Es brummt, pustet und piepst im digitalen Maschinenraum. Vor Computern, die die Form von Geldkassetten haben, sich über- und nebeneinander regalartig hinter transparenten Türen stapeln, kleben die Logos international agierender Konzerne. „Hier spielt die Musik“, ruft Günter Eggers. Dann erklärt er mit erhobener Stimme, warum es in diesem ansonsten kahlen Raum so laut ist. „Die Rechenaktivität der Computer ist so hoch, dass sie heiß laufen würden, wenn wir nicht aktiv mit kalter Luft oder Wasser kühlen.“
Zwischen den gewaltigen Rechnern steht Eggers auf einem Gitterboden, der sich rund einen Meter über dem eigentlichen Boden befindet. Auch dies ist eine Maßnahme zur Temperaturregelung. Täte man all dies nicht, erreichten die Computer und ihre Chips bald so hohe Temperaturen, dass sie kaputtgehen. Das aber müsse auf jeden Fall vermieden werden. Die Kundenzufriedenheit, sagt Eggers, habe hier, auf „Frankfurt 4“, oberste Priorität.
In Deutschland haben sich die IT-Anschlussleistungen seit 2010 auf 2700 Megawatt verdoppelt
Günter Eggers, ein legerer Typ in Hemd, Jeans und Turnschuhen, ist Sprecher von NTT Data, einem Daten- und Infrastrukturkonzern aus Japan, der zu den weltweit größten Betreibern von Rechenzentren gehört. In Hattersheim, einem Vorort von Frankfurt am Main, betreibt das Unternehmen diese Anlage mit einer IT-Last von 34,4 Megawatt – und baut sie noch aufs Doppelte aus. „Wir befinden uns in einem Wachstumsgeschäft“, sagt der Mann, als er den Maschinenraum wieder verlässt.
Ohne Rechenzentren wie dieses würde nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Alltagsleben, wie wir es heute kennen, so nicht mehr funktionieren. Alle möglichen Unternehmen, die digitale Dienste anbieten – vom Versenden kleiner E-Mails bis zum Bestellen neuer Schuhe, von Passwortmanagern bis zum verzögerungsfreien Streaming von Fußballspielen – benötigen für ihr Geschäft solche Einrichtungen, riesige graue Hallenkomplexe voller Computer, Backuprechner, Fluchtwege.
Wobei sich Günter Eggers noch zurückhaltend ausdrückt, wenn er das, was hier vor sich geht, „Wachstumsgeschäft“ nennt. Tatsächlich erlebt die Branche einen Riesenboom. In Deutschland haben sich die IT-Anschlussleistungen seit 2010 auf 2700 Megawatt verdoppelt und dürften sich bis 2030 wieder fast verdoppeln. Die EU beschloss dieses Jahr, 200 Milliarden Euro in künstliche Intelligenz (KI) zu investieren, um die Kapazität binnen fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen.
Befeuert wird der Boom durch die KI-Modelle von Konzernen wie Google, AWS (Amazon) und Microsoft, die man in der Branche nur „Hyperscaler“ nennt, da ihre Investitionen und ihr Wachstum so rasant sind. Hinzu kommen all diejenigen, die im umkämpften KI-Geschäft aufholen wollen. Kurzum: Die Rechenzentren werden immer schneller, größer und allgegenwärtiger.
Der Strombedarf der Branche dürfte über die nächsten zehn Jahre um rund 150 Prozent zunehmen
Nur wird das, , für den Planeten zu einem wachsenden Problem: Die Zentren sind riesige Stromfresser. In Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin – bisher Europas führende Standorte solcher Anlagen – machen sie laut dem britischen Thinktank Ember zwischen 33 und gar 80 Prozent des lokalen Stromverbrauchs aus. Tendenz steigend. Der Strombedarf der Branche dürfte laut Ember über die nächsten zehn Jahre um rund 150 Prozent zunehmen. Eine Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) schätzt, dass ein heutiges Rechenzentrum von 100 Megawatt in etwa so viel Strom verbraucht wie 100.000 Haushalte.
Auch jenseits dieser Tatsache sind Investoren und Betreiber von Rechenzentren vermehrt in die Kritik geraten. In Hattersheim, wo NTT Data in den Bau mehrerer Anlagen investiert hat, wollte eine Bürgerinitiative die Vorhaben 2024 verhindern. Sie kritisierte unter anderem die „unwiderrufliche Zerstörung der Böden durch Versiegelung“, „Temperaturerhöhungen des umliegenden Wohngebiets um zwei Grad Celsius“ und Lärmbelästigung am lokalen Friedhof.
