Die Feuerwalze fraß sich auch am Donnerstag, dem dritten Tag seit Brandausbruch, durch Südfrankreich: Der verheerende Waldbrand im Département Aude, zwischen Carcassonne, Narbonne und der spanischen Grenze, hat bereits annähernd 20.000 Hektar Land verwüstet. Es ist der größte Waldbrand in Frankreich seit Jahrzehnten, mit über 90 Kilometern Brandfront, 15 betroffenen Gemeinden und einer gewaltigen Zerstörungskraft.
Allerdings gab es am Donnerstag leichte Hoffnung auf Besserung: „Das Feuer ist weiterhin aktiv, aber seine Intensität nimmt ab“, erklärte Behördensprecher Rémi Recio. Das Feuer hat bereits eine Wald- und Buschfläche erfasst, die größer ist als die Ausdehnung der französischen Hauptstadt Paris.
Premierminister Bayrou: Frankreich erlebt größten Brand der letzten 60 Jahre
„Es ist eine Katastrophe von nie dagewesenem Ausmaß“, erklärte Premierminister François Bayrou in Saint-Laurent-de-la-Cabrerisse, einem der am stärksten betroffenen Orte. „Tausende Menschen sehen sich betroffen in dem, was ihnen am wertvollsten ist: ihre Häuser, ihr Besitz, ihre Weinberge und die Landschaft, in der sie leben.“ Es handle sich um einen Brand, „dessen Größe alles übertrifft, was wir in den letzten 60 Jahren erlebt haben”.
Bayrou versprach nationale Solidarität und forderte, die Katastrophe als Wendepunkt zu begreifen: „Wir erleben Ereignisse, die es so noch nie gab. Der Klimawandel ist spürbar geworden und bringt uns mit neuen Realitäten in Kontakt. Wir müssen über die Zukunft dieser Gebiete nachdenken, über Schutzmaßnahmen – und über politische Verantwortung.“ Der Brand von Aude sei nicht nur ein regionales Unglück, sondern ein europäischer Weckruf.
Ältere Frau will ihr Haus nicht verlassen und stirbt in den Flammen
Mindestens eine Person kam bisher in den Flammen um: Eine ältere Frau, die sich geweigert hatte, ihr Haus zu verlassen. Die Zahl der Todesopfer könnte allerdings noch steigen, denn wenigstens drei Menschen werden vermisst. Zudem gab es zahlreiche Verletzte, darunter elf Feuerwehrleute. Allein vier Löschhelfer wurden verletzt, als ihr Fahrzeug auf abschüssigem Gelände umstürzte. Zudem wurden Dutzende von Wohnhäusern und Fahrzeuge zerstört. Etwa 1000 Menschen mussten evakuiert werden.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schrieb auf der Plattform X: „Europa steht an der Seite Frankreichs, während in Aude die schlimmsten Waldbrände der jüngeren Geschichte wüten. Unsere Gedanken sind bei den mutigen Feuerwehrleuten. Wir sind bereit, EU-Ressourcen zu mobilisieren, um die Löscharbeiten zu unterstützen.“
Besonders hart getroffen wurde das Weinanbaugebiet um Saint-Laurent-de-la-Cabrerisse, wo ganze Ernten verloren gingen. Bürgermeister Xavier de Volontat fand deutliche Worte: „Hier sind 600 Hektar Weinberge verloren. Die Ernte war vielversprechend – nun ist sie vollständig vernichtet.“ Die wirtschaftlichen Folgen seien verheerend: „Es ist ein Desaster. Und die Versicherungen greifen nicht. Die Leute stehen mit leeren Händen da.“
Neben der Landwirtschaft ist auch die Natur großflächig ruiniert. „Die Fauna und Flora dieser Region sind zu Asche geworden“, sagte der Bürgermeister. „Was wir hier sehen, ist nicht einfach Naturgewalt – es ist das Ergebnis unserer Nachlässigkeit.“ Der Vorsitzende der örtlichen Landwirtschaftskammer, Ludovic Roux, sprach von einem „leider vorhersehbaren Feuer“, das durch Trockenheit, Hitze und fehlende Maßnahmen zur Waldpflege begünstigt worden sei.
Süden Europas erlebt derzeit heftige Hitzewelle
Laut dem nationalen Wetterdienst Météo France treibt eine Kombination aus extrem niedriger Luftfeuchtigkeit, starken Winden und hohen Temperaturen den Brand immer weiter voran. Der Süden Europas leidet derzeit unter einer großen Hitzewelle. Die Flammen breiten sich in Südfrankreich mit bis zu sechs Kilometern pro Stunde aus.
Über dem Feuer bildete sich ein sogenannter Pyrocumulus – eine riesige, pilzförmige Rauch- und Aschewolke, die bei extremer Hitze entsteht und das lokale Wetter beeinflussen kann. Sie saugt feuchte Luft an, erzeugt starke Winde und kann sogar Trockengewitter provozieren, die weitere Brände entfachen. „So etwas sieht man nur bei sehr intensiven Bränden“, erklärte Meteorologe Guillaume Trichaud.
Innenminister Bruno Retailleau, der sich gemeinsam mit Premier Bayrou vor Ort ein Bild machte, lobte den „massiven Einsatz“ der Kräfte: „Wir haben 2150 Feuerwehrleute mit 600 Fahrzeugen im Einsatz. Dazu kommt eine beispiellose Luftunterstützung.“ Retailleau kündigte zusätzlich den Einsatz von Militärhelikoptern und Soldaten an.
Warum das Feuer in Südfrankreich ausbrach, ist noch unklar
Die Brandursache ist noch nicht geklärt. Laut der Staatsanwaltschaft von Carcassonne gibt es „derzeit keinen Hinweis auf Brandstiftung“. Allerdings weiß man, dass viele Waldbrände durch Fahrlässigkeit oder auch vorsätzliche Brandstiftung entstehen. Entsprechend wurde nicht ausgeschlossen, dass ein weggeworfener Zigarettenstummel am Straßenrand den Großbrand ausgelöst haben könnte.
Die Rauchentwicklung über der Brandzone ist derzeit so massiv, dass sie über 400 Kilometer weit getragen wurde – bis zur Mittelmeerinsel Mallorca. Aus dem Weltraum sei die gigantische Rauchsäule sichtbar, berichtete Météo France.
Die Autobahn A9, wichtigste Verbindung zwischen Frankreich und Spanien am Mittelmeer, musste vorübergehend gesperrt werden, wurde aber inzwischen wieder freigegeben. „Der Wind hat gedreht, das hat die Öffnung möglich gemacht“, sagte der örtliche Behördensprecher Rémi Recio.
Während Frankreich auch am Donnerstag gegen die Flammen kämpfte, gab es aus dem Nachbarland Spanien positive Nachrichten: Der Großbrand bei Tarifa im Süden Spaniens, , ist nach Angaben der Einsatzleitung weitgehend unter Kontrolle. Rund 1500 Urlauber, die in Sicherheit gebracht worden waren, durften wieder in ihre Unterkünfte zurückkehren.
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