Wer den Zigarrenladen James J. Fox durch die schwere Holztür betritt, geht in eine andere Zeit. In der Luft schwebt ein würziger, süß-herber Duft. Dunkle Holzregale prägen das Interieur des 1787 gegründeten Geschäfts. Sie sind gefüllt mit Tabakpfeifen und -dosen. Verkäufer in Nadelstreifenanzügen mit sorgfältig gefalteten Einstecktüchern beraten mit ruhiger Selbstverständlichkeit und typischem Upper-Class-Akzent.
Der Laden liegt in St. James’ – jenem Viertel unweit des Buckingham-Palasts und Westminster, . Zwischen dem grünen St. James's Park und den Prachtstraßen Piccadilly und Pall Mall gelegen, ist das Quartier weniger ein Einkaufsviertel für die Massen als ein Zentrum elitärer britischer Lebensart, das bis heute vorwiegend Männern vorbehalten ist. Hier reihen sich Herrenausstatter, Hutmacher und Parfümerien an Weinhändler und Zigarrenläden – darunter auch James J. Fox.
Die edlen Zigarren lagern bei perfekten Bedingungen im Klima-Raum
Die Führung durch den traditionsreichen Laden wurde an diesem Vormittag vom Fotografen Horst A. Friedrichs organisiert. Für seinen Bildband „Feine Läden – London. Traditionsgeschäfte und Manufakturen“ besuchte er nicht nur James J. Fox, sondern auch 19 weitere erlesene Geschäfte der britischen Millionenmetropole – von urigen Schneidereien bis zu schrulligen Knopfläden.
Obwohl James J. Fox in erster Linie Zigarren verkauft, sind diese im Verkaufsraum zunächst nicht zu sehen. Stattdessen lagern die edlen Rauchwaren in einem separaten, klimatisierten Bereich im hinteren Teil des Geschäfts bei 18 bis 21 Grad. Entscheidend sei dabei weniger die Temperatur als vielmehr die Luftfeuchtigkeit, erklärt David Warren, Sprecher des Zigarrenladens, der mit Hemd und Weste vergleichsweise leger gekleidet ist. „Ideal sind Werte zwischen 69 und 72 Prozent.“ Würden Zigarren zu trocken aufbewahrt, verlören sie Aroma und Qualität.
Helle Regale mit Schubladen, die bis zur Decke reichen, sind prall gefüllt mit Kisten und Schachteln, bestückt mit Zigarren, die auch im Raucherzimmer des Ladens geraucht werden können. Sie unterscheiden sich in Größe und Farbe, tragen jedoch alle eine Banderole, die ihre Marke verrät: „Wir haben hier tatsächlich so ziemlich jede handgemachte Zigarre – von den berühmten Kubanern bis zu edlen Linien aus Nicaragua, der Dominikanischen Republik und Honduras.“ Die Kundschaft sei so „individuell und unterschiedlich“, dass sich kaum ein typisches Profil zeichnen lasse, so Warren. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton war schon mal da, das darf er verraten, und viele bekannte Entertainer, Sportler, Schauspieler und Adelige.
Ein Blick ins späte 19. Jahrhundert offenbart: Auch der berühmte englische Dramatiker und Essayist Oscar Wilde war Stammgast. Zeitgenossen beschrieben, dass der im Jahr 1854 geborene Literat schon zu seinen Studentenzeiten ständig eine Zigarette in der Hand hielt. Denn Rauchen gehörte in der britischen Oberschicht im 19. Jahrhundert zum guten Ton. Und wie der Historiker Seth Alexander Thévoz in seinem Buch „Behind Closed Doors: The Secret Life of London’s Private Members’ Clubs“ (im Deutschen: „Hinter verschlossenen Türen: Das geheime Leben der Londoner Privatclubs“) schreibt, wuchs mit der Einführung des Tabaks auch der Wunsch, ihn gemeinsam zu genießen. „Fast alle Clubs“, so Thévoz, „richteten eigene Rauchzimmer ein“. Sie waren im 19. Jahrhundert oft die Herzstücke der exklusiven Häuser von St. James’s. Hier traf sich die männliche Elite des britischen Empire – Politiker, Offiziere, bekannte Schriftsteller, Industrielle. Es waren Räume der Inszenierung und Selbstvergewisserung. Nicht wenige existieren bis heute.