Es sind Bedenken, die auch anderswo gemeldet werden, sagt Werner Neumann. Der ältere Herr, der einst für die Stadt Frankfurt arbeitete und heute dem Vorstand der Hessener Abteilung des Naturschutzvereins BUND angehört, ist im Videocall sichtlich gereizt. „Die Betreiber von Rechenzentren reklamieren gerne für sich, dass sie ja kaum Emissionen verursachten, sobald genügend Erneuerbare im Strommix seien. Aber sie verbrauchen dermaßen viel Strom, dass sie eine grüne Energiewende umso schwieriger machen.“
Zudem steht auf praktisch jedem Rechenzentrumsgelände ein Notstromaggregat, das mit Diesel betrieben wird – falls der reguläre Zufluss mal ausfallen sollte. Günter Eggers von NTT Data hat bei der Tour durchs Rechenzentrum betont, dass diese Anlagen immer nur kurz zur Probe anspringen. Neumann hält dagegen: „Hunderte von Notstromdiesel im Rhein-Main-Gebiet stoßen schon im Testbetrieb so viel Stickoxide und Feinstaub aus wie ein kleines Kohlekraftwerk.“
Der in Rechenzentren verwendete Strom soll ab 2027 nur noch aus Erneuerbaren bestehen
Regeln für den Bau und Betrieb von Rechenzentren sind rar. Das Energieeffizienzgesetz (EEG), das die vorige Regierung aus SPD, Grünen und FDP 2023 durchs Parlament brachte, sieht allerdings einiges vor: Demnach soll der in Rechenzentren verwendete Strom ab 2027 nur noch aus Erneuerbaren bestehen. Normen zur Energieeffizienz verlangen, dass sie möglichst ressourcensparend laufen. Und Regeln zur Abwärmenutzung geben vor, dass die Zentren für ihre Umgebung als Quelle zur Fernwärme wirken.
Und in der Praxis? Werner Neumann schüttelt den Kopf. „Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung markiert hier deutliche Rückschritte.“ In der Bemühung, die Entwicklung von KI zu stärken, scheinen die Regeln nun weniger ernst genommen zu werden. Besondere Sorgen macht Neumann dies mit Blick auf die Nutzung der Wärme, die die Rechenzentren durch ihre Rechen- und Kühlvorgänge produzieren. Prinzipiell sind diese eine Ressource: Die Wärme könnte Haushalte beheizen.
Neumann schildert ein Problem: „Das EEG gibt vor, dass ab Juli 2026 gebaute Zentren mindestens zehn Prozent ihrer Abwärme wiederverwenden müssen.“ Ab Juli 2028 sollen es 20 Prozent sein. Dem BUND sind die Werte zu gering, da Berechnungen zeigten, auch 40 Prozent Abwärmenutzung wären machbar. Neumann hat aber noch einen größeren Kritikpunkt: „Viele Betreiber unterlaufen die Regeln, indem sie sich als Standorte Kommunen suchen, wo die Wärme gar nicht abgenommen werden kann.“
Aus der Nachhaltigkeitsperspektive heraus bleiben große Potenziale ungenutzt. Der Sektor setzte 2024 um die 14 Milliarden Euro um, wächst mit zweistelligen Raten. Geld, um sich an Investitionen in einen Ausbau des Wärmenetzes zumindest stark zu beteiligen, könnte vorhanden sein. Aber gegen Verpflichtungen hierzu stemmt sich die Branche, was aus betriebswirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar ist: Ohne Regeln lässt es sich leichter zwischen Kommunen auswählen, die sich über die Ansiedlung neuer Betriebe freuen.
Vor allem wegen des Finanzzentrums und des Flughafens ist Frankfurt einer der größten Rechenzentrums-Hubs in Europa
Kaum jemand kennt sich im Umgang mit Rechenzentren so gut aus wie Marcus Gwechenberger. Als Dezernent für Planen und Wohnen der Stadt Frankfurt versucht der SPD-Politiker seit Jahren, die Interessen der Wohnbevölkerung mit jenen der Betreiber von Rechenzentren sowie deren Kunden in Einklang zu bringen. In Frankfurt ist das nicht leicht: Vor allem wegen des Finanzzentrums und des Flughafens ist die Stadt einer der größten Rechenzentrums-Hubs in Europa.
In seinem Büro, einem im Bauhausstil eingerichteten Raum mit Landkarten an der Wand, klickt sich Gwechenberger durch eine Powerpoint-Präsentation. „Hier in Frankfurt sind auch wegen der Rechenzentren vor allem zwei Dinge knapp geworden“, sagt er mit Blick auf seine Folien: „Platz und Strom.“ Die 84 Rechenzentren in der Stadt haben mit ihrem Stromhunger dafür gesorgt, dass Anschlüsse ans Netz für neue Betriebe zum Problem werden. „Ein weiterer Ausbau ist nur möglich, wenn wir es geordnet machen.“
Gwechenberger hat ein Konzept entworfen, wie das möglich sein könnte. Auf Folie 8 der Präsentation prangt in großen, roten Lettern: „Eignungs- und Ausschlussgebiete.“ Der Stadtrat erklärt: „Für neue Rechenzentren müssen wir darauf achten, dass wir das Potenzial der Abwärme nutzen. Das funktioniert aber nur, wenn die Anlagen in Gebieten stehen, wo die Abwärme sinnvoll eingesetzt werden kann.“ Industriecluster oder neue Wohnanlagen gehörten dazu. 21 Rechenzentren werden nun entsprechend geplant.
