Startseite
Icon Pfeil nach unten
Panorama
Icon Pfeil nach unten

Neue Front im Nordosten der Ukraine: Über die Verzweiflung und die Hoffnung der Menschen

Beim Einschlag von Shahed-Drohnen sind ein halbes Dutzend Häuser in dem Dorf Velykiy Bobryk zerstört worden.
Foto: Till Mayer
Krieg in der Ukraine

Neue Front bei Sumy: Es geht immer weiter

  • |
  • |
  • |
  • |

    Ein warmer Sommertag, strahlend blauer Himmel, aus den Gebüschen und von den Bäumen pfeifen Vögel. „Sun Day Club“ steht in schwarzen Lettern auf dem weißen T-Shirt eines Mannes um die 60 Jahre. Er wirkt verloren, blickt fassungslos auf das, was von dem Haus dort übrig ist. Rauchende Trümmer. Zwei Feuerwehrmänner schleppen einen Schlauch an ihm vorbei. In der Ruine fängt ein Glutnest wieder Feuer. Ein Wasserstrahl trifft auf verkohlte Balken.

    Ein halbes Dutzend Häuser haben russische Shahed-Drohnen wenige Stunden zuvor hier in dem Dorf Velykiy Bobryk in der Region Sumy schwer beschädigt. Oder völlig in Schutt und Asche gelegt. Drei Menschen starben, darunter ein achtjähriges Kind. Zu wenig, um als Kurzmeldung in den internationalen Medien zu erscheinen. Selbst der Angriff auf einen Zug bei Dnipro am gleichen Tag wird kaum für Aufsehen in der Weltpresse sorgen. Die Lage im Nahen und Mittleren Osten dominiert gerade die Nachrichtenlage, der Krieg in der Ukraine rückt in den Hintergrund.

    Aber am Straßenrand einer staubigen Straße im Oblast Sumy im Nordosten der Ukraine stehen die Menschen, denen der Angriff ihre Existenzgrundlagen geraubt hat. Der Krieg rückt für sie an keinem Tag in den Hintergrund.

    Tamara (56) und Tetyana (51) sitzen etwa 30 Kilometer entfernt in der gleichnamigen Stadt Sumy in einem Café. Sie haben sich je einen Espresso bestellt. „Unfassbar, jetzt sitzen wir hier und trinken Kaffee. Unsere Dörfer verwandeln sich in Trümmer. Das ist alles nicht mehr wirklich“, sagt Tamara und schluckt. Vor zwei Wochen sind die beiden aus Kiyanytsya und Ivolzhanske geflohen, ganz in der Nähe. Sie mussten sich in Sicherheit bringen – vor Drohnen, Gleitbomben, Artilleriegranaten und den heranrückenden russischen Soldaten.

    Kriegsherr Putin schließt nicht aus, weiter in die Region Sumy vorzudringen

    Die russische Armee hat also im Nordosten der Ukraine eine neue Front eröffnet. Bis zu 25 Kilometer vor Sumy sind die Invasoren gekommen, die ukrainischen Truppen scheinen ihre Linien stabilisiert zu haben. Und die Menschen, die in oder an den umkämpften Gebieten leben, müssen ihre Heimat verlassen. Wie die beiden Frauen. Tamara arbeitete bis vor Kurzem als Gemeindeschwester. „Am Ende war ich die letzte Person, die den wenigen Gebliebenen noch medizinische Hilfe geben konnte“, sagt sie. Dann sei eine Gleitbombe in ihrer Straße eingeschlagen. „Es war furchtbar, mein Mann und ich wussten, wir können nicht mehr bleiben.“

    Tetyana holt ihr Smartphone hervor und öffnet den Ordner mit den Fotos. Bilder von zerstörten Häusern sind zu sehen. Auf Tamaras Handy ist eines, das eine Dorfstraße zeigt, links und rechts Pfähle, an denen Netze hängen. Manche sind über die Straße gespannt, andere sind zerrissen zu Boden gesunken. „Die Netze sollen die Kamikaze-Drohnen abfangen. Diese surren in der Luft und können jeden Augenblick einschlagen“, erklärt die 56-Jährige.