Der britische Gentleman ist Inbegriff von Eleganz und Zurückhaltung
Kleidung spielte dabei laut dem britischen Historiker David Kuchta von der University of New England eine zentrale Rolle. Der dunkle, maßgeschneiderte Anzug wurde zum sichtbaren Symbol von Disziplin und Seriosität. In den Clubs von St. James’s drückte sich dieses Ideal in allem aus – in der Art, wie man sprach, stand, rauchte oder schwieg. Haltung war für die Männer von damals Pflicht, Emotion ein Risiko. Wer etwas auf sich hielt, konsumierte, um durch seine edle Erscheinung gerade nicht aufzufallen, so Kuchta. So entstand jenes Bild des typisch britischen Gentleman als Inbegriff von Eleganz und Zurückhaltung.
In der Jermyn Street in St. James’s erinnert heute eine Bronzestatue an Beau Brummell, der das Ideal des Gentleman auf die Spitze trieb und als der erste englische Dandy überhaupt gilt: Er trägt Frack und Stock, blickt selbstbewusst – so, als prüfe er den Stil der Vorübergehenden. Zeitgenossen beschrieben Brummell, einst Offizier und gesellschaftlicher Aufsteiger, der Anfang des 19. Jahrhunderts in der St. James’s Street verkehrte, als schlank, gepflegt, stets in dunklem Gehrock, weißer Weste und makellos gebundener Krawatte. Eigenen Angaben zufolge benötigte Brummel ganze fünf Stunden, um sich anzuziehen. So zeigte er, dass Männlichkeit nicht naturgegeben war, sondern gemacht, so Kuchta. Auch Oscar Wilde, der Samtjacken, kunstvoll gebundene Halstücher und Nelken im Knopfloch trug, galt als Dandy. In seiner Eleganz lag dabei jedoch auch eine Weichzeichnung des Männlichen, die sich der Eindeutigkeit entzog.
In St. James’s ließen sich die Gentlemen und Dandys ihrer Zeit ihre Anzüge maßschneidern, ihr Rasierwasser mischen und Einstecktücher falten. In dem Stadtteil fanden die Mächtigen und Intellektuellen ihre vertrauten Adressen: Orte, an denen diskutiert, getrunken und eingekauft wurde. Zu ihnen zählt auch der Zigarrenladen James J. Fox, wo neben Oscar Wilde wenige Jahre später auch der englische Kriegspremier Winston Churchill einkaufte. Auch für ihn, der viel Wert auf sein Äußeres legte, war St. James’s eine feste Adresse.
An diesem Vormittag präsentiert Warren im Humidor ein besonderes Stück, . Vorsichtig zieht er das rundgerollte Rauchwerk heraus. Es handelt sich um eine „Romeo y Julieta Churchill“, das klassische Format der Marke, benannt nach dem Mann, der sie berühmt gemacht hat. Es war seine Lieblingszigarre. Sie liegt schwer in der Hand. „Sieben Zoll lang, Ringmaß 47 – das ist typischerweise eine 90‑Minuten‑Zigarre“, sagt Warren. Auf unzähligen historischen Fotografien ist der frühere Premierminister damit zu sehen – vor dem Kabinett in der Downing Street Nummer 10 oder beim berühmten Victory-Zeichen, das er bei jeder Gelegenheit zeigte.
