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Stromausfall Berlin: Die Menschen kämpfen mit der Kälte

Blackout

Wie Berlin nach dem Stromausfall mit der Kälte kämpft

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    25 Betten sind im Bürgersaal Zehlendorf für die Nacht aufgestellt..
    25 Betten sind im Bürgersaal Zehlendorf für die Nacht aufgestellt.. Foto: Carsten Koall, dpa

    In den nüchternen Räumen, in denen sonst die Fraktionen tagen, geht es an diesem Januartag nicht um Politik. Sondern um die Kälte, der die Anwohner seit Tagen ausgeliefert sind. Das Rathaus des Berliner Ortsteils Zehlendorf, ein hoher sandfarbener Bau aus den zwanziger Jahren, ist zur Notunterkunft umfunktioniert. Jeder kann vorbeikommen – bei der CDU gibt es Kaffee und Kuchen, vor den Räumen der Linken ist eine Mikrowelle aufgebaut, darauf stapeln sich Konservendosen mit Chili und Linsen-Eintopf. „Bitte bedienen Sie sich“, steht auf einem weißen DIN-A4-Blatt, das jemand an die Wand geklebt hat.

    Im Foyer davor steht ein kleiner Weihnachtsbaum, wenn auch nur spärlich geschmückt. Kinder mit Kronen und bunten Umhängen kommen vorbei, gelb, blau und rot. Als Sternsinger lässt man sich von einem Blackout nicht aufhalten. Es ist ein Rest Gemütlichkeit am vierten Tag ohne Strom im Berliner Südwesten. Vier Tage ohne Energie, das gab es in Berlin seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Ausgelöst wurde das alles mutmaßlich durch einen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke am Kraftwerk Lichterfelde, verübt wohl von einer linksextremen Gruppierung.

    Mit jedem Tag werden die Sorgen über die Daheimgebliebenen größer

    Mit gravierenden Folgen: Zwei der 74 Pflegeheime sind immer noch ohne Strom, viele Gebäude können nicht geheizt werden, draußen hat es tagsüber minus zwei Grad, die Straßen sind schneebedeckt, nachts sinken die Temperaturen in den zweistelligen Bereich. Zwei Menschen mit Pflegegrad 4 und 5 mussten in einer Turnhalle übernachten. Es sind, wie es ein Helfer formuliert, „menschliche Tragödien“.

    Fünf Grad habe es in seiner Wohnung gehabt, als er zuletzt nachgesehen hatte, erzählt ein Anwohner, der sich als Walter vorstellt – ein drahtiger Mann mit kurzen grauen Haaren, der auch hier im warmen, mit Notstromaggregaten beheizten Rathaus eine schwarze Winterjacke trägt. So machen es die meisten. Nein, in der Wohnung kann man es nicht lange aushalten, keine Chance. Und hier im Rathaus könne er immerhin sein Handy laden. „Mir geht es ja noch gut“, sagt er. „Ich habe nette Nachbarn, die haben einen Kamin und haben mir Asyl gewährt.“ Sorgen macht er sich um seine Mutter, die fünf Häuser von ihm entfernt wohnt. „Die will ihr Haus partout nicht verlassen“, sagt er.

    So wie Walter geht es vielen. „Natürlich kannst du mit fast 80 nicht mehr raus, es liegt Schnee, es ist glatt“, sagt ein anderer Anwohner. „Meine Mutter hatte schon eine Hüft-OP, da kann jeder Sturz der letzte sein.“ Er habe deshalb seinen älteren Nachbarinnen und Nachbarn Essen zur Wohnung gebracht. „Und man muss auch gucken, wie es ihnen geht“, sagt er. „Zeitweise konnte man ja noch nicht mal den Notruf wählen.“ Mit jedem Tag werden die Sorgen über die Daheimgebliebenen größer.

    Denn noch immer sind 25.500 Haushalte ohne Strom, auch wenn einige inzwischen versorgt werden konnten. Bis Donnerstag müssen sie noch ausharren. Dann soll der Schaden behoben sein.

    350 Kilometer Kabel verlaufen in Berlin oberirdisch

    Es sei „schrecklich“, was einige hier durchmachten, keine Frage, sagt Dennis Egginger-Gonzalez, der am Stand der Linken hilft. Manche kommen und „fangen einfach an zu weinen“, sagt er. „Da fällt dann plötzlich der ganze Druck ab.“ Weil sie Angst hätten und nicht wüssten, wohin. Manchmal sind es auch kleine Geschichten, die einen bewegen. Ein Mädchen musste für ein Musikkonzert üben. „Sie spielt Bratsche, das ging zuhause in der Kälte natürlich nicht, dann haben wir ihr eben hier einen Raum besorgt.“ Andere kommen, um sich Stirnlampen, Powerbanks, Decken oder Handwärmer abzuholen. „Aber das sind eben die Menschen, die noch herkommen können“, sagt er. „Die können für sich sorgen. Ganz viele können das nicht.“ Deshalb will er später noch „rausfahren“, an Haustüren klingeln, um vor allem die Alten mit dem Nötigsten zu versorgen. „Denn die staatliche Versorgung lässt zu wünschen übrig.“

    Das sieht man nicht nur am Stand der Linken so. Walter, der Anwohner mit der schwarzen Winterjacke, sagt, er fühle sich von der Politik „auf Deutsch gesagt: verarscht“. So habe er zum Beispiel eine Nachricht auf sein Handy bekommen, ohnehin viel zu spät, mit der man sich über die Lage informieren könne. „Da war dann ein Link zu einer Internetseite. Das bringt natürlich viel, wenn man kein Internet hat“, sagt er. „Ich war entsetzt über diesen Scheiß.“ Auch die Warnungen von Autos mit Megaphonen hätte kaum jemand mitbekommen, den er kenne. „Wie auch, wenn man in der zweiten Reihe wohnt.“ Oder wenn man wegen der Kälte die Fenster geschlossen hat. „Natürlich hört das niemand.“

    Wie gravierend die Lage ist, lässt sich am besten in Zahlen beschreiben. 100.000 Menschen waren oder sind immer noch von dem Blackout betroffen. Zunächst 45.000 Haushalte und 2200 Unternehmen. 18.000 Liter Diesel brachte die Bundeswehr am Montagabend in die betroffenen Stadtteile – vor allem, um Pflegeeinrichtungen zu versorgen. 35 „sehr große Notstromaggregate“ seien im Einsatz, heißt es von der Stadt. Nachts bewachen 300 Polizistinnen und Polizisten die Straßen, um Plünderungen zu verhindern.

    Und noch zwei letzte Zahlen, um zu verstehen, wie es überhaupt dazu kommen konnte: 35.000 Kilometer Kabel gibt es in Berlin, es ist eines der größten Stromnetze Europas. Ein Prozent, also etwa 350 Kilometer, verlaufen oberirdisch. Das sind die „neuralgischen Punkte“, wie es die für Energie zuständige Senatorin Franziska Giffey (SPD) nannte.

    Wer hinter dem Anschlag steckt

    Im Bürgersaal, einem Raum mit hohen Decken, sind Tische aufgebaut, die bedeckt sind mit Verlängerungskabeln und Steckdosen. Jeder will seine Smartphones, Laptops und Tablets laden, um mit Verwandten und Bekannten in Kontakt zu bleiben. Man liest Zeitungen, die hier kostenlos verteilt werden, wärmt sich an den Pappbechern und man schimpft kräftig auf die Politik. Denn die Erklärungen des Senats sorgen bei vielen in der Notunterkunft für Unverständnis. Ein Mann mit längeren grauen Haaren fragt sich, wie es denn sein könne, dass man den Schutz der Kabel so schlecht zusammengebaut habe. Beziehungsweise, wie er es mit seinem Berliner Dialekt formuliert: „so schlecht zusammenjeknüppert hat“.

    Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verteidigte sich damit, er könne ja nicht jedes überirdische Kabel mit einem Polizisten bewachsen lassen. Die Gewerkschaft der Polizei forderte daraufhin Kameras an den entscheidenden Stellen. Die gibt es bisher noch zu selten. Der Verband Kommunaler Unternehmen bemängelt auf Anfrage unserer Redaktion: „Heute können sicherheitsrelevante Standortdaten sensibler Anlagen zu leicht eingesehen werden und werden damit potenziell zur Gebrauchsanweisung für Sabotage.“ Und der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, sagte unserer Redaktion: „Zwar sind Krankenhäuser in der Regel mit Notstromaggregaten ausgestattet, diese sichern jedoch nur für begrenzte Zeit einen Grundbetrieb. Zur Abwehr von Sabotage und Cyberangriffen „benötigen wir Investitionen von rund 2,7 Milliarden Euro“.

    Nachts ist die Polizei verstärkt unterwegs.
    Nachts ist die Polizei verstärkt unterwegs. Foto: Michael Ukas, dpa

    Im Bundestag beraten die Abgeordneten gerade über eine Reform, die noch unter der Ampel auf den Weg gebracht wurde. Sie soll die Betreiber kritischer Infrastruktur dazu verpflichten, Störfälle zu melden und Pläne für verschiedene Risiken aufzustellen. Der Städte und Gemeindebund begrüßt solche Risikoanalysen gegenüber unserer Redaktion, fordert dafür aber auch entsprechende Resourcen für die Kommunen.

    Wie die Risiken in diesem konkreten Fall aussahen, kann man recht leicht herausfinden, indem man das Bekennerschreiben liest. „Unter der Kabelbrücke befanden sich um die 64 Rohre, die zu einem großen Teil mit Starkstromkabeln belegt waren“, schreibt die linksextreme „Vulkangruppe“, die den Anschlag wohl verübt hat. „Mit vier Baustellenspießen haben wir diese miteinander verbunden, um einen Kurzschluss zu gewährleisten.“

    Noch ist nicht endgültig geklärt, ob das Schreiben, das frei verfügbar im Netz zu finden ist, authentisch ist. Aber vieles spricht dafür. Seit 2011, ein Jahr nachdem ein Vulkan in Island halb Europa lahmlegte, verübt die Gruppe Brandanschläge auf kritische Infrastruktur oder auch auf Unternehmen, wie das Teslawerk in Grünheide.

    Ihre Gründe: diffus. „Diese Sabotageakte sollen die Verwundbarkeit der urbanen Mobilitäts- und Kommunikationsinfrastruktur offenbaren, die öffentliche Ordnung stören und erheblichen Sachschaden anrichten“, heißt es im Berliner Verfassungsschutzbericht. Laut Bekennerschreiben hatte man es dieses Mal wohl vor allem auf ein Gaskraftwerk abgesehen, was man als „eine notwendige Maßnahme gegen den Ausbau der fossilen Gaskraftwerke in Deutschland“ erachtet. Und weiter: „Für die Besitzer:innen der vielen Villen, für die Immobilienfirmen, die Botschaften und andere elitäre Reiche in der Gegend hält sich unser Mitleid, wie schon erwähnt, in Grenzen.“ Immerhin sah man sich gezwungen, sich bei den vielen Opfern aus niedrigen Gehaltsklassen zu entschuldigen: „Für die Unannehmlichkeiten des nicht wohlhabenden, auf Hilfe angewiesenen Teils der Bevölkerung möchten wir uns noch einmal ausdrücklich entschuldigen. Sie waren nicht Ziel der Aktion.“

    Unter denen machen sich inzwischen noch weitere Sorgen breit. In der Nacht könnten die Temperaturen auf unter null Grad sinken, auch in den Kellerräumen, sagt eine Frau mit langen braunen Haaren, die als Hausmeisterin arbeitet. „Wenn das Wasser gefriert, besteht die Gefahr, dass es zum Rohrbruch kommt“, sagt sie. „In dem Fall sind sie länger als nur bis Donnerstag raus aus der Wohnung.“

    „Die Solidarität untereinander, das macht schon Hoffnung“ 

    Viele werfen dem Senat vor, zu schlecht vorbereitet gewesen zu sein. „Was ist mit dieser Stadt los?“, wütet ein Anwohner dem Bürgermeister entgegen, als der am Sonntag eine Notunterkunft besucht, und zeigt auf einen älteren Mann, der im Rollstuhl sitzt und in der Turnhalle übernachten musste. „Unfassbar“ sei das. Wegner wird auch vorgeworfen, sich am Wochenende nicht sofort öffentlich gezeigt zu haben. Er selbst verweist darauf, am Samstag mit dem Krisenstab getagt zu haben. Ein anderer Kritikpunkt: Dass die Stadt die Hotelkosten der Betroffenen übernehme, kam erst nach einigem Hin und Her.

    Tatsächlich könnte das für Wegner gefährlich werden. Im September wird gewählt, die CDU steht nur knapp vor der Linken auf Platz 1. Dass Krisen und mangelnde Präsenz Wahlen entscheiden können, weiß man in Deutschland spätestens seit dem Hochwasser 2002. 

    Politisch entbrennt derweil noch ein weiterer Streit, nämlich der um die Bedrohung von links. „Der Linksextremismus ist eine steigende Gefahr, die seit Jahren immer wieder kleingeredet und relativiert wird“, sagt der innenpolitische Sprecher der Union im Bundestag, Alexander Throm, unserer Redaktion. „Terrorismus ist Terrorismus, egal, von welcher Seite er verübt wird. Es ist Zeit, mit Relativierungen aufzuhören und die Bekämpfung des Linksextremismus stärker in den Blick zu nehmen.“ Ähnlich äußerte sich CSU-Innenminister Alexander Dobrindt. Bei der Linken widerspricht man vehement. Die Abgeordnete und rechtspolitische Sprecherin ihrer Fraktion, Clara Bünger, sagte unserer Redaktion: „Für Innenminister Dobrindt steht der Feind links, und er nutzt jede Gelegenheit, die sich ihm bietet, um gegen Linke Stimmung zu machen und mehr Überwachung und Kontrolle zu fordern.“ Diese Überwachung „kann am Ende jeden treffen“.

    Im Rathaus hält man sich mit solchen Diskussionen zurück. Man hilft sich, wo man kann, sagt Walter, kurz bevor er mit geladenem Handy aufbricht. Neben dem Weihnachtsbaum ist eine Pinnwand aufgebaut, die übersät ist mit bunten Zetteln. „Ich biete …“, steht darüber. Manche stellen ihre Wohnungen fürs Duschen zur Verfügung, andere einen „Wohn- und Schlafplatz für 1 Person in Steglitz“ und mancher sogar eine ganze Wohnung. Telefonnummern finden sich dort, falls man einen Fahrdienst benötigt, oder „Versorgung mit Heißgetränken“. Da werde dann „so mancher Nachbarschaftsstreit erstmal begraben“, sagt Walter. „Die Solidarität untereinander, das macht schon Hoffnung.“ 

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