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Smartphones: Japanische Stadt Toyoake beschränkt Nutzung auf zwei Stunden täglich

Smartphones

„Wie soll das gehen?“: Japanische Stadt begrenzt Smartphone-Zeit auf zwei Stunden pro Tag

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    Auch in Japan, hier ein Bild aus Tokio, sind Jugendliche deutlich länger am Handy als ältere Menschen.
    Auch in Japan, hier ein Bild aus Tokio, sind Jugendliche deutlich länger am Handy als ältere Menschen. Foto: Kimimasa Mayama, dpa

    Als Karen Shimada zum ersten Mal davon hörte, dass in ihrer Stadt bald ein anderer Wind wehen würde, vermutete sie einen Scherz. Sie lacht, blickt ungläubig gen Himmel: „Nur noch zwei Stunden pro Tag?!“, rekapituliert die 18-Jährige nach Schulschluss am kleinen Bahnhof ihrer Heimatstadt. „Wie soll das gehen?“ Sie war sicher: Es geht nicht. „Wenn ich aus der Schule komme, hab' ich vom Hin- und Rückweg schon drei Stunden intus.“ Ganztags nur zwei Stunden? Unmöglich.

    Aber seit Anfang Oktober ist das, was Karen Shimada zuerst für einen Witz hielt, Realität. In Toyoake, einer 68.000-Einwohner-Stadt im Zentrum Japans, dürfen die Menschen pro Tag während ihrer Freizeit nur noch zwei Stunden lang ihr Smartphone nutzen. Shimada, locker sitzende Jeans, gefranster Pony, Zahnspange und iPhone der neuesten Generation, kann es immer noch nicht fassen: „Im September erfuhr ich davon. Begriffen hab ich's bis jetzt nicht so ganz.“

    Keine Stadt der Welt hat wohl ein ähnlich ausgeprägtes Handyverbot

    Es dürfte eine politische Weltneuheit sein, die im beschaulichen Ort am Südrand der Metropole Nagoya Ende September den Stadtrat passierte. Und zumindest in Japan ist Toyoake, das weder über eine große Industrie verfügt noch Prominente hervorgebracht hat, hierfür nun landesweit bekannt: „Stadt in der Präfektur Aichi beschließt bezeichnende Regel, um die Übernutzung von Smartphones anzugehen“, titelte zuletzt Asahi Shimbun, Japans zweitgrößte Tageszeitung. Kyodo, die führende Nachrichtenagentur, veröffentlichte ein Interview: „Bürgermeister verteidigt seine Zwei-Stunden-Smartphone-Richtlinie gegen viel Kritik.“ Die Liste von Leitartikeln und Kommentaren ließe sich fortführen.

    Denn das Thema, das hinter Toyoakes neuer Smartphoneschranke steht, versteht jeder Mensch, der in einem halbwegs wohlhabenden Land lebt: Seit ihrer Kommerzialisierung vor rund 15 Jahren sind Smartphones nicht nur zum Assistenten der Menschen geworden, sondern auch zum Problem. Eine 2022 im akademischen Journal Computers in Human Behavior veröffentlichte Metastudie – eine Zusammenfassung mehrerer Studien – beobachtete ein global zunehmendes Auftreten von Smartphone-Sucht. Eine ähnliche Untersuchung im selben Jahr, publiziert im Journal Clinical Psychology Review, schlussfolgerte, dass mehr als jeder vierte Mensch auf der Welt im Jahr 2022 zum impulshaften Griff zum Smartphone neigte, dem er oft nicht widerstehen konnte. Im Jahr 2025 dürfte der Anteil noch höher liegen.

    In Japan ist die Bevölkerung überaltert

    In Japan sieht die Lage auf den allerersten Blick nicht ganz so schlimm aus. Laut Daten der Regierung liegt die durchschnittliche Nutzungsdauer bei rund drei Stunden pro Tag – wobei aber beachtet werden muss, dass in dem rapide alternden Land der Bevölkerungsanteil jener Menschen, die mindestens 65 Jahre alt sind, höher liegt als überall sonst. Unter ihnen wiederum nutzen viele kein Smartphone. So kommen jüngere Menschen auf viel mehr Stunden pro Tag.

    Der Gemeinderatsbeschluss von Toyoake fällt in eine Zeit, in der in vielen Ländern der Erde Sinn und Unsinn von Smartphone- oder zumindest Social-Media-Verboten diskutiert werden. Allerdings beschränkt sich die Debatte meist auf Kinder und Jugendliche – da greifen einzelne Nationen richtig durch. In Australien funkt die Politik am stärksten ins Kinderzimmer hinein: Dort hat die Regierung neun Online-Portale für Kinder unter 16 Jahren verboten, darunter die Giganten TikTok, Snapchat, Youtube, Facebook und Instagram. Griechenland hat bislang eine App in ihrer Nutzung eingeschränkt, in Dänemark prüft man die Sache noch.

