Die Alkoholproblematik wird meist nur in Zusammenhang mit einer Sucht in der Öffentlichkeit diskutiert, wie unlängst im Fall des CDU-Abgeordneten Andreas Schockenhoff. Aber Alkoholmissbrauch hat viele weitere Facetten. Wir sprachen darüber mit Professor Manfred V. Singer, Präsident der Fachhochschule für Gesundheit in Gera, ehemals Lehrstuhlinhaber für Innere Medizin und Klinikdirektor am Universitätsklinikum Mannheim der Universität Heidelberg und Gründer der „Stiftung Biomedizinische Alkoholforschung“.
Sind alkoholische Getränke nur im Hinblick auf die Entwicklung einer Sucht bedenklich?
Singer: Etwa jeder vierte Patient, der in ein Allgemeinkrankenhaus eingeliefert wird, hat alkoholassoziierte Erkrankungen, ohne alkoholabhängig zu sein. Alkoholmissbrauch allein kann Schäden an verschiedenen Organen, vor allem an der Leber, verursachen. Wird gleichzeitig geraucht, steigt das Risiko für einen Tumor in Mundhöhle, Kehle und Speiseröhre oder auch im Dickdarm dramatisch an.
Gibt es eine „gesunde Menge“ beim Alkoholkonsum? Es heißt ja oft, ein wenig Alkohol sei gut fürs Herz ...
Singer: Was fürs Herz gut sein kann, ist unter Umständen für die anderen Organe gar nicht gut. Bei Frauen steigt selbst dann das Brustkrebsrisiko, wenn sie nur mäßig trinken. Wein ist kein Medikament! Man sollte ihn trinken aus Genuss – und in dem Bewusstsein, dass immer ein gewisses, wenn auch nur geringes Risiko damit verbunden ist. Da es keine untere Schwellendosis gibt für die schädliche Wirkung von Alkohol, kann man hierzu keinen allgemeingültigen Rat geben.
Wenn es keine „gesunde Menge“ gibt, welche Empfehlung gibt es dann generell für den Alkoholkonsum?
Singer: Ein Mann, der keine Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder ein Herzleiden hat und auch keine alkoholabhängigen Eltern, ist weitgehend auf der sicheren Seite, wenn er nicht mehr als einen Viertelliter Wein oder einen halben Liter Bier täglich trinkt – bei Frauen ist es die Hälfte. Bei diesen Mengen geht man nur ein ganz geringes Risiko ein.
Die Bayern trinken besonders gerne Bier, einer Umfrage zufolge jeder Fünfte sogar täglich ...
Singer: Bier wurde im Mittelalter Wasser vorgezogen, da es nahrhaft und vor allem keimärmer war als Wasser. Nachdem destillierte Getränke im 11. Jahrhundert verfügbar wurden und es ganz schlimme Schnaps-Epidemien in Europa in den späteren Jahrhunderten gegeben hat, wurde als kleineres Übel von der Obrigkeit der „gute Alkohol“, nämlich das Bier, empfohlen und nicht Schnaps. Daran halten sich die Bayern auch heute noch.
Es heißt, dass hoher Bierkonsum oft zu Pankreatitiden, also Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, führt ...
Singer: Normalerweise muss man zehn Jahre getrunken haben, bis es zu einer Pankreatitis kommt. Aber nicht alle Menschen, die viel Alkohol trinken, bekommen auch eine Bauchspeicheldrüsenentzündung. Alkoholmenge, Ernährung und Gene beeinflussen die Krankheitsentstehung.
Münchner Forscher haben kürzlich mit Verweis auf die „Be-MaGIC-Studie“ berichtet, alkoholfreies Bier sei für Sportler gesund im Hinblick auf das Immunsystem und die Vorbeugung von Entzündungen. Würden Sie ebenfalls alkoholfreies Bier empfehlen?
Singer: Nein. Die Frage ist, wie lange die genannten Effekte anhalten, ob es nur eine kurzzeitige Wirkung ist und ob eventuelle gesundheitsschädliche Effekte nicht größer sind. Wir haben in eigenen Forschungen eine Menge nichtalkoholischer Stoffe im Bier isoliert und nachgewiesen, dass bestimmte Säuren – Bernsteinsäure und Äpfelsäure – sehr stark die Magensäureproduktion stimulieren und auch die Abgabe von Pankreasenzymen. Das Zusammenspiel der etwa 1000 bis 2000 nichtalkoholischen Stoffe in Bier oder Wein ist noch weitgehend unerforscht. Manche davon sind gesundheitsfördernd, andere gesundheitsschädigend. Ob der Alkoholgehalt das alleinschädigende Agens ist oder ob die nichtalkoholischen Inhaltsstoffe auch eine wichtige gesundheitsschädigende Wirkung haben, muss daher weiter untersucht werden.
Was bedeutet es, wenn die Produktion von Pankreasenzymen stimuliert wird?
Singer: Man weiß aus Studien am Menschen, dass viel Bier und Wein zu einer vermehrten Amylaseproduktion in der Bauchspeicheldrüse führen, während gleichzeitig die Wasser- sowie die Bicarbonatsekretion sinkt. Das heißt, der Schleim, den die Drüse sezerniert, wird zähflüssiger, es kommt zu Verstopfungen, chronische Entzündungen können gefördert werden.
Wenn nichtalkoholische Stoffe das tun, kann das also auch mit alkoholfreiem Bier passieren? Ist man folglich auch mit alkoholfreiem Bier nicht unbedingt auf der sicheren Seite?
Singer: Dass womöglich auch alkoholfreies Bier eine Pankreatitis fördert, ist eine gewagte These, aber denkbar. Unsere eigenen Ergebnisse stammen aus zellexperimentellen Untersuchungen im Labor, die lassen sich nicht so ohne weiteres auf den Menschen übertragen. Es ist zu früh, diese Frage mit wissenschaftlicher Sicherheit zu beantworten. Weitere Studien sind notwendig. Um Forschungen dieser Art voranzutreiben, haben meine Frau und ich 2004 die Stiftung für biomedizinische Alkoholforschung gegründet.
Welches ist für Sie derzeit das spannendste Thema in der Alkoholforschung?
Singer: Auf meinem Forschungsgebiet ist die für mich spannendste Frage, ob sich unter den 1000 bis 2000 Inhaltsstoffen in den alkoholischen Getränken Bier oder Wein Substanzen identifizieren lassen, die für Leber, Bauchspeicheldrüse und andere Organe ebenso schädlich sind wie der Alkohol selbst. Siehe die starke Wirkung von Äpfelsäure und Bernsteinsäure im Bier auf die Magensäurestimulation, während der Alkoholgehalt im Bier keine Stimulation der Magensäure bewirkt.
Trinken Sie selbst gelegentlich Alkohol?
Singer: Ja, am liebsten ein gutes Glas Wein. Interview: Sibylle Hübner-Schroll