Ramin Taremi steht die ganze Zeit kurz vorm Explodieren. Man sieht ihm seine Wut an den Gesichtszügen an. Und daran, wie er mühsam seine Stimme im Zaum hält. Wie er immer wieder kurz davor ist, in seinem Stuhl aufzuspringen und sich auf Kommissar Berg (Hans-Jochen Wagner) zu stürzen, der ihn gerade vernimmt. Es fällt leicht, sich den Kriminellen bei der Tat vorzustellen, die ihm vorgeworfen wird. Das liegt an dem österreichischen Schauspieler Omid Memar, der mit seinem brodelnden, aufwühlenden Spiel das Gegenteil der Breisgauer Bräsigkeit ist.
Taremi soll blind vor Wut in einem Club einen Rocker niedergeschlagen haben. Jetzt ist der gesichtstätowierte Belederjackte tot. Oder ist es doch die ihm widerfahrende Ungerechtigkeit, die Taremi auf dem Freiburger Polizeipräsidium fast aus der Haut fahren lässt?
Spannende Perspektiven, aber viel verschenkt
Was ist im Nebenraum der Diskothek passiert? Dieser Frage nähert sich der neue Breisgau-„Tatort“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) mit dem etwas steif-bürokratischen Titel „Innere Angelegenheiten“ (Regie: Robert Thalheim, Drehbuch: Bernd Lange) aus eigentlich hoch spannenden Perspektiven. Denn kurz vor der tödlichen Prügelei hatte eine Polizeibesatzung die Party im Club jäh beendet. Musik aus, Licht an, Schichtende? Nicht ganz. Da waren noch die wenigen unheilvollen Minuten, nach denen der Rocker tot am Boden lag.
Nun steht Einsatzleiter „Wolle“ Heizmann (Andreas Anke) seit einer gefühlten Ewigkeit mit seinem Team auf einem abgelegenen Parkplatz und ignoriert jeden Funkspruch aus der Zentrale. „Wir haben uns auf eine Version geeinigt, und die ziehen wir jetzt durch. Sonst gehen wir unter. Alle“, sagt Wolle. Okay, ganz offensichtlich ist der Aufmarsch in der Disco so richtig schiefgelaufen.
Die Version, auf die man sich also geeinigt hat: Der polizeibekannte Intensivtäter Taremi hat den Rocker auf dem Gewissen. Als man selbst dazukam, war der Typ schon tot. Nur: Zwei der Polizisten wollen nicht mitziehen, keinen Unschuldigen ins Gefängnis bringen. Es könnte ein packendes Kammerspiel werden, wenn die Kollegen ihr moralisches Dilemma verhandeln. So wie in Clint Eastwoods großartigem Film „Juror #2“, in dem der Verursacher eines tödlichen Unfalls zum Geschworenen in seinem eigenen Prozess wird. Leider besteht die Diskussion der Freiburger Polizeibesatzung zu einem großen Teil darin, ihre missliche Lage zu verfluchen („Scheiße!“) und die gegenseitigen Argumente brachial aus dem Weg zu räumen („Halt die Fresse!“). Da wäre mehr drin gewesen.
Mauer des Schweigens im „Tatort“ am Sonntag aus Freiburg
Zur selben Zeit stehen die Kommissarinnen Tobler (Eva Löbau) und Babayan (Nairi Hadodo) im Todes-Club vor einer Mauer des Schweigens, gebaut aus Testosteron. Draußen die Rocker von den „Devils“, die auf Blutrache sinnen, drinnen die Angehörigen des Tatverdächtigen, die sich zu Recht die Frage stellen: Wer würde einer iranischen Familie und einem Intensivtäter glauben, wenn sie nach dem eskalierten Aufeinandertreffen gegen sechs Polizisten aussagen würden? Es sind die besten Momente des „Tatort“, wenn im Club die Kommissarinnen mit Rehaugen beteuern, dass die Justiz in Deutschland jeden gleich behandelt – und derweil die Streifenbeamten auf ihrem Parkplatz erörtern, warum es in Ordnung geht, die Schuld dem wandelnden Pulverfass Taremi aufzubürden, dessen Leben ohnehin schon verkorkst ist.
Am Ende bleiben viele Fragen offen, aber was man Gott sei Dank erfährt: Wie es wirklich war. Wie es mit Tobler und Berg weitergeht. Und wie schön der Schwarzwald bei Sonnenaufgang ist.
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