Im morgendlichen, herbstgrauen Zürich radelt ein Radler, Yoga-Frauen machen Yoga, eine Skateboarderin skateboarded und ein Mann geht Gassi mit seinem Hund. Wie aus dem Nichts stürzen dann der Radler, eine der Yoga-Frauen, die Skateboarderin und der Gassigeher zu Boden. Fallen einfach um. Sind tot. Der Bildschirm fächert sich in mehrere Fenster auf – Splitscreen nennt man das – und zeigt sie von oben. Und bei der Kantonspolizei klingeln sämtliche Telefone. Mal wieder zaghafte „Akte X“-Vibes im neuen „Tatort“ aus Zürich: „Kammerflimmern“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD). Eine Folge, die mit allen möglichen Mitteln versucht, spannend zu sein, die einen dennoch herzlich kaltlässt.
Noch vor Murot: Tatort Zürich mit Rekordzahl an Toten in einem Tatort
Dabei geht es ums Herz, um Gefühle seltsamerweise kaum und seltsam distanziert. Das albtraumhafte Szenario fasst das Ermittlerteam um Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) in Filmminute 14 bereits ausführlich zusammen. Was unnötig ist, da die ersten Minuten selbst jenen verständlich sein dürften, die auf dem Fernsehsofa eingedöst waren. Spätestens im letzten Drittel, das zunehmend wirr, unlogisch und voller Tech-Kauderwelsch (Stack-Fehler, Coder, Release-Datum im Repository) ist, hätte man sich dagegen ein Update gewünscht.
Der Medizingerätehersteller Lauber Cardio also wurde Opfer einer massiven Cyberattacke, referiert Grandjean mit Sorgenmiene. Zunächst sei durch ein Update ein digitales Virus auf implantierte Defibrillatoren (ICD) gelangt, das einen ungewollten Stromstoß auslöse. Statt Millisekunden dauert dieser Sekunden, viele der Betroffenen sterben. Ein von Lauber Cardio eingeleitetes „Downgrade“ führte zur Ausbreitung des Virus – und zur Hacker-Forderung, 317 Millionen US-Dollar in Kryptowährung zu zahlen.
Wie schwach dieser Tatort ist, zeigt sich auch in dem, was Grandjean und Ott so sagen
Anders gesagt: Menschen mit diesen Defibrillatoren, die bei Herzrhythmusstörungen aktiv werden, schweben in akuter Lebensgefahr. Mit 2400 potenziellen Opfern rechnen Grandjean und Ott. Ott – das ist offensichtlich diesmal die Aufgabenteilung – läuft daher dynamisch zu kardiologisch-pumpernden Beats durch die bisweilen absurden Splitscreen-Bilderwelten. So gelangt sie durch einen spärlich beleuchteten Tunnel zwar nicht ins ewige Licht, jedoch ins Herz des Bösen, den Hauptsitz von Lauber Cardio. Währenddessen ermittelt Grandjean recht statisch, sprich: meist stehend, im Büro. Zwischendurch wird im Splitscreen telefoniert, auf grauen Straßen flimmert Blaulicht und mit eingeblendeten Handlungsorten und Uhrzeiten soll ein Wettlauf mit dem Tod inszeniert werden.
Wie schwach dieser Krimi ist, zeigt sich auch im Gesprochenen. Die Ermittlerinnen sagen: Wir müssen diese Hacker finden. Diese Typen könnten überall auf der Welt sein. Massenpanik muss vermieden werden. Hier brennt es wirklich. Es ist eine formelhafte Sprache, die Spannung heraufbeschwören möchte – aber gleichfalls an der öden Handlung scheitert. Beim Zuschauen berührt einen nicht einmal, dass zur Mitte von „Kammerflimmern“ Tessa Ott herausfindet, dass ihre Mutter „so einen Schrittmacher“ hat. Am Ende kommt dieser „Tatort“ vor dem Murot-Massaker „Im Schmerz geboren“ von 2014 auf die meisten Toten: allein 56 gestorbene ICD-Träger. Über keinen einzigen erfährt man etwas.
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