    In Deutschland gibt es kein Mindestalter für Social Media, aber dafür in vielen Bundesländern ein weitreichendes Smartphone-Verbot an Schulen, auch in Bayern. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CSU) äußerte zuletzt aber durchaus Sympathien für eine Social-Media-Schranke in jungen Jahren. Unter Politikerinnen, Politikern und Pädagogik-Profis jedoch gehen die Meinungen auseinander. Die einen sagen, man müsse Kinder und Jugendliche beim Umgang mit dem Smartphone gezielt begleiten, um ihnen Kompetenz beizubringen, verweisen auf KI-Apps, die beim Lernen helfen können. Die Befürworter von Einschränkungen stützen sich auf Studien wie jene, dass zu viel Zeit am Handy die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern hemmt, ihre Lernleistungen verschlechtert und ihre Konzentration auch.

    Karen Shimada aus Toyoake sagt, sie komme auf sechs Stunden Handynutzung am Tag.
    Karen Shimada aus Toyoake sagt, sie komme auf sechs Stunden Handynutzung am Tag. Foto: Felix Lill

    Wie viel Platz das Smartphone bisher in ihrem Leben einnimmt, erzählt Karen Shimada im japanischen Toyoake. Am kaum frequentierten Bahnhof der Stadt, hinter den Kontrollschranken, durch die sie dank ihres Handys gelangt ist, lacht die 18-Jährige verlegen. „Täglich bin ich so ungefähr sechs Stunden am Smartphone“, beichtet sie. Sie zocke Spiele, schaue Videos auf Tiktok oder Youtube, schreibe mit Freunden über die in Japan dominierende Messenger-App Line, suche nach neuen nützlichen oder spaßigen Apps. „Ich lerne aber auch für die Schule per Smartphone. Englischvokabeln zum Beispiel.“ Dass sie streng gegen diese neue Regel ist, die Menschen wie sie ganz besonders trifft, kann Karen Shimada nun auch nicht behaupten. „Es ist schon gut, dass etwas getan wird. Wir verschwenden ja wirklich oft unsere Zeit mit dem Smartphone.“ Eine Drosselung auf zwei Stunden jedoch sei brutal: „Wenn es doppelt so viel Zeit wäre, könnte ich damit noch leben.“ Stattdessen bricht die Schülerin bisher einfach die Regeln. „Tja, mach ich halt“, sagt sie leise, zuckt mit den Schultern. Einfach so?

    Zwei Kilometer westlich von der Bahnstation, von der Karen Shimada nun zu Fuß – und gleichzeitig auf ihr Smartphone blickend – nach Hause geht, sitzt Masafumi Kouki breitbeinig auf einem weichen Sessel. In seinem holzvertäfelten Besprechungszimmer nickt er verständnisvoll. „Es werden ja gar keine Strafen verhängt“, beruhigt der groß gewachsene Mann im schwarzen Anzug. „Ich will nur, dass die Leute, und zwar alle, anfangen, über ihr Verhältnis zu all den Geräten nachzudenken.“

    Masafumi Kouki ist seit mehr als zehn Jahren Bürgermeister von Toyoake. Die Idee, übermäßige Smartphonenutzung einfach zu verbieten, kam ihm in diesem Jahr. „Ich habe zwei Kinder, sieben- und zehnjährig“, sagt Kouki. „Sie wollen jetzt ein Smartphone haben. Meine Frau und ich machen uns Sorgen, dass sie kaum einen gesunden Umgang damit finden werden. Wir alle nutzen sie ja viel zu viel.“ Er selbst schaue oft die Highlights der Hanshin Tigers, einer Baseballmannschaft aus Osaka. Seine Kinder beobachten das. Und wollen auch. Als Masafumi Kouki seine Verbotsidee im Sommer dem Gemeinderat vorstellte, stieß er zunächst vor allem auf Skepsis. So ein Eingriff in die Privatsphäre der Menschen sei viel zu tief, merkte ein Lokalpolitiker an. Politischer Selbstmord, mahnte eine Kollegin. Je mehr der Bürgermeister aber betonte, dass er nur die Nutzung in der Freizeit begrenzen wolle, außerdem keine Bestrafungsmechanismen anstrebe, entstand ein Dialog. Ergebnis: Von 19 Räten votierten zwölf für das Verbot.

