Aus dem Complexo do Alemão, einem Stadtteil in Rio de Janeiro, steigen Drohnen mit Sprengsätzen auf. Sie fliegen Angriffe auf die Sicherheitskräfte, die wiederum das hochgerüstete Drogenkartell „Comando Vermehlo“ (Rotes Kommando) angreifen. Busse und Autos werden entführt, angezündet und als Straßenblockaden aufgebaut. Das Zentrum der Stadt ist verwaist, weil die Läden und Restaurants aus Sicherheitsgründen schließen. Zehntausende stranden, weil durch die Kämpfe und Blockaden ihr Heimweg unpassierbar ist. Freunde und Familien informieren sich in größer Sorge gegenseitig, wo gerade eine Schießerei im Gange ist. Die brasilianischen TV-Sender übertragen live. Es ist die größte und tödlichste Anti-Drogenrazzia in der Geschichte Rio de Janeiros.
Am Ende dieses historischen Einsatzes am Dienstag in einem der gefährlichsten Armenviertel Rio de Janeiros stehen mindestens 132 Tote, darunter vier Polizisten. Mehr als 80 Menschen werden verhaftet, die betroffenen Straßenviertel gleichen einem Schlachtfeld. Der Tag ist eine Zäsur in der Olympiastadt 2016.
Razzia dürften den Präsidentschaftswahlkampf beeinflussen
Die Razzia hat sofort eine Debatte über die innere Sicherheit in Brasilien ausgelöst, die nun zu einem der entscheidenden Themen der Präsidentschaftswahlen in knapp elf Monaten werden dürfte. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva weilte während der Kämpfe im Flugzeug auf dem Rückweg aus Asien, er ordnete noch von Bord des Regierungsfliegers eine Krisensitzung an. „Die Operation in Rio bringt eine Debatte über den Drogenterrorismus in die Wahlen 2026 und ist eine Bombe für Lula“, kommentiert die Zeitung O Estadão aus São Paulo. Lula, der am Montag 80 Jahre alt wurde, hatte erst vor wenigen Tagen seine Bereitschaft bekundet, erneut zu kandidieren.
Die Steilvorlage für die Debatte lieferte Lula da Silva vor wenigen Tagen selbst. Er hatte erklärt, dass „Drogenhändler Opfer der Konsumenten sind“. Sofort brach eine riesige Protestwelle über den Präsidenten herein, die ihm eine Täter-Opfer-Umkehr vorwarf. Schließlich ruderte Lula zurück: Er habe sich unglücklich ausgedrückt. „Ich möchte klarstellen, dass ich mich ganz eindeutig gegen Drogenhändler und das organisierte Verbrechen ausspreche.“ Doch nun ist das Zitat in der Welt und entfaltet angesichts der Bilder aus dieser Woche noch einmal eine ganz andere Wirkung in den sozialen Medien. Es gibt hunderttausendfach abgerufene, mit Künstlicher Intelligenz erstellte Clips, die die Sicherheitskräfte als Helden darstellen und Lula als einen Komplizen der Drogenbande „Comando Vermelho“.
Rios Gouverneur Cláudio Castro wirft der Lula-Regierung vor, seinem Bundesstaat die geforderte „Unterstützung von gepanzerten Fahrzeugen oder Beamten der Bundespolizei und der Bundeswehr“ verweigert zu haben. Die Lula-Regierung kritisiert wiederum, der Einsatz sei völlig außer Kontrolle geraten.
Ihre Anhänger werfen der Polizei vor, mit illegalen Waffenverkäufen an die Banden die Gewalt angeheizt zu haben. Justizminister Ricardo Lewandowski forderte, der Gouverneur müsse die „Verantwortung übernehmen“ oder zugeben, dass er nicht in der Lage sei, die Sicherheit des Bundesstaates zu garantieren.
Nach Razzia in Rio de Janeiro: Verhältnisse wie unter Trump?
Dann müsse er um um eine Intervention des Bundes oder den Ausnahmezustand bitten. So könnten die Streitkräfte für Sicherheit sorgen. Dann herrschten in Brasilien allerdings amerikanische Verhältnisse wie unter Donald Trump, der die Nationalgarde zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität im Stadtbild einsetzt.
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