In der Basilika St. Antonius in Istanbul geht es zu wie im Taubenschlag. Im Vorhof drängen sich Familien und Freundesgruppen, um vor dem Weihnachtsbaum für Fotos zu posieren oder Selfies zu machen. In der Kirche umlagern sie die Opferlichtnischen, um Kerzen anzuzünden, blicken sich staunend im Kirchenschiff um, lauschen dem gregorianischen Choral vom Band und filmen alles mit dem Handy: die Spitzbogenarkaden, das Dämmerlicht der Bleiglasfenster, die Heiligenbildnisse und die Weihnachtsbäume mit ihren silbernen Kugeln. „Mama, wo sind wir hier“, kräht ein aufgeregtes Kind. „Mein Sohn, dies ist eine Kirche“, antwortet die Mutter, die Mantel und Kopftuch einer Muslimin trägt.
Wie ihr Kind und die meisten anderen Besucher ist die Frau zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Kirche. St. Antonius, die größte katholische Kirche der Türkei, ist zu Weihnachten eine Attraktion auch für muslimische Türken.
Eine junge Mutter sagt: „Uns gefällt alles, was Gott ehrt“
Wunderschön, sagt die junge Mutter anschließend vor der Kirche, wo sie sich von Freundinnen vor dem Christbaum fotografieren lässt. Berührungsängste mit dem Christentum habe sie nicht: „Uns gefällt alles, was Gott ehrt.“ Ähnlich entspannt sieht das ein festlich gekleidetes Pärchen, das mit einem Blumenstrauß aus der Kirche kommt. Sie habe Geburtstag, sagt Sude, die junge Frau. Deshalb hätten sie eine Kerze angezündet und einen Wunsch geäußert. Auch sie und ihr Freund Berke haben dafür zum ersten Mal eine Kirche betreten.
Was Heiligtümer angeht, ist der türkische Volksglaube – zum Kummer des staatlichen Religionsamtes – nicht wählerisch. Von sufistischen Bräuchen geprägt, beten viele türkische Muslime an Heiligengräbern um die Erfüllung ihrer Wünsche, obwohl das im orthodoxen Islam nicht erlaubt ist, und zünden auch gerne eine Kerze in der Kirche an.
Die neugotische Basilika St. Antonius in der Fußgängerzone von Istanbul ist nach dem kürzlichen Papstbesuch in der Türkei noch immer mit den Fahnen der Türkei und des Vatikans beflaggt. 1775 von Franziskanern gegründet, die seit dem 13. Jahrhundert in Konstantinopel wirken, musste die ursprüngliche Kirche vor 120 Jahren den Schienen für die knallrote Straßenbahn weichen, die heute als Touristenattraktion laut bimmelnd vorbeirattert. Der Neubau wurde im venezianischen Stil errichtet, um an die Herkunft der katholischen Gemeinde von den Kaufleuten aus Venedig und Genua zu erinnern, die sich im Mittelalter in Konstantinopel niederließen; er wurde 1912 eröffnet.
Dass Weihnachten nicht am 31. Dezember gefeiert wird, überrascht Elif
„Jetzt ohne Jacke und mit Sonnenbrille“, ruft Yagmur ihrer Freundin Tugba zu, die unter einem Weihnachtskranz posiert. Ein regelrechtes Foto-Shooting machen die beiden schick gekleideten Frauen – abseits vom umlagerten Christbaum, denn sie brauchen Zeit für das perfekte Bild. Für ihren Neujahrsgruß in den sozialen Medien, sagen sie: Neujahr und „Noel“, das christliche Weihnachtsfest, verschwimmen im Bewusstsein vieler Türken.
Dass Weihnachten nicht am 31. Dezember gefeiert wird, überrascht auch Elif, eine Studentin aus Gaziantep im Südosten der Türkei, die mit ihrem Freund Baris unterwegs ist und erstmals eine Kirche sieht. Den Weihnachtsbaum findet sie toll, aber auf die Krippe kann sie sich keinen Reim machen – und ist fasziniert, von der Weihnachtsgeschichte zu erfahren.
Lächelnd blickt Papst Johannes XXIII auf das Treiben vor der Kirche herab, aus seiner bronzenen Hand flattert eine Taube empor. „Papst Johannes XXIII, einem Freund des türkischen Volkes“ lautet die Widmung an dem Denkmal. Johannes, der als Papst das Zweite Vatikanische Konzil einberief, war als Angelo Guiseppe Roncalli zuvor zehn Jahre lang Bischof von Konstantinopel und Apostolischer Vikar der Türkei. Von 1935 bis 1944 in Istanbul ansässig, erwarb er sich den Respekt der Türken, indem er ihre Sprache lernte und deutschen Juden zur Flucht über die Türkei verhalf. Noch heute heißt eine Straße in Istanbul nach ihm.
Mit feierlicher Miene betreten Bekir und Selma die Kirche, ein Paar mittleren Alters aus dem zentralanatolischen Kayseri – sie im schwarzen Kopftuch, er im grauen Stoffmantel. Achtung vor dem Glauben anderer Menschen sei ihnen wichtig, sagt Bekir, der seine Frau auf einer Wochenendreise nach Istanbul erstmals in eine Kirche führt. Kirchen gebe es in Kayseri zwar viele, erzählt er, aber keine Gemeinden mehr und keine Gottesdienste und keine Öffnungszeiten: Die Christen von Kayseri waren vorwiegend Armenier. „Sehr atmosphärisch“, findet das Ehepaar die Kirche, „aber für uns sehr fremdartig“.
Die katholische Gemeinde von Sankt Anton besteht vorwiegend aus Afrikanern und Philippinerinnen
Wegen des Andrangs wird St. Antonius zu den Gottesdiensten für Touristen geschlossen. Ein Ordner wacht dann am Eingang darüber, dass nur Gläubige hineinkommen, und vertröstet die anderen Besucher. Der Unterschied ist nicht schwer zu erkennen: Die katholische Gemeinde von Sankt Anton besteht vorwiegend aus Afrikanern und Philippinerinnen, die in Istanbul als Kindermädchen und Küchenhilfen arbeiten. Sie stellen die Mehrheit der etwa 15.000 Katholiken des lateinischen Ritus unter den 85 Millionen Einwohnern der Türkei, gefolgt von Levantinern italienischer oder französischer Abstammung, ausländischen Diplomaten und Konvertiten; dazu kommen landesweit rund 10.000 Katholiken der armenischen, ost- und westsyrischen und byzantinischen Riten, die in Anatolien heimisch sind.
Für das Hochamt am Sonntag um 10 Uhr bauen nigerianische Ordner zusätzliche Stuhlreihen auf, weil die Kirchenbänke für die Gemeinde nicht reichen. Pater Andrei Bejan, der rumänische Pfarrer von St. Antonius, zelebriert die Messe auf Englisch. Die Messdiener sind Afrikaner, der Chor besteht aus Philippinerinnen, die Kollekte wird gemeinsam eingesammelt, und die Kirche ist voll.
Eine Philippinerin bleibt hinten stehen, um ein weißes Kleinkind zu wiegen. Sie hat den Sonntag von ihren Arbeitgebern nicht freibekommen. Der Gottesdienst in St. Antonius ist für viele Gemeindemitglieder der Höhepunkt ihrer Woche und ein Ruhepol in ihrem arbeitsreichen Leben fern ihrer Familien. „Die Sonntage hier in der Kirche sind alles für mich“, sagt eine Philippinerin, die seit Jahrzehnten im Chor von St. Antonius singt.
Gottesdienste in Kirchen und Synagogen werden in der Türkei geschützt
Draußen vor der Kirche wacht eine Polizeistreife, die ihren Wagen gut sichtbar vor dem Tor geparkt hat. Gottesdienste in Kirchen und Synagogen werden in der Türkei geschützt, seit die islamistische Terrorgruppe Al-Kaida vor 22 Jahren zwei Synagogen von Istanbul angriff und ein Blutbad anrichtete. Der Schutz versagte im vergangenen Jahr, als zwei Islamisten die katholische Marienkirche in einem Außenbezirk von Istanbul angriffen; dabei starb ein türkischer Muslim, der zufällig in der Kirche war.
Als Täter wurden ein Tadschike und ein Russe verhaftet, die in einem Auto mit polnischem Kennzeichen vorfuhren und sich zur Terrorgruppe IS bekannten. Die Terroristen, so stellte sich bei den Ermittlungen heraus, hatten ursprünglich St. Antonius angreifen wollen, angesichts der Sicherheitsmaßnahmen in der Innenstadt aber auf die kleinere Marienkirche umgeschwenkt.
Der englischsprachige Gottesdienst in St. Antonius endet mit dem Auszug von Pater Andrei und seinen Ministranten und einem Schlusslied der Philippinerinnen. Die nigerianischen Ordner räumen die Stühle wieder weg, bevor um 11.30 Uhr die italienischsprachige Messe beginnt: Die angestammte Gemeinde von Levantinern füllt nur noch zwei Kirchenbänke. Dünn steigt ihr Gesang auf in die leere Basilika, unten in der Krypta betet inzwischen eine polnische Gemeinde von zwanzig Seelen.
Um 13 Uhr sind die Messen gelesen, und die Ordner geben den allgemeinen Zutritt zur Kirche frei. Die türkischen Besucher strömen herein und erfüllen die still gewordene Kirche mit Leben.
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