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Wie ein ungewöhnlicher Mann gegen Armut und Wohnungsnot auf Mallorca kämpft

Mallorca

Armut auf der Ferieninsel: Ein Mann kämpft gegen die Not auf Mallorca

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    Jonny Darder hat eine bewegte Vergangenheit. Nun ist er in der Inselhauptstadt Palma Sozialarbeiter und engagiert sich in seiner Freizeit für Hilfsbedürftige.
    Jonny Darder hat eine bewegte Vergangenheit. Nun ist er in der Inselhauptstadt Palma Sozialarbeiter und engagiert sich in seiner Freizeit für Hilfsbedürftige. Foto: Philipp Schulte

    Obwohl es hier wenig Platz gibt, nehmen die Kuscheltiere viel Platz ein. Ein großer Hund mit offenem Mund und ausgestreckter Zunge liegt auf dem schmalen Bett, alle Pfoten von sich gestreckt, als wolle er sagen: „Hier bin ich der Chef“. Daneben ein Teddybär, er lehnt an der Wand. Auf dem Nachttisch lädt ein Handy, im Regal sind ein Paar Schuhe. Mit wenig Platz zurechtkommen muss, wer auf Mallorca in einem Sozialwohnheim wie diesem lebt. Betrieben wird es von der Hilfsorganisation „Associació Tardor“. Sie ist zum Lebensinhalt eines ungewöhnlichen Mannes geworden: Jonny Darder.

    Die Zahl der Obdachlosen hat sich jüngst verdreifacht

    Bevor seine Geschichte erzählt werden soll, bevor er sie selbst erzählt – erst noch ein Blick auf die Fakten: Auf den bei Deutschen so beliebten Balearen wächst die Not seit Jahren. Mittlerweile ist jeder fünfte Bewohner der vier Inseln von Armut bedroht. 36,3 Prozent der Haushalte haben kein Geld für unvorhergesehene Ausgaben. Die Lebensmittelpreise haben sich zwar stabilisiert, in Spanien wird sogar ein Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts von drei Prozent erwartet. Aber vielen Mallorquinern zum Beispiel machen die hohen Mieten, die ähnlich hoch wie in München sind, und der knappe Wohnraum zu schaffen. Die Ferieninsel Mallorca ist bei reichen Ausländern beliebt; sie machen ein Drittel der Haus- und Wohnungskäufer aus, die meisten sind Deutsche. Den Einheimischen jedoch fehlen 90.000 Wohnungen. Die Zahl der Obdachlosen hat sich jüngst verdreifacht.

    Um auf diese Probleme aufmerksam zu machen, zogen vergangenes Jahr an einem Julitag 50.000 Menschen durch die Inselhauptstadt Palma. Mitgelaufen sind besonders Bürgerinnen und Bürger der Mittelschicht. Es war ein Protest, der europaweit für Aufsehen sorgte.

    Im Sozialwohnheim von „Tardor“ schließen die Zimmerwände oben nicht ab. Aus den Nachbarzimmern kann man also alles hören, auch das, was man nicht hören will. Vorgesehen ist die Unterkunft für Frauen, hauptsächlich wohnen hier Seniorinnen und Familien, in Ein- und Mehrbettzimmern. Sie duschen und waschen sich in Gemeinschaftsbädern. Die sanitären Anlagen sehen gepflegt aus, zwischen den Waschbecken stehen Orchideen. Es soll so nett wie möglich sein. 45 Menschen sind in dem unscheinbaren Eckgebäude an der Carrer General Riera in Palma untergekommen. In einem Viertel, das nicht schön ist, aber auch kein Armutsquartier. Es ist geprägt von Wohnhausblöcken, die Straße vor der Unterkunft ist viel befahren. Drinnen gibt es einen „Comedor“, eine kostenlose Essensausgabe. Die Bewohnerinnen zahlen 200 Euro Miete im Monat. Darin enthalten sind Hygieneartikel, Wasser und Strom – sowie drei Mahlzeiten. In den Räumen gilt ein Alkoholverbot. Man darf auch nicht betrunken oder bekifft sein.

