsrituale, betont Mathieu Avanzi, Dozent für französische Linguistik an der Sorbonne-Universität: „Die Zukunft wird uns zeigen, ob wir vier Küsschen in den kommenden Jahren noch beibehalten.“
Valentinstag 2026: Mit welcher Wangenseite beim Küssen beginnen?
Eine weitere Schwierigkeit: Mit welcher Wangenseite beginnen, um nicht mit den Nasen zu kollidieren? Auch das wiederum unterscheidet sich je nach Gegend: Im Süden und Südwesten sowie in der Haute-Normandie wird links begonnen, in allen anderen Regionen wie auch in Paris rechts.
Allerdings hat die Corona-Pandemie ab 2020 dem Begrüßungskuss in der Berufswelt weitgehend den Garaus gemacht – zur Erleichterung vieler. Der Körperkontakt sei zu persönlich, sagt Nicolas Beuvaden, Chef des Unternehmens „Welcome at Work!“. „Wir sind nicht mehr dazu verpflichtet, unter dem Vorwand der Höflichkeit und des Anstands die Wange und die Haut der anderen zu berühren und zu küssen.“ War die „bise“ vor Corona für 91 Prozent der Französinnen und Franzosen unumgänglich, so ist sie es heute nur noch für rund 70 Prozent. Um ein rein französisches Ritual handelt es sich nicht, denn der Wangenkuss ist auch in etlichen anderen Ländern von Italien über Russland bis zu Teilen Afrikas und bisweilen auch im arabischen Raum üblich. Galt er in der Antike als Zeichen von Respekt, so tauschten ihn später die Zugehörigen einer Familie oder sozialen Klasse aus. Das diente der Festigung der Bande – und der Stärkung des Immunsystems über den Austausch von Keimträgern.
Der Zungenkuss bleibt eng mit Frankreich verknüpft
Auf besonders ausgeprägte Weise ist dies auch der Fall beim sogenannten „French Kiss“, dem Zungenkuss. Der Ausdruck entstand laut Sheril Kirshenbaum, Autorin des Buchs „The Science of Kissing“ („Die Wissenschaft des Küssens“), ab Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als Reisende aus den USA und gegen Ende des Ersten Weltkriegs amerikanische Soldaten nach Frankreich kamen und überrascht feststellten, dass sich Franzosen „leidenschaftlich mit der Zunge küssten“ – und die französischen Frauen nichts dagegen hatten. Dieser intensivste aller Küsse wird nicht nur in Frankreich praktiziert, der Name aber blieb eng damit verknüpft. Dort gibt es einen eigenen Ausdruck für das Küssen mit Zunge: „se rouler une pelle“, „einander eine Schaufel rollen“. So viel zum Klischee, in Frankreich gehe es stets romantisch zu.
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