„Ich hab’ halt Mist gebaut“ – redet so ein Mann, der mit vierfach überhöhter Geschwindigkeit einen Radler angefahren hat und ihn auf der Straße sterben ließ? Diese Frage bringt das Münchner „Polizeiruf“-Team Cris Blohm (Johanna Wokalek) und Dennis Eden (Stephan Zinner) mitten hinein in einen Fall, der nichts weniger verhandelt, als was Gerechtigkeit ist.
Schon viele Sonntagabend-Krimiplots haben das versucht. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass die Frage in einer Reichenwelt angesiedelt ist, in der man vor lauter Luxuswagen schon mal vergessen könnte, dass der Porsche seit zwei Tagen fehlt. Nur an Moral sind die gezeigten Menschen arm.
Obwohl schon öfter gesehen, ist das ein gutes Setting für den Fall (Regie und Drehbuch: Christian Bach). Zumal auch noch eine weibliche Leiche auftaucht, die seit zwei Jahren im Isarkanal treibt, obwohl sie ihrem Mörder zufolge längst schon zerstückelt in der Müllverbrennung gelandet sein soll.
Im Fall der toten Frau sitzt Léon Kamara (Yoli Fuller) geständig in Haft, ein Geflüchteter aus Burkina Faso, der in seiner Zelle Betriebswirtschaftslehre büffelt. Die Fahrerflucht mit Todesfolge gesteht der arbeitslose Autodieb Victor Reisinger (Shenja Lacher).
Der neue „Polizeiruf 110“ aus München spielt in zwei Welten
Nicht nur dessen Teilnahmslosigkeit bringt in der Folge namens „Ablass“ (ARD, 20.15 Uhr) die Münchner Ermittler ins Grübeln und führt sie zu dem geschleckten Anwalt August Schellenberg. Er verteidigt Klienten mit Villa in Bogenhausen genauso wie arme Schlucker, die sich eigentlich gar keinen Rechtsbeistand leisten können. Und trotzdem muss es ja einen Grund haben, dass man Darsteller Tobias Moretti seit seiner ersten Erfolgsrolle in „Kommissar Rex“ 1994 nie so unsympathisch erlebt hat.
Richtig packend ist die Folge nicht. Erstens, weil man mit ein bisschen Talent im Indiziensammeln wieder mal so viel schneller alle Puzzleteile zusammensetzt als die Ermittler. Zweitens, weil die Kommissare mit großen Augen 08/15-Sätze sagen müssen, etwa: „Jeder baut mal Mist“ oder „Vor dem Gesetz sind wir doch alle gleich“. 90 Minuten können da ganz schön lang sein. Aber immerhin: Es gibt auch Sätze, die haften bleiben.
Etwa, wenn Anwalt Schellenberg behauptet, dass Gerechtigkeit nur ein Gefühl ist, ein Konstrukt: „Wenn alle haben, was sie wollen, wen juckt da noch die objektive Wahrheit?“
Das hallt lange nach. Und nach dem Abspann noch das Gehirn zu beschäftigen, schafft nun wirklich nicht jeder TV-Krimi. Im Gegenteil.
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