    Das Sozialwohnheim hat den Namen „Llar Inge“, es besteht seit vier Jahren. „Llar” ist Katalanisch und bedeutet „Zuhause“. Männer wohnen im „Llar Kurt“, dem anderen Sozialwohnheim der Hilfsorganisation. Dieses bietet 70 Menschen Platz und befindet sich ebenfalls in Palma, weiter weg von der Innenstadt in einem Gewerbegebiet. Inge und Kurt – das war das deutsche Ehepaar, das die „Kalonge“-Stiftung gründete. Sie hat ihren Sitz in Liechtenstein und unterstützt die „Associació Tardor“ auf Mallorca. Das Paar ist bereits gestorben. Tardor wiederum riefen vor zehn Jahren zwei Freunde ins Leben. Einer der beiden ist Jonny Darder, 64 Jahre alt. Der Vater Schwede, die Mutter Mallorquinerin. Geboren wurde er in Barcelona. Die Familie lebte zunächst in Schweden, mit 17 kam Darder dann nach Mallorca.

    Er hat eine bewegte Vergangenheit. Jonny Darder Borrachina, so sein voller Name, arbeitete in den 80er-Jahren als Türsteher und nahm Kokain. Nun ist er als Sozialarbeiter beim Inselrat tätig und engagiert sich daneben ehrenamtlich im „Llar Inge“. Dorthin ist er an diesem sonnigen Morgen mit seiner Harley-Davidson gefahren. Das Motorrad parkt direkt vor der Tür auf dem Gehweg.

    Ein Bild mit Seltenheitswert: der einsame Strand von Palma im Herbst 2020. Damals legte die Corona-Krise die Tourismusbranche auf Mallorca und der ganzen Welt lahm.
    Ein Bild mit Seltenheitswert: der einsame Strand von Palma im Herbst 2020. Damals legte die Corona-Krise die Tourismusbranche auf Mallorca und der ganzen Welt lahm. Foto: Mar Granel Palou, dpa

    Im Laufe der Zeit sahen sein Tardor-Mitgründer Toni Bauzá und er, wie die Armut auf Mallorca immer größer wurde. Eine Einzimmer-Mietwohnung, die früher 300 oder 400 Euro gekostet habe, liege inzwischen bei 800 Euro oder mehr, sagt er. Und das nicht nur in Palma, sondern auf der gesamten Insel. Gerade ältere Menschen, die eine staatliche Rente von 600 Euro erhielten, benötigten Hilfe. „Die Armut ist größer geworden, als der Reichtum größer geworden ist“, sagt Jonny Darder. Er sitzt auf einem Sofa im Eingangsbereich des Sozialwohnheims. Eine Kollegin, die die Rezeption betreut, zeigt ein Notizbuch, darin eine Warteliste. 200 Leute stehen auf ihr. Sie haben sich handschriftlich eingetragen.

    Ein Grund für die Wohnungsnot sind die zahlreichen ungenehmigten Ferienwohnungen auf Mallorca

    In Palma mit seinen rund 420.000 Einwohnerinnen und Einwohnern soll es 40 Orte geben, an denen sich Obdachlose niedergelassen haben, darunter ein leer stehendes Gefängnis aus der Franco-Zeit an der Landstraße nach Valldemossa. 60 bis 200 Menschen sollen dort schätzungsweise leben. Eine Bewohnerin sagte einer Zeitung, das sei besser als auf der Straße, vor allem im Winter.

    Ein Grund für die Wohnungsnot sind die zahlreichen ungenehmigten Ferienwohnungen. Allein auf Mallorca soll es bis zu 7000 geben. Der Inselrat setzte 30 Kontrolleure an, um sie ausfindig zu machen. Den Vermietern drohen Geldstrafen bis zu einer halben Million Euro. Nach Plänen der Regionalregierung sollen in Mehrfamilienhäusern auch keine Ferienwohnungen mehr eine Lizenz erhalten. Die Einheimischen sind nach einem Bericht der Tageszeitung Ultima Hora aufgerufen, illegale Touristenunterkünfte anzuzeigen. An einer Bushaltestelle in Palma hängt ein Plakat mit der Aufschrift: „Sag Nein dazu, dass dein Nachbar eines Tages Hans heißt, am nächsten Tag Emily und dann Giuseppe.“

