Wer ist eigentlich Ozzy Osbourne? Blöde Frage: Das ist der Typ, der hilflos durch seine Wohnung tapst und vom Stuhl fällt, dem der Hund ständig auf den Teppich kackt und der manchmal empört von sich behauptet: „Ich bin der verdammte Fürst der Finsternis!“ So dunkel haben ihn all die Halbwüchsigen in Erinnerung, die sich vor ein paar Jahren bei der Serie „Die Osbournes“ beömmelten, dieser bitteren Reality-Soap über die durchgeknallte Familie eines abgewrackten Rockstars. Und jetzt steht eben dieser lange Zeit so tattrige Kerl auf der Bühne der Frankfurter Festhalle und ist – der verdammte Fürst der Finsternis, Vorsteher von Black Sabbath, einer Band von Schwarzkitteln, die einst die Dunkelheit in die Rockmusik gebracht haben.
Auferstanden von den Untoten
Sie sind auferstanden von den Untoten und unfassbar lebendig. Ozzy Osbourne, der Lazarus des Rock ’n’ Roll, und Black Sabbath haben nach der Veröffentlichung ihres absolut erstaunlichen Nummer-Eins-Albums „13“ nur zwei Konzerte in Dortmund und Frankfurt gespielt – und sind dabei triumphal zurückgekehrt. Nächstes Jahr kommen sie wieder, unter anderem am 13. Juni auf den Münchner Königsplatz. Wenn sie sich bis dahin auch nur annähernd so fit halten, wie sie es jetzt sind, wird das ein Abend, der hartgesottenen Alt-Fans die Glückstränen in die Augen treiben könnte.
Als in der seit Monaten ausverkauften Frankfurter Festhalle das Licht ausgeht und die Sirene zu jaulen anhebt, bricht Jubel los, der wie ein kollektiver Lustschrei aus den Kehlen von 12 500 Menschen dringt. Wenn die Show schon mit „War Pigs“ losgeht, kann nichts mehr schief gehen. Es geht nichts, aber auch gar nichts schief. Ozzy hat wieder mal sein Leben und seine Stimme in den Griff bekommen. Er singt so gut, wie einer in seinem Alter eben noch singen kann. Einen Tag vor dem Auftritt ist er 65 geworden, weshalb zwischen den Stücken immer mal wieder „Happy Birthday“-Chöre aus dem Publikum aufsteigen. Kokett wiegelt Ozzy ab: „Ich bin doch erst 17!“
Black Sabbath eine der einflussreichsten Bands der Rockgeschichte
Hübsch gelogen, aber es ist genau die Musik für 17-Jährige, die damit früher noch ihre Eltern schocken konnten. Brachialer Lärm von langhaarigen Finsterlingen, die den Teufel an die Wand malten und dafür von guten Christenmenschen zur Hölle gewünscht wurden. So war das noch in den Siebzigern. Heute gehören Black Sabbath offenbar zum Weltkulturerbe, so dass selbst die konservative FAZ heute endlos lange, wortgewaltige Lobeshymnen auf diese oft geschmähte Band singt.
Recht so, denn Black Sabbath sind nun mal als tönende Hardliner eine der einflussreichsten Bands der Rockgeschichte. Gitarrist Tony Iommi hat mit seiner tiefgestimmten Gitarre mindestens so viele schroffe Riffs gemeißelt wie der Alpenhauptkamm Zacken hat. An diesem Abend türmt er locker, gelassen und sichtlich mühelos einen ganzen Haufen davon auf. Sie sind das Rückgrat von Stücken wie „Into The Void“, „Snowblind“, „Iron Man“ oder „Children Of The Grave“. Musik wie ein Gebirgsmassiv: hart, schroff, unbezwingbar, majestätisch, ewig.
Black Sabbath nicht ganz in Urbesetzung
Geezer Butler grundiert diese musikalische Steinhauerei in beeindruckend hoher Schlagzahl mit seinem Bass und schafft die Fundamente, auf denen Iommi aufbaut. Allerdings sind Black Sabbath nicht ganz in Urbesetzung zurückgekehrt. Ihren alten Drummer Bill Ward haben sie vor die Tür gesetzt und für die Live Shows Tommy Clufetos eingekauft. Was für ein Glücksgriff. Der Mann sieht aus wie Jesus und spielt höllisch gut, kraftvoll, unermüdlich, präzise. Er haut mit weit ausholenden Schlägen auf die Felle und erinnert damit tatsächlich an Bill Ward, doch der hätte diesen Kraftakt niemals zwei Stunden lang durchgehalten.
Tommy Clufetos mit seinen 33 Jahren stiehlt den drei alten Herren zwar nicht die Show, aber mit seiner Energie wirkt er wie das weiße Pulver, das Black Sabbath einst kiloweise in sich hinein geschaufelt hatten, bis sie irgendwann in dieser Schneewehe steckenblieben und nach einer Handvoll richtungsweisender Alben nicht mehr richtig in die Spur fanden. Die haben sie erst mit ihrem Album „13“ spät wiederentdeckt. Drei Stücke davon wurden in die Setlist geschoben. Sie passen perfekt in das Programm, das allerdings auch eine solche Merkwürdigkeit wie „Dirty Women“ von „Technical Ecstasy“ enthält.
Am Ende muss „Paranoid“ stehen
Aber eines ist so sicher wie das Glöckchen bei der Beerdigung: Am Ende muss „Paranoid“ stehen. Und es steht, solide wie eh und je. Und wenn sich die Vier musikalischen Reiter der Apokalypse danach zusammenstellen und die frenetische Huldigung eines Publikums entgegen nehmen, das tatsächlich „fucking crazy“ war, wie es Ozzy gefordert hatte, dann stellt sich die Frage: Lässt sich das wirklich toppen? Geht es noch besser? Eigentlich nicht.
Ach ja, bei aller Finsternis: Gleich im zweiten Stück lachten sich Ozzy Osbourne und Tony Iommi lange an. Es war kein diabolisches Lachen, so grinsen sich alte Freunde an, die wissen: „Wir haben’s allen gezeigt, gell?“ Ja, sie haben’s uns gezeigt – aber wie!