Eva Hütter ist verzweifelt: Vor Gericht verliert sie zuerst das Sorgerecht für ihren fünfjährigen Sohn Benjamin und dann die Nerven. Mit nichts als einem spitzen Bleistift bewaffnet, entführt sie ihren eigenen Sohn in eine versteckte Hütte im Wald.
Schnitt. Auch der Wiesbadener „Tatort“-Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) hat Probleme – Probleme psychischer Art, die er in einer Therapie zu bekämpfen erhofft. Dort lernt er eine neuartige Maschine kennen: Einen Apparat, mit dem das eigene Unterbewusstsein sichtbar gemacht und sogar betreten und erforscht werden kann. „Ein Wahnsinnsding, so ein Gerät mit ungeheuer vielen Kabeln und Reglern“, wie es der Kommissar selbst beschreibt. Doch dazu später mehr.
Schnitt. Eva Hütter wird beim Einkaufen auf der Straße von einem Polizisten erkannt und baut bei der anschließenden Verfolgungsjagd einen Unfall. Koma, wer weiß, wann sie wieder aufwacht. Ihren Sohn hat sie irgendwo versteckt. Wo ist der Junge? Wo soll man mit der Suche überhaupt anfangen? Die Polizei ist ratlos. Da fällt Murot der Apparat seines Therapeuten ein: Wie wäre es, das Unterbewusstsein der Frau zu besuchen und dort herauszufinden, wo ihr Sohn steckt?
Das ist die Ausgangslage des neuen Wiesbaden-Tatorts „Murot und der Elefant im Raum“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD). Und wie in Wiesbaden üblich sprengt diese neue Folge wieder einmal genüsslich die Grenzen dessen, was einen Krimi eigentlich ausmacht.
„Murot und der Elefant im Raum“: Der Wiesbaden-„Tatort“ sprengt wieder Genregrenzen
Die Psycho-Maschine, mit der sich der erfahrene Kommissar auf die Reise ins Unterbewusste macht, ist natürlich Science-Fiction. Aber von solchen Nebensächlichkeiten hat sich ein Wiesbaden-Tatort ja noch nie aufhalten lassen. Stattdessen nutzen die Macher die filmische Freiheit dieser Idee, um wieder einmal mit Kreativität um sich zu werfen, bis der Fernseher wackelt: Lichtspielereien, Soundtricks, Theaterkulissen, surreale Bilder an jeder Ecke: Im Unterbewusstsein ist alles möglich.
„Murot und der Elefant im Raum“ ist eigentlich kein richtiger „Tatort“, genau genommen nicht einmal ein Krimi, sondern ein spritzig gestaltetes Drama-Tragik-Charakterstudien-Komödchen (ja, was eigentlich?), in dem einige offensichtlich sehr kreative Köpfe ihren Ideen freien Lauf ließen und dabei ein unterhaltsames, aber auch verdammt selbstgefälliges kleines Kunstwerk erschufen. Das Drehbuch glänzt mit humorvollen Kniffen und Spielereien, weist aber auch Logiklücken auf. Beispielsweise wird das Krankenzimmer von Eva Hütter im einen Moment von einem Polizisten bewacht, der aber in der nächsten Szene ohne Erklärung plötzlich verschwunden ist – damit die Geschichte so ablaufen kann, wie sie eben ablaufen soll. Das ist ein verschmerzbares Detail, sicher, aber es fügt sich eben in das Gesamtbild ein, dass die Macher hier ihre Geschichte um jeden Preis – auch auf Kosten eben solcher Details – erzählen wollten.
Dieser Wiesbaden-„Tatort“ macht Spaß, kein Zweifel – wenn man Lust auf einen Film hat, der sich nicht um Genreregeln und Sehgewohnheiten schert. Und wenn man die liberalistische Selbstverliebtheit, die diesem Film aus den Poren tropft, ertragen kann.
„Sie müssen gar nichts – und Sie können alles“ – das sagt Murot zur Mutter, als er sie in ihrem eigenen Unterbewusstsein konfrontiert. Diesem Credo hat sich auch das Team hinter den Murot-Filmen verschrieben. Ob man mit dem Ergebnis etwas anfangen kann, ist eine reine Frage des Geschmacks. Wer einen klassischen Krimi zum Miträtseln sucht, ist hier jedenfalls komplett falsch. Dafür braucht es auch keine Reise ins Unterbewusstsein.
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