    Jonny Darder engagiert sich nachmittags für seine Organisation. Wenn er seine Aufgaben als Sozialarbeiter erledigt hat. Die Menschen, die in den Wohnheimen leben oder leben wollen, sind Leute, die lange nicht gearbeitet haben oder arbeitsunfähig sind – etwa aufgrund einer Krankheit. Tardor finanziert sich unter anderem mithilfe von Geld- und Sachspendern. Nahrungsmittel-Hersteller, Hoteliers, Banken, Privatpersonen. Es ist nicht die einzige Hilfsorganisation auf Mallorca, und es helfen viele Deutsche. Heimke Mansfeld zum Beispiel. Sie baut seit März 2020, seit Beginn der Corona-Pandemie, die Hope-Mallorca-Stiftung mit Sitz in Santanyí im Südosten der Insel auf und steht ihr als Präsidentin vor. Mansfeld eröffnete zudem Essensstationen.

    Mallorca litt Ende 2020 besonders unter den Folgen der Corona-Pandemie. Arme und obdachlose Menschen waren auf Hilfe angewiesen.
    Mallorca litt Ende 2020 besonders unter den Folgen der Corona-Pandemie. Arme und obdachlose Menschen waren auf Hilfe angewiesen. Foto: Clara Margais, dpa

    Spanische Medien sind bisweilen voller Berichte über von Armut bedrohte Menschen. Dass deren Zahl steigt, liegt aus Sicht Jonny Darders an der Politik. Wer seinen Job verliert, erhält in Spanien vier Monate lang Arbeitslosengeld. Danach gibt es monatlich gut 400 Euro Sozialhilfe. Anders als in Deutschland muss davon alles bezahlt werden, inklusive Miete und Heizkosten. „Das wird plötzlich unmöglich, und schneller als du gucken kannst, sitzt du auf der Straße”, sagt Darder. Mallorca habe zwei Gesichter – ein reiches und ein armes.

    Maßgeblichen Einfluss darauf hat die Tourismusbranche, an der ungezählte Jobs hängen. Als im Frühjahr vor fünf Jahren wegen der Corona-Pandemie plötzlich die Hotels dichtmachen mussten und niemand mehr anreiste, standen viele Menschen ohne Arbeit da. Es bildeten sich Warteschlangen vor den Essensausgaben – selbst im Zentrum Palmas an der Plaza de España und damit für alle sichtbar. Die Schlange vor dem Gebäude von Tardor sei manchmal bis zu zweieinhalb Kilometer lang gewesen, erzählt Darder. „Es gibt Menschen, die nichts haben, und wenn du ihnen nicht hilfst, sind sie verloren.“

    Jonny Darder möchte noch mehr Wohnraum auf Mallorca schaffen

    Als die Pandemie vor drei Jahren langsam ausgestanden war, wurde bei ihm Prostatakrebs festgestellt. In der Anfangsphase konnte er wochenlang nicht schlafen, hatte Angst um sein Leben und darum, nicht mehr für seine drei erwachsenen Söhne da sein zu können. Seit dem vergangenen Jahr hat er den Krebs besiegt, kämpft aber noch mit Folgeerkrankungen. Darders Körper ist geschwächt. In der schweren Zeit half ihm das Kickboxen. Seine Statur ist deshalb auch nach der Krebstherapie beachtlich. Er ist 1,80 Meter groß, bullig, austrainiert. Er trägt gerne Muskelshirts. Seine Arme sind überzogen mit Tattoos, sogar am Hinterkopf hat er eins. Dazu: mehrere goldene Ringe und Goldkettchen. Die Zeitung Ultima Hora schrieb einmal über ihn, dass er in Palma stadtbekannt sei.

    Irgendwann möchte dieser Jonny Darder ein Hotel kaufen – um noch viel mehr Menschen einen Platz zum Wohnen anbieten zu können. Und sei es nur ein Bürogebäude, das er umbauen lassen könnte, Darder träumt von weiteren 140 Plätzen. Jede und jeder solle ein Zimmer für sich haben, eine Dusche. Und der Mietpreis solle gleich bleiben.

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