„Wichtig dabei ist“, betont Gwechenberger und hebt mahnend den Finger, „dass wir diese Gebiete grundstückscharf definieren. Damit völlig klar ist, wo sich neue Anlagen ansiedeln können und wo nicht.“ Denn Betreiber von Rechenzentren, mit ihrer enormen Kaufkraft, würden sonst nicht nur den Strom in Frankfurt zur Mangelware machen, sondern auch andere Branchen, die für Land weniger Geld bezahlen können, aus der Stadt treiben. „Die Stärke Frankfurts ist eine diverse Wirtschaft. Das muss so bleiben.“
Die ganze EU will mehr Rechenzentren errichten lassen
Mit seinem Plan hat sich Marcus Gwechenberger nicht nur Freunde gemacht, gar einige Klagen von Grundstückbesitzern oder Investoren eingebracht. „Bisher haben wir alles gewonnen“, betont der Stadtrat. So preist er sein Konzept auch längst bei Gemeinden in der Region sowie deutschlandweit an, wo sich die Frage nach dem Umgang mit neuen Rechenzentren immer häufiger stellt. Auch über einen europaweiten Austausch werde nachgedacht. Die ganze EU will schließlich mehr Rechenzentren errichten lassen.
Im Vorort Hattersheim, wohin sich Rechenzentrumsbetreiber auch deshalb orientieren, weil in Frankfurt der Platz knapp geworden ist, lehnt man Gwechenbergers Pläne dankend ab. Klaus Schindling, der Bürgermeister, blickt aus dem Fenster seines geräumigen Büros auf eine gemähte Wiese. „Ich halte nichts von allzu viel Regulierung“, sagt der CDU-Politiker. Als Gemeinde solle man sich bemühen, einen guten Draht zur Wirtschaft zu halten, ihr keine Ketten anlegen. Schindling, der sich nebenbei in der German Datacenter Association engagiert, weshalb ihm schon Interessenkonflikte vorgeworfen worden sind, sieht es so: „Wir sind ländlich geprägt und müssen uns fragen: Was möchten wir? Als Kommune haben wir wenige Möglichkeiten, Geld einzunehmen.“
Mit der Ansiedlung von NTT Data sowie einem weiteren Betreiber fließen nun Gewerbesteuereinnahmen in Höhe einer „großen siebenstelligen Summe“, so Schindling. „Wir haben unsere Sportplätze auf den neuesten Stand gebracht, Sportfunktionsgebäude mit Massageräumen.“ Die Weihnachtsbeleuchtung sei jetzt schöner als früher. Schindling murmelt: „Architekturpreise gewinnen Rechenzentren nicht. Aber die Allermeisten hier im Ort sind froh, dass wir das gemacht haben.“
Wie froh aber ist das Klima über das, was in Hattersheim und anderswo passiert? „Wir investieren nur, wenn es nachhaltig ist“, betont Günter Eggers im Inneren von „Frankfurt 4“. Was genau das bedeutet, bleibt offen. Rund um die Frage, was etwa der Notstromdieselgenerator auf der Anlage an Schadstoffen ausstoße, heißt es: „Die Zufriedenheit unserer Kunden hat hier oberste Priorität.“ Der Bedarf an zuverlässiger Stromzufuhr dieser Kunden dürfte sich über die nächsten Jahre vervielfachen. Woher der Strom kommen wird?
Das sieht man in der Branche oft als Problem der Energiepolitik, weniger als ein eigenes. In Irland, wo Dublin und das Umland mittlerweile derart mit Rechenzentren überlastet sind, dass schon ein Moratorium für den Anschluss neuer Anlagen beschlossen wurde, machen sie nun 22 Prozent des landesweiten Strombedarfs aus, 2030 dürfte es knapp ein Drittel sein. Eine Analyse der Barclays Bank erwartet, dass dafür künftig wieder mehr fossile Brennstoffe eingesetzt werden.
Mitarbeit: Bart Grugeon, Michele Bertelli, Anna Toniolo
Hinweis: Die Kosten für diese Recherche wurden durch ein Stipendium von Journalismfund.eu finanziert. Einfluss auf den Inhalt der Reportage wurde nicht genommen.
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