    Nicht nur die Stadt Toyoake ist in der Sache geteilter Meinung. „Aus dem ganzen Land haben wir Zusendungen erhalten“, ruft Kouki irgendwie amüsiert durch sein Zimmer. „Wir haben sie alle ausgewertet: 60 Prozent davon waren gegen unsere Maßnahme. Aber viele davon hatten die Regel offenbar nicht richtig verstanden.“ Denn sie seien davon ausgegangen, dass die Nutzung während der Arbeitszeit mitgezählt würde. „Schon das bloße Telefonieren zählen wir nicht“, betont Kouki. „Es geht nur um Bildschirmzeit!“

    Bürgermeister Masafumi Kouki denkt bei der Anti-Smartphone-Regel an seine eigenen Kinder.
    Bürgermeister Masafumi Kouki denkt bei der Anti-Smartphone-Regel an seine eigenen Kinder. Foto: Felix Lill

    Der Mann, der von vielen verdammt worden ist, hat einen Punkt: Studien, die mehrere Aktivitäten nach der mit ihr assoziierten Dopaminausschüttung im Körper vergleichen, und damit deren Suchtpotenzial, ordnen Smartphones als ähnlich gefährlich ein wie Alkohol oder Zigaretten. Eine von der Regierung in Auftrag gegebene Studie hat zudem ergeben, dass mehr Zeit am Smartphone mit einem höheren Einsamkeitsrisiko und schlechterem Schlaf einhergeht. „Da muss man doch was tun“, findet Kouki.

    Tony Nguyen findet das auch. Anderswo in der Stadt schlendert der 19-Jährige über die Straße, hat einen Rucksack über die rechte Schulter gehängt, ein Smartphone ist nicht zu sehen, aber er hat zwei. Der Vietnamese ist für einen Japanisch-Intensivkurs hergezogen, um später hier zu studieren. „Zwei Stunden pro Tag dürfen kein Problem sein“, sagt Nguyen energisch. „Die älteren Leute lesen Zeitung, das können wir doch auch! Und gelernt haben sie mit Zettel und Stift. Das funktioniert sogar besser!“ Tony Nguyen hat es sich vorgenommen.

    Vor einer Einkaufspassage lauert Maho Yatsukawa mit seiner Kamera Pasanten auf. „Wie vergnügt sich die Jugend von Toyoake – jetzt ganz ohne Smartphone?“: Für einen Regionalsender bereitet der 43-jährige Typ mit Stoppelbart eine humorige Sendung vor. Aber insgeheim sei es auch ihm ernst, flüstert er in einem ruhigen Moment. „Ich selbst starre jeden Tag neun Stunden auf das Ding, gucke da Fußball und alles. Meinen Fünfjährigen hab' ich auch schon angesteckt.“

    „Wenn das Verbot für die ganze Familie gilt, ziehen die Kinder eher mit.“ 

    Kaffeehausbesitzerin aus Toyoake

    Je mehr man sich in Toyoake umhört, desto mehr Zuspruch scheint diese neue Regel zu haben, auch wenn die meisten hier sie gar nicht befolgen. In einem Kissaten, einer Art Tee- und Kaffeehaus aus den Nachkriegsjahrzehnten, ist die Betreiberin lange am Grübeln. „Das Argument verstehe ich ja“, sagt die schmächtige 84-Jährige, während sie Kaffee aufbrüht. „Wenn das Verbot für die ganze Familie gilt, ziehen die Kinder eher mit.“ Aber was sei mit Menschen wie ihr? Die alte Dame, die ihren Namen nicht verraten möchte, hat kein Smartphone. Auch zwei Kundinnen, die zur Mittagszeit Kaffee und Kuchen verspeisen, lesen Zeitung. „Uns müssten sie das Fernsehen verbieten!“, ruft die Wirtin. Grundschulkindern legt die Stadtverwaltung jetzt nahe, ab neun Uhr abends kein Smartphone mehr in der Hand zu haben, im Mittelschulalter soll um zehn Schluss sein. „Und ich sitze den ganzen Abend vorm TV“, stimmt eine Kundin ein. „Wir brauchen auch Verbote! Aber ohne Strafen funktionieren solche Regeln sowieso nicht.“

    Und wenn das alles tatsächlich nichts bringt, hat sich Bürgermeister Masafumi Kouki dann politisch lächerlich gemacht? Der Politiker, der bisher auch keine interessierten Anfragen von Amtskollegen erhalten hat, sieht das anders. „Es ist doch super, wenn wir eine Debatte anstoßen können.“

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