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Nach dem Gletschersturz: So wollen Einwohner das Dorf Blatten wieder aufbauen

Schweiz

Vom Gletschersturz verschüttet: Wie Blattens Einwohner ihr verschwundenes Dorf neu errichten wollen

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    Ein Blick auf die Häuser im Blattensee vom Weiler Weissenried im Lötschental aus.
    Ein Blick auf die Häuser im Blattensee vom Weiler Weissenried im Lötschental aus. Foto: Jean-Christophe Bott, dpa

    Auf dem schlammigen Feld steht ein grauer Container. Vor dem niedrigen Blechkasten harren Menschen aus. Es sind Einwohner des verschwundenen Schweizer Alpen-Dorfes Blatten. Auf ihren Gesichtern spiegelt sich Bangen und Hoffen. Werden sie ein Stück aus ihrem untergegangenen Leben in Empfang nehmen können? Der Container dient als Fundbüro. Hier direkt am Eingang des Nachbarortes Kippel stapeln sich Fotoalben, Bücher, Ordner mit Heiratsurkunden, Zeugnissen sowie anderen Dokumenten aus guten Tagen. Blattens Bürgermeister Matthias Bellwald leitet die Verteilung. 

    Das 300-Seelendorf galt einst als Perle des Lötschentals im urwüchsigen Kanton Wallis, der Fremdenverkehr gab vielen Blattnerinnen und Blattnern ihr Einkommen. Zwei Frauen packen Behälter mit Unterlagen in den vorne liegenden Kofferraum ihres Elektromobils. „Der Berg meines Lebens“, ruft die Ältere im schweren Dialekt der Region und lacht. „Jetzt haben wir das Buch wieder.“ Feuerwehr, Armee und Helfer fischten den Schmöker und andere Papiere aus einem Stausee heraus. Der hatte sich nach dem gigantischen Gletschersturz von Blatten Ende Mai gebildet. 

    Im See trieben Sessel, Fernseher und Kleider der Dorfbewohner

    In dem See trieben Sessel, Fernseher, Besteck, Sägen und Kleider der Dorfbewohner. Der braune Brei mit den Habseligkeiten symbolisierte die Jahrhundert-Katastrophe, die über die Menschen hereingebrochen war. Mehr als vier Monate nach dem Verlust von Heimat, Hab und Gut kämpfen sich die traumatisieren Bergler langsam in ihr Leben zurück schwankend zwischen Schmerz, Resignation und Zuversicht.

    In der schweren Zeit richten sich die Menschen auch an ihrem Bürgermeister auf. Bellwald will sich mit dem tragischen Schicksal von Blatten nicht abfinden. „Wir haben das Dorf verloren, aber nicht das Herz“, hatte Bellwald nach dem Untergang Blattens gesagt. Es war ein Satz, der um die Welt ging.

    Der Bürgermeister will Blatten wieder aufbauen

    Ortstermin mit dem Bürgermeister. Er kommt nach Wiler, ein anderes Nachbardorf. Bellwald nähert sich mit elastischen, raschen Schritten. Der Jurist und frühere Berufssoldat der Schweizer Armee, Oberst, hat Großes vor: Er will Blatten wiede raufbauen. Das Dorf, 1433 erstmals schriftlich erwähnt, soll in etwa dort entstehen, wo es früher stand. „Unser Fahrplan sieht vor, dass wir in vier Jahren das Dorf wieder teilweise bewohnen können“, sagt Bellwald und seine Augen blinzeln im herbstlichen Sonnenlicht. Bellwald macht die Vorhersage im selbstsicheren Tonfall des Offiziers, der gedrillt wurde, Hindernisse zu erkennen und zu überwinden. Um ihn herum liegen und stehen Abflussrohre, Bagger, Zementhaufen. Bauarbeiter sägen, bohren, hämmern. Die mächtigen Berge des Lötschentals rahmen die Szenerie ein: Der höchste von ihnen, das Bietschhorn (3934 Meter), strahlt erhaben in der Ferne. Bellwald geht ein paar Meter nach vorne zu der strikt abgesperrten Zone, in der sein Dorf begraben ist. „Die Hoffnung und die Sehnsucht müssen leben“, lautet seine Parole. 