    Allas Sohn Iwan wurde bei einem russischen Raketen-Angriff so schwer verwundet, dass er nun auf den Rollstuhl angewiesen ist.
    Allas Sohn Iwan wurde bei einem russischen Raketen-Angriff so schwer verwundet, dass er nun auf den Rollstuhl angewiesen ist. Foto: Till Mayer

    „Alle zwei Tage fahre ich trotzdem nach Hause. Es ist ein gefährlicher Weg. Aber wir füttern unsere Hühner und das Schwein.“ Und dann ist da noch ein alter, gebrechlicher Mann, der den Ort bislang nicht verlassen wolle. „Also sehe ich auch nach ihm“, sagt Tamara. Am nächsten Tag plant sie wieder zu fahren. „Jedes Mal denke ich mir, vielleicht sehe ich zum letzten Mal mein Haus. Kann ich noch einmal ins Dorf kommen? Werden die Russen es zerstören? Wird mein Dorf unter Besatzung geraten?“ So viele Fragen, so wenige Antworten.

    Kürzlich hat Wladimir Putin bei einem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg Klartext gesprochen: Einmal mehr bezeichnete der russische Präsident die Russen und die Ukrainer als ein Volk. Den Ukrainern sprach er ihre Staatlichkeit ab. „In diesem Sinne gehört die gesamte Ukraine uns“, folgerte er wörtlich in einer Pressekonferenz. Zugleich schloss er nicht aus, weiter in die Region Sumy vorzudringen und deren gleichnamige „Hauptstadt“ einzunehmen. Diese zählte bis zur jüngsten russischen Offensive mehr als 250.000 Einwohnerinnen und Einwohner.

    „Wir sind sicher nicht ein Volk. Brüder und Schwestern kommen nicht, um zu morden und zu zerstören“

    Tamara und Tetyana schütteln den Kopf, als sie an Putins Ausführungen denken. „Wir sind sicher nicht ein Volk. Brüder und Schwestern kommen nicht, um zu morden und zu zerstören“, sagt Tetyana. Tamara erzählt von einer Cousine, die vor gut 30 Jahren nach Russland geheiratet hat. „Sie hat mir zu Beginn der Invasion auf Telegram geschrieben, dass es gut sei, dass Russland nun in der Ukraine aufräumt“, sagt die gelernte Krankenschwester. „,Räumt in eurer Diktatur selber auf‘, habe ich ihr zurückgeschrieben. Seitdem herrscht Schweigen“, fügt sie hinzu. Jüngst sei das Elternhaus der Cousine durch einen Granatentreffer zerstört worden. „Ich habe keine Antwort von ihr bekommen, als ich es ihr auf Telegram schrieb“, sagt sie.

    Beide Frauen fühlen sich in Sumy nicht mehr sicher. Tetyana ist Witwe. „Ich will vielleicht nach Deutschland. Ich hoffe, ich bekomme dort Arbeit. Aber es soll schwer sein, eine Wohnung zu finden.“ Tamara will mit ihrem Mann nach Polen. Dort lebt ihre Tochter. „Mein Gott, es tut weh, die Ukraine zu verlassen. Über drei Jahre Krieg haben wir überstanden“, sagt sie leise. Tetyana nickt. Am Abend wird Tamara, nachdem wieder Gleitbomben in ihrem Dorf eingeschlagen sind, erklären: „Mein Mann sagt, es ist nun zu gefährlich, dorthin zurückzukehren. Immerhin hat jetzt endlich auch unser alter Nachbar den Ort verlassen. Aber was ist mit den Tieren?“

    Auf dem Nezalezhnosti-Platz in Sumy wird der vielen Gefallenen gedacht.
    Auf dem Nezalezhnosti-Platz in Sumy wird der vielen Gefallenen gedacht. Foto: Till Mayer

    Ein kurzer Spaziergang. Vom Café in Sumy geht es zum Nezalezhnosti-Platz. Dort ragt ein schmuckloser Betonriese auf, der Verwaltungssitz der Region. Auf dem großen Platz zieht sich eine lange Reihe von übermannshohen Plakatwänden. Hunderte von Gesichtern blicken darauf dem Betrachter entgegen: die gefallenen Soldatinnen und Soldaten der Stadt. Eine Achse des Schmerzes, die sich über hundert Meter zieht. Daneben steht ein Betonklotz in Containergröße mit offener Tür: ein Luftschutzbunker. Der Platz mündet in eine Straße, die quer durch das alte Zentrum führt. Vorbei an der himmelblau getünchten Christi-Auferstehungskirche mit golden leuchtendem Turmdach und Geschäften hinter historischen Fassaden. Einige von ihnen haben geschlossen, das Glas ihrer Schaufenster ist mit Sperrholzplatten gesichert. Gut 20 Minuten Gehminuten später erreicht man einen Ort, der eine besonders schmerzende Wunde für die Menschen der Stadt darstellt.

