Sarah Engels, wie ist Ihre Gefühlslage vor dem Finale des Eurovision Song Contest (ESC) am 16. Mai in Wien?
SARAH ENGELS: Es ist auf jeden Fall eine Mischung aus allem – Vorfreude, positive Anspannung und natürlich auch ein bisschen Nervosität. Aber vor allem überwiegt die Freude auf diesen besonderen Moment. Es passiert gerade so viel, die Zeit vergeht unglaublich schnell – gefühlt war gestern erst Silvester –, und jetzt stehen wir schon so kurz vor dem ESC. Ich versuche, alles bewusst zu genießen und diese Reise in vollen Zügen mitzunehmen.
Gibt es ein ESC-Schlüsselerlebnis in Ihrer Kindheit?
ENGELS: Ich erinnere mich weniger an einen einzelnen Moment als vielmehr an dieses Gesamtgefühl. Der ESC war bei uns zu Hause immer ein richtiges Event. Wir haben als große Familie zusammen geschaut, mitgefiebert und am Ende sogar selbst Punkte vergeben. Diese gemeinsamen Abende sind mir total in Erinnerung geblieben – und genau deshalb ist es heute umso mehr besonders für mich, selbst ein Teil davon zu sein.
Ihr Song „Fire“ soll daran erinnern, wie viel Stärke in jeder Frau steckt. Gibt es einen persönlichen Moment in Ihrem Leben, der diese Botschaft ausgelöst hat?
ENGELS: „Fire“ ist eher die Summe vieler Erfahrungen im Laufe meines Lebens – sowohl positiver als auch herausfordernder. Gerade die schwierigeren Phasen haben mir gezeigt, wie viel Stärke eigentlich in mir steckt, auch wenn man das in dem Moment selbst oft gar nicht sieht. Genau daraus ist auch die Botschaft von „Fire“ entstanden: sich daran zu erinnern, dass man diese Kraft in sich trägt und sie wiederfinden kann.
Wofür brennen Sie?
ENGELS: Für meine Musik, für die Bühne und natürlich für meine Familie. Das sind die Dinge, die mir Energie geben und mich antreiben. Und genau dieses Feuer möchte ich auch mit anderen teilen und weitergeben.
Ihr ESC-Look soll ein Statement für „Female Empowerment“ sein, also die Selbstbestimmung von Frauen stärken. „Es darf auch sexy sein, auch wenn der Körper sich nach zwei Kindern verändert“, sagten Sie.
ENGELS: Für mich geht es bei „sexy“ vor allem um Selbstbestimmung. Es bedeutet, dass ich mich in meinem Körper wohlfühle und selbst entscheide, wie ich mich zeigen möchte. Und zwar unabhängig davon, was andere vielleicht erwarten oder hineininterpretieren. Natürlich gibt es gerade im Showbusiness immer auch den Blick von außen, und der kann manchmal herausfordernd sein. Aber ich habe gelernt, mich davon nicht definieren zu lassen. Für mich ist wichtig, dass es sich echt anfühlt – dass ich mich wiedererkenne und mich wohlfühle. Dann hat es nichts mit einer Rolle oder Erwartung zu tun, sondern mit Stärke und Selbstbewusstsein.
Sie engagieren sich mit Ihrer Stiftung „Starke Mädchen“ für junge Frauen. Was möchten Sie diesen mit auf den Weg geben?
ENGELS: Mir ist es unglaublich wichtig, jungen Mädchen und Frauen Mut zu machen, an sich selbst zu glauben und ihren eigenen Weg zu gehen. Dass sie lernen, ihren eigenen Wert zu erkennen und sich nicht von Zweifeln oder äußeren Meinungen kleinhalten zu lassen. Ich möchte ihnen mitgeben, dass sie stark sind – genau so, wie sie sind. Und dass sie ihr eigenes „Feuer“ in sich tragen, auch wenn sie es vielleicht manchmal nicht spüren. Wenn ich dazu beitragen kann, dass sie ein bisschen mehr Selbstvertrauen entwickeln und für sich selbst einstehen, dann bedeutet mir das sehr viel.
Einige kritisieren, Lieder im Stil von „Fire“ habe es beim ESC schon häufig gegeben. Was ist Ihre Antwort für alle, die sich eine ausgefallenere Nummer gewünscht haben?
ENGELS: Ich kann verstehen, dass manche sich etwas komplett Unerwartetes wünschen – und genau das macht den ESC ja auch so spannend. Aber für mich ist „Fire“ etwas ganz Besonderes, nämlich ein Song, hinter dem ich zu hundert Prozent stehe und der eine echte Emotion transportiert. Ich glaube, manchmal sind es genau diese Songs, die die Menschen wirklich erreichen. Weil sie etwas auslösen und im Herzen bleiben.
Deutschland hat oft die hinteren Plätze belegt. Die letzte wirklich gute Platzierung war 2018 Rang vier von Michael Schulte. Spüren Sie diesen historischen Druck – oder hilft er Ihnen sogar?
ENGELS: Natürlich kenne ich diese Ergebnisse und nehme sie auch wahr. Aber ich versuche ganz bewusst, das nicht als Druck zu sehen. Für mich ist es eher eine Motivation, meinen eigenen Weg zu gehen und alles zu geben, um Deutschland so gut wie möglich zu vertreten. Am Ende kann man das Ergebnis nicht komplett steuern, aber man kann beeinflussen, wie ehrlich und mit wie viel Gefühl man auf der Bühne steht. Genau darauf lege ich meinen Fokus. Ich möchte diesen Moment einfach genießen.
Die Erwartungen an den ESC in Deutschland sind in diesem Jahr mal wieder überschaubar. Sie sagen, Sie nehmen wahr, dass Deutschland seine eigenen Beiträge oft besonders kritisch sieht. Woran liegt das Ihrer Meinung nach – und wie geht man als Künstlerin damit um?
ENGELS: Ich finde es tatsächlich ein bisschen schade, dass wir in Deutschland oft so kritisch mit unseren eigenen Beiträgen sind. Man vergisst dabei schnell, wie viel Arbeit, Zeit und Leidenschaft hinter einem Song und dem gesamten Auftritt stecken. In vielen anderen Ländern spürt man da mehr Zusammenhalt und auch einen totalen Stolz auf den eigenen Act – ganz unabhängig davon, ob es genau dem eigenen Musikgeschmack entspricht oder nicht.
Man bekommt täglich vermittelt, dass im Land nichts läuft. Färbt das auch irgendwie auf den ESC ab? Oder sind die Deutschen vielleicht einfach nur ein Haufen schlecht gelaunter Nörgler?
ENGELS: Ich würde das so nicht sagen. Ich glaube, wir Deutschen sind einfach oft sehr kritisch und hinterfragen vieles. Das ist ja grundsätzlich auch nichts Schlechtes. Aber manchmal dürfen wir auch mal loslassen und einfach mal wieder Spaß haben.
Zur Person
Sarah Engels, 1992 in Köln geboren, wurde als Teilnehmerin der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ bekannt. Nach der Scheidung von Sänger Pietro Lombardi, mit dem sie einen zehnjährigen Sohn hat, ist sie nun mit dem Fußballspieler Julian Büscher verheiratet. Sie wurden 2021 Eltern einer Tochter.
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