Churchill machte die Zigarre, wie seine Biografin Franziska Augstein schreibt, „Pressefotos und Karikaturen stets im Blick, zu seinem Markenzeichen“. Sie wurde zum sichtbaren Symbol jener Haltung, die Gelassenheit und Autorität zugleich ausstrahlen sollte, „sie ließ ihn souverän wirken“, so Augstein weiter. War Churchills Leben vor dem Zweiten Weltkrieg privat und beruflich von Brüchen und Rückschlägen geprägt, wurde er nach dem Krieg zur Heldenfigur stilisiert. Er stand für jene Tugenden, die das Durchhalten seines Landes in den 1940er-Jahren möglich gemacht hatten: Beständigkeit und Verlässlichkeit. Auch im Auftreten verkörperte er den britischen Gentleman – mit seinem Stock, den maßgeschneiderten Anzügen und den stets sorgsam gebundenen Fliegen.
Churchills Sessel soll noch die nächste Generation überstehen
Auch bei JJ Fox, wie Kunden den Zigarrenladen nennen, wird der Mythos um Churchill sichtbar. Unter dem Zigarrengeschäft befindet sich das kleine Freddie-Fox-Museum, benannt nach einem früheren Inhaber des Hauses. In dem schmalen Raum voller Vitrinen und Erinnerungsstücke steht in einer Ecke ein schlichter, dunkler Ledersessel, der längst zum stillen Star der Ausstellung geworden ist. Er soll einst im Verkaufsraum gestanden haben – genau dort, wo Churchill regelmäßig seine Zigarren auswählte. Heute dürfen Besucher darauf Platz nehmen. Im Laufe der Jahrzehnte hat er sichtbar gelitten, das braune Leder ist teilweise zerschlissen. „Hoffentlich können wir ihn wieder instand setzen, damit er noch eine weitere Generation übersteht“, sagt Warren.
Wer sich weiter umsieht, stößt auf eine Vitrine, die ganz dem berühmtesten Stammkunden gewidmet ist. Churchill blickt einem dort gleich mehrfach entgegen: als karikaturhafte Bronzefigur, als kleine Büste mit entschlossener Miene. Dazwischen finden sich eine Originalbox „Romeo y Julieta“ und ein schwarzer Bowler-Hut. Auf einem Holzblock mit der britischen Flagge „Union Jack“ ist ein berühmtes Zitat eingraviert, das dem früheren Premier zugeschrieben wird: „Ich trinke viel, ich schlafe wenig, und ich rauche eine Zigarre nach der anderen. Deshalb bin ich zu zweihundert Prozent in Form.“
Zu den zentralen Ausstellungsstücken des Ladens gehört auch das sogenannte Ledger, ein großformatiges, in Leder gebundenes Kundenbuch. „Darin haben wir alle seine Zigarrenkäufe über Jahrzehnte hinweg festgehalten“, erklärt Mitarbeiter David Warren. Während Churchills Käufe sorgfältig dokumentiert sind, rankt sich um Oscar Wilde eine hartnäckige Anekdote: Dieser soll dem Laden nach seinem Tod Schulden hinterlassen haben. Doch dieses Gerücht gehört ins Reich der Legenden. Warren stellt klar: „Es war alles geregelt. Die Schulden waren längst bezahlt.“ Wilde hatte also – anders als oft behauptet – alle Rechnungen beglichen, lange bevor sich nach seinem Tod im Jahr 1900 die Mythen um einen der berühmtesten englischen Dandys zu verdichten begannen.
Zum Bildband
Der Bildband „Feine Läden – London. Traditionsgeschäfte und Manufakturen“ des Fotografen Horst A. Friedrichs entstand zusammen mit dem britischen Autor Stuart Husband (Verlag Frederking & Thaler, 39,99 Euro). Die beiden besuchten 20 erlesene Geschäfte. Auf mehr als 250 Seiten vermittelt das Buch damit einen Einblick hinter die Kulissen von außergewöhnlichen Shops – und nicht wenige davon befinden sich im Viertel St. James’s.
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