    Splitter schnitten in seinen ganzen Körper

    34 Tote forderte ein russischer Raketenangriff am 13. April. Unter den rund hundert Verletzten waren zwei 13-Jährige: Mischa und Iwan, beste Freunde. Jetzt stehen sie mit ihren Müttern Tanya (42) und Alla (44) vor einem heftig getroffenen Gebäude der Universität. Iwan sitzt im Rollstuhl. Mit der Hilfe der Ärzte und mit der Hilfe seiner Familie kämpft er darum, wieder gehen zu können. Splitter haben sein Rückgrat verletzt, waren in seine Lunge eingedrungen. Mischas Verletzungen sind nicht erkennbar. Aber unter anderem wurde sein Magen stark verletzt. Splitter schnitten in seinen ganzen Körper.

    „Regelmäßig fahren wir in eine Spezialklinik nach Kiew, damit dort unsere Söhne behandelt werden“, erzählt Alla. „Aber dort holt uns der Krieg mit den nächtlichen Luftangriffen ein. So ist das leider“, ergänzt Tanya. Ein zusätzlicher Grund, besorgt zu sein: Kliniken sind immer auch Ziele für Russlands Militär. Im Sommer 2024 trafen russische Raketen eine onkologische Kinderklinik in Kiew, die größte ihrer Art in der Ukraine. Laut offiziellen Angaben sind durch russische Angriffe insgesamt fast 2000 medizinische Einrichtungen zerstört oder beschädigt worden.

    Der Krieg verlangt den Familien viel ab. Aufgeben, sich fügen? Weder für Alla noch Tanya ist das einen Gedanken wert. „Unsere Kinder sollen in einer freien Ukraine leben. Nicht in einer Diktatur“, sagen sie übereinstimmend und überzeugt.

    Doch die nahe Front bereitet ihnen zunehmend Sorgen. Im Hintergrund hört man den Klang des Kriegs, dunkles Grollen. „Mein Mann und ich machen uns Gedanken, ob wir bald die Stadt verlassen müssen. So, wie es die Hälfte unserer Bekannten und Freunde schon getan hat“, sagt Tanya. Alla nickt. Sascha und Iwan sehen es anders. Sie wollen bleiben. „Es ist unsere Stadt, und wir wollen auch nicht getrennt werden“, erklären die Teenager.

    Dann kam die nächste Rakete, geladen mit Splittern

    „Als die erste Rakete einschlug, waren unsere Jungs noch unverletzt“, sagt nun Alla. „Ich wünschte, ich hätte sie aufhalten können. Aber sie wollten los, um den Menschen zu helfen.“ Dann sei die nächste Rakete gekommen, geladen mit Splittern. Zeitversetzt, um die eintreffenden Hilfs-Teams zu treffen. Es sei Russlands Militär nicht darum gegangen, ein militärisches Ziel zu zerstören. Die zweite Rakete sollte Menschen töten, sagt Alla, sie sollte ihre Körper zerfetzen. 34 tote Zivilisten, rund hundert Verletzte. Und die Folgen? Keine. Für eine Zusage der Bundesrepublik jedenfalls, Taurus-Raketen zu liefern, reicht auch das offensichtlich nicht.

    Tanya, Alla, Tetayna oder Tamara – die Menschen in der Ukraine haben zusehends das Gefühl, dass ihr Schicksal, dass der Krieg in ihrer Heimat in Deutschland und Europa verdrängt wird. Währenddessen macht Putin immer wieder klar: „Wo ein russischer Soldat seinen Fuß hinsetzt, das gehört uns.“

    Diskutieren Sie mit
    XXX 1 Kommentar
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren