Eine TV-Kritik zu schreiben, erfordert eine Art Persönlichkeitsspaltung. Einerseits soll man die eigene Meinung Ihnen, den Leserinnen und Lesern, mitteilen, andererseits sich möglichst nicht von persönlichen Vorlieben leiten lassen. Der Rezensent mag keine Rockmusik? Noch längst kein Grund, alle alten Odenthal-„Tatorte“ zu verdammen, selbst wenn Lenas Co-Kommissar Kopper darin bei jeder Gelegenheit mit seiner Band „rocken“ ging. Was eigentlich auch gar nicht geht: eine TV-Kritik, verfasst in der Ich-Form. Aber manchmal muss es eben sein.
Saarbrücken-Ermittler Schürk und Hölzer: Ernüchternde Bilanz zu „Das Ende der Nacht“
Warum ich das alles schreibe? Weil ich mein eigenes Urteil revidieren muss: „Schürk und Hölzer zeigen, dass das Team Saarbrücken die Rettung des ‚Tatorts‘ ist“, jubelte ich vor zwei Jahren zur damaligen Episode „Die Kälte der Erde“. Die Kommissare, Freunde seit Ewigkeiten, mittendrin in der Fußball-Ultra-Szene. Dazu ein Schatten aus Schürks zerrütteter Kindheit, der die beiden immer noch verfolgte. Das gipfelte in meinem euphorischen Fazit: „Der ,Tatort‘ hat wieder ein Team, das einen packen kann.“ Nur leider: Es stimmt nicht mehr. Und damit zurück in die Gegenwart.
Der neue Saarbrücker Fall „Das Ende der Nacht“ (Regie: Tini Tüllmann, Drehbuch: Melanie Waelde) klingt erstmal nach einer guten Story (ARD, Sonntag, 20.15 Uhr): ein tödlicher Überfall auf einen Geldtransporter, vieles weist auf ein Gangster-Ehepaar hin, das Diebstähle nach genau demselben Muster beging – oder begeht? Bonnie und Clyde von der deutsch-französischen Grenze sind seit vielen Jahren abgetaucht. Die Einzige, die die Ermittler auf die Spur des Paars bringen könnte, ist ihre Tochter Clara (Lena Urzendowsky, bekannt aus der international gefeierten deutschen Netflix-Serie „Dark“). Obwohl Mutter (Sabine Timoteo) und Vater sie als Kind zurückgelassen haben, kämpft sie bis heute um deren Liebe und Anerkennung.
Doch selbst, als Ermittlerin Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer) entführt wird, kommt der Fall nicht richtig in Fahrt. Vielleicht liegt das an einer recht unglaubwürdigen Figurenkonstellation, vielleicht daran, dass immer wieder aus heiterem Himmel Französisch gesprochen wird oder daran, dass Kommissarin Heinrich plötzlich ein Suchtproblem hat – das vermutlich erst in den nächsten Folgen eine echte Rolle spielen dürfte.
Tatort aus Saarbrücken: Schürk und Tölzer teilen eine Geschichte
Was aber vor allem fehlt, ist ein überzeugendes weiteres Kapitel in der Geschichte, auf der Schürks und Hölzers Freundschaft beruht: der gemeinsame Kampf gegen Schürks Dämon, seinen gewalttätigen Bankräuber-Vater. Nur allzu oft sind die beiden dabei selbst (fast) kriminell geworden und verwischen bis heute die Spuren davon. Diese Geschichte in der Geschichte machte den Saarbrücker „Tatort“ so packend. Diesmal wirkt der Zusammenhang zwischen Schürks Trauma und dem Fall uninspiriert und konstruiert. Hauptsache irgendwie drin, so scheint es. Vielleicht sollte man Schürk eine Therapie spendieren und das Trauma dann endgültig zu den „Tatort“-Akten legen.
Das Saar-Team hatte lange einen fantastischen Lauf. Doch wie schon der 2024er-Fall „Der Rausch des Geldes“ schwächelt also auch die neue Episode. Trotzdem: Geben wir ihnen noch eine Chance. Auch die besten haben mal einen schlechten Tag. Oder zwei. Und angesichts des dramatischen Endes muss man hinzufügen: Hoffentlich ist nicht eh schon aller Tage Abend.
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