Mit dem Mord an dem früheren afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani dürfte auch die ohnehin vage Hoffnung auf baldigen Frieden gestorben sein. Denn als deutlich wurde, dass die Taliban nicht militärisch besiegt werden können, schwenkten die Staatengemeinschaft und die afghanische Regierung um: Mit Unterstützung des Westens rief Präsident Hamid Karsai im vergangenen Jahr nach einer Ratsversammlung in Kabul den Hohen Friedensrat ins Leben. Zum Vorsitzenden bestimmte er Rabbani. Er sollte die Aussöhnung mit den Taliban vorantreiben. Doch gestern wurde er ermordet.
Nach Angaben von Vertrauten hat sich Rabbani in seiner abgeriegelten Residenz – die im schwer geschützten Diplomatenviertel Wazir Akbar Khan rund 500 Meter Luftlinie von der deutschen Botschaft entfernt liegt – mit zwei Taliban-Vertretern getroffen. „Sie könnten ihn getötet haben“, sagt ein Vertreter des Friedensrats.
Die Polizei, erklärte Rabbani, wurde durch einen der Besucher mit einer Sprengstoffweste ermordet. Aus Sicherheitskreisen hieß es dagegen, der Täter habe den Sprengstoff in seinem Turban versteckt gehabt – wie es zuletzt häufiger bei Anschlägen der Taliban der Fall gewesen war. Die Schutztruppe Isaf sprach von „zwei Selbstmordattentätern, die den Wunsch heuchelten, Versöhnungsgespräche zu führen“.
Taliban wollen keinen Frieden
Isaf-Kommandeur John Allen erklärte: „Das ist ein weiterer abscheulicher Indikator dafür, dass unabhängig von dem, was die Taliban-Führung außerhalb des Landes sagt, sie keinen Frieden will, sondern Krieg.“ Doch nicht nur Taliban-Hardliner haben ein Interesse daran, den Friedensprozess zu torpedieren, bevor er überhaupt Fahrt aufgenommen hat. Ungewöhnlich: Die Handys der Taliban-Sprecher – die sich sonst umgehend zu Anschlägen bekennen – waren nach der Tat ausgeschaltet.
Rabbani war eine hoch umstrittene Wahl für den Chefposten im Friedensrat. Der Angehörige der tadschikischen Bevölkerungsgruppe hatte die afghanische Regierung während des Bürgerkrieges in den 1990er Jahren angeführt. Als die paschtunischen Taliban 1996 in Kabul die Macht übernahmen, stand er der Nordallianz vor – die bis zuletzt erbittert gegen das Regime der Gotteskrieger kämpfte. Als die Amerikaner vor zehn Jahren den Angriff auf Afghanistan anführten, gelang es ihnen nur mithilfe der Nordallianz, die Taliban zu stürzen.
Karsai machte also einen einstmals erklärten Taliban-Feind zum Chef jenes Vorhabens, das den blutigen Konflikt mit den Aufständischen friedlich beenden sollte. Auch im Hohen Friedensrat selbst galt Rabbani manchen wegen seiner Führungsrolle in der Nordallianz eher als Hindernis für eine Aussöhnung. Zumal er auch manchen in den eigenen Reihen als Verräter galt: „Rabbani hat sich unter den Extremisten der Nordallianz und der Taliban viele Feinde gemacht aufgrund seines sich abzeichnenden Erfolges bei Verhandlungen mit moderaten Teilen der Taliban“, sagt der Büroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung für Afghanistan, Babak Khalatbari. „Sein Tod ist ein tragischer Verlust für Afghanistan und Karsais Regierung – und ein herber Rückschlag für die Friedensgespräche.“ Can Merey, dpa