    Der Bürgermeister von Blatten, Matthias Bellwald, vor der Schutthalde im Lötschental.
    Der Bürgermeister von Blatten, Matthias Bellwald, vor der Schutthalde im Lötschental. Foto: Jan Dirk Hebermann

    Zunächst geht es in kleinen Schritten zum neuen Blatten. Bellwald und seine Helfer ließen die Wasserleitungen reparieren, sie reichen nun bis an den Dorfrand. Alle vier Kraftwerke entlang des Flusses Lonza gingen wieder ans Netz. Die Gemeinde will die wenigen intakten Gebäude in Blatten schon im Oktober mit Strom versorgen. „Die Bewohner können zurück in diese Gebäude, temporär, nicht dauerhaft“, skizziert Bellwald den Plan. „Auch können sie Material aus ihren Häusern nehmen, das sie vielleicht für den Winter brauchen, warme Kleider etwa.“

    Selbst die Kirche wird wieder in den Walliser Himmel ragen

    Über die nächsten Jahre will Bellwald die öffentliche Infrastruktur errichten: Gemeindekanzlei und Verwaltung, die Dorfstraße, Beleuchtung, Brunnen, Tiefgarage, ein Vereinshaus. Und wo kommt das Geld her? Die benötigten Schweizer Franken, bis zu 30 Millionen, sollen aus der Kantonskasse fließen.

    Diejenigen Blattner, die an dem wagemutigen Projekt mitwirken, können ihre Häuser neu bauen. Selbst die Kirche, sie ist der Rosenkranzkönigin geweiht wird wieder in den Walliser Himmel ragen. Ihre Glocken sollen von der Auferstehung des jahrhundertalten Dorfes künden. Doch noch ist das alles Zukunftsmusik. Das weiß auch der energische Bürgermeister. „Das, was Sie hier sehen, ist nicht das Dorf“, erläutert Bellwald und zeigt in Richtung Blatten. „Das ist der Ausläufer der 2,5 Kilometer langen Schutthalde.“

    Eine Lawine war auf Blatten hinuntergepoltert

    Die kolossale Halde entstand am 28. Mai. Nachmittags waren große Teile des Birchgletschers abgebrochen, auf den zuvor Gesteinsmassen gefallen waren. Gespickt mit Geröll, Bäumen, Erde und Eis polterte eine Lawine aus Millionen Kubikmetern hinunter auf Blatten. Der wilde Strom zerstörte Häuser, Gehöfte und Hotels, riss Straßen und Wege hinweg und zermalmte das Gotteshaus. Fast alle zunächst unversehrten Gebäude versanken im Schlamm der aufgestauten Lonza. Der Schutt türmte sich an einigen Stellen bis zu 200 Meter hoch. Die Blattner büßten so gut wie alles ein, was sie hatten. Fachleute betonten nach dem Desaster: Die Mitschuld des Klimawandels kann nicht ausgeschlossen werden. Die Zürcher Gletscherexpertin Mylène Jacquemart stellte auch klar: „Das ganze Ausmaß eines Naturereignisses wie im Lötschental ist nicht langfristig vorhersehbar.“

    Immerhin hatten die Behörden rechtzeitig die Evakuierung der Bevölkerung abgeschlossen. Fast alle hatten somit Glück im Unglück. Nur Toni, der Schafhirt, befand sich während des Infernos mutmaßlich im Stall bei seinen Tieren. Der 64-jährige war das einzige Todesopfer von Blatten. Im Nachbardorf Wiler harren nun die meisten der evakuierten Blattner aus, in Ferienwohnungen, bei Verwandten und Freunden.

    Esther Bellwald: „Der Bergsturtz hat unser Haus komplett zerstört“

    Evakuiert wurden auch Esther Bellwald, ihr Ehemann und ihre beiden Buben, 9 und 12 Jahre alt. Esther Bellwald sitzt im Restaurant Sporting in Wiler. Ein Gemisch aus Schweizer Mundartformen und Hochdeutsch dringt durch die urige Schankstube. Viele Menschen aus Blatten treffen sich hier zum Erinnern. An einem Tisch lässt sich Bürgermeister Bellwald nieder und schmiedet Pläne mit einem Zuhörer. „Die Leute aus Blatten gehören zu unseren Stammgästen“, sagt die junge Kellnerin und jongliert ein Tablett an den Tischen vorbei.

    Hoteleigentümerin Esther Bellwald aus Blatten
    Hoteleigentümerin Esther Bellwald aus Blatten Foto: Hebermann

    Esther betrieb bis zum unheilvollen Tag im Mai das traditionsreiche Hotel Nest- und Bietschhorn, mit dem Bürgermeister ist sie entfernt verwandt. „Der Bergsturz hat unser Haus komplett zerstört und tief unter Geröll begraben“, sagt Esther. Die Endvierzigerin spricht vom „Lebenswerk mehrerer Generationen“. Bevor sie und ihre Familie ihr Hotel für immer verließen, schloss sie noch die Fenster. Sie dachte, sie würden schnell wiederkommen. Esther zeigt zunächst keine Emotionen, doch dann vibriert ihre Stimme und sie bringt hervor: „Ich glaube noch immer, das ist unmöglich. Es ist wie in einem Science Fiction Film.“

    Das neue Hotel soll vor Weihnachten seine Pforten öffnen

    Doch die Frau aus den Bergen will die Prüfung meistern. Sie und Lukas Kalbermatten, ein anderer Ex-Hotelier aus Blatten, bauen eine neue Herberge. Das Hotel soll vor Weihnachten seine Pforten öffnen. Es entsteht in „Holzmodulbauweise“, rund 100 Meter neben der Skistation Lauchernalp. „Wir können das Land in den ersten fünf Jahren umsonst nutzen“, berichtet Lukas Kalbermatten. 

    Lukas Kalbermatten verlor in Blatten sein Hotel Edelweiss.
    Lukas Kalbermatten verlor in Blatten sein Hotel Edelweiss. Foto: Hebermann

    Der Blick des bodenständigen Mannes gleitet an der Talstation in Wiler hoch. Dort oben, auf der Lauchernalp, soll bald also seine Zukunft von neuem beginnen. Lukas verlor in Blatten sein Hotel Edelweiss. Das Video, das er von dem Sturz des Gletschers machte, ging im Netz viral. Der frühere und künftige Hotelier verabschiedet sich, schüttelt fest die Hand und sagt im Weggehen: „Wir können das neue Hotel nach einiger Zeit abbauen und, wer weiß, vielleicht in dem neuen Blatten noch einmal hochziehen.“

    Wird ein blühendes Neu-Blatten jemals wieder entstehen?

    Wird ein blühendes Neu-Blatten jemals wieder entstehen? Das dürfte auch vom Verhältnis der Menschen zur Natur abhängen. Nur wenn die Blattner mit der riskanten Umwelt im Reinen sind, werden sie zurückkehren. So sehen das viele im Lötschental. „Wir haben schon immer mit dieser Natur gelebt, mit diesen Naturgewalten“, erzählt Bürgermeister Bellwald. „Unsere Einstellung hat sich nicht geändert. Wir lieben die Berge noch immer.“ Besonders innig fühlt sich Bellwald dem Bietschhorn verbunden. Als 17-Jähriger erklomm er den Riesen das erste Mal, mit seinem Vater. Der alte Bellwald starb vor zwei Jahren. „Leider ist nun der Friedhof in Blatten, auf dem mein Vater liegt, vom Schutt bedeckt“, sagt der junge Bellwald. „Ich kann nicht mehr auf sein Grab gehen.“

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