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Allgäu: Vorteil oder Handicap? Mountainbiker Thomas Beckstein fährt mit Beinprotese

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Vorteil oder Handicap? Mountainbiker Thomas Beckstein fährt mit Beinprotese

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    Thomas Beckstein aus Lindenberg fährt mit Erfolg Mountainbike-Rennen. Seine Unterschenkel-Prothese ist für ihn ein Handicap - aber keine Behinderung.
    Thomas Beckstein aus Lindenberg fährt mit Erfolg Mountainbike-Rennen. Seine Unterschenkel-Prothese ist für ihn ein Handicap - aber keine Behinderung. Foto: Benjamin Schwärzler

    Ohne zu zögern krempelt Thomas Beckstein sein rechtes Hosenbein hoch. Schließlich hat er nichts zu verbergen. Zuerst erscheint eine kurze schmucklose Metallstange, dann ein Carbongehäuse im rötlich-schwarzen Zebralook. Ein echter Hingucker. Mit dem Finger fährt er über eine tiefe Kerbe. Sie rührt von einem Sturz her. „Wenn mir das am anderen Bein passiert wäre, hätte der Stein einen Muskel durchtrennt“, ist er sich sicher. Irgendeinen Vorteil muss die Prothese ja haben. Und wenn es nur das fehlende Schmerzempfinden ist.

    Vor seinem Unfall wäre Beckstein nie Hobby-Weltmeister geworden

    Beckstein hat nur noch einen Unterschenkel, doch das hält den drahtigen 51-Jährigen aus Lindenberg (Westallgäu) nicht davon ab, auf dem Mountainbike seine Grenzen auszuloten. Er fährt anspruchsvolle Amateurrennen. Vielleicht hat ihn sein Handicap sogar erst dazu gebracht. Denn vor seinem Unfall wäre Beckstein nicht auf die Idee gekommen, sich ein Radtrikot überzustreifen und 80 Kilometer über steile Anstiege und abschüssige Schotterpisten zu jagen. Der Behindertensportler wäre nie Hobby-Weltmeister oder Sieger einer europaweiten Marathon-Rennserie geworden – in der Handicap-Wertung. Oder wie er es ausdrückt: „In meiner Schadensklasse.“

    Über seine Beeinträchtigung spricht Beckstein locker

    Thomas Beckstein nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um seine Beeinträchtigung geht. Häufig wird er flapsig und lacht über das, was er sagt. Wie zur Bestätigung schaut er dann immer wieder hinüber zu seiner Lebensgefährtin Susanne Horn, die beim Interview mit am Tisch sitzt. Sein Lachen steckt an.

    „Er ist lebensbejahend und ein richtiges Energiebündel“, sagt sie über ihren Partner, der mit seinem schütteren Haar und dem goldenen Ohrstecker nicht wie der typische Ausdauersportler aussieht. Trotz des Tattoos, das das Logo einer Hardrockband zeigt, wirkt er eher wie einer, der im Büro arbeitet. Das tut er auch. Beckstein ist Projektleiter in einem mittelständischen Unternehmen, das Verpackungsmaschinen für die Lebensmittelbranche herstellt. Ein Posten mit viel Verantwortung. Oft steht er um 4 Uhr morgens auf, weil er mit Kunden in Australien und Neuseeland zu tun hat. Natürlich hat er auch aus seinem Job eine Anekdote auf Lager: Neulich ist ihm beim Herumlaufen im Betrieb eine Test-Prothese abgebrochen. Ein Kollege musste ihn heimfahren, um Ersatz zu holen. Er erzählt es wie einen Schwank aus der Jugend und grinst breit.

    An der Unfallstelle baute Beckstein sein Haus

    Im nächsten Moment wird Beckstein dann wieder ernst. Er erzählt von jener Nacht im September 1981, die sein Leben verändert hat. Viele Details hat er noch vor Augen. Die Begriffe „Schicksal“, „Zufall“ und „Glück gehabt“ durchziehen seine Erzählung wie die Zebrastreifen die Ummantelung seines künstlichen Unterschenkels.

    Kurz nach seinem 18. Geburtstag stürzte Beckstein mit dem Motorrad auf der Staatsstraße knapp außerhalb Lindenbergs. Unmittelbar an der Unfallstelle hat er Jahre später sein heutiges Wohnhaus gebaut. Freunde erklären ihn deshalb für verrückt. Er nennt es Schicksal. „Ich war selbst schuld. Ich war zu schnell“, sagt er. Er geriet in die Leitplanke. Die Wucht des Aufpralls riss einen Teil des Beins unterhalb des Knies ab. Der damalige Maschinenschlosser-Lehrling verlor viel Blut. Zwei zufällig vorbeikommende Sanitäter fanden ihn und brachten ihn ins Krankenhaus. „Denen habe ich mein Leben zu verdanken“, sagt er.

    Vor sechs Jahren begann Beckstein als Rennfahrer

    Zunächst nähte ein Arzt das Bein wieder an, doch es war letztlich nicht mehr zu retten. Einige Tage später wurde es amputiert – und für Beckstein begann der zweite Abschnitt seines Lebens. Gehadert hat er mit seinem Schicksal nicht. Sogar aufs Motorrad ist er wieder gestiegen. „Das konnte schließlich nichts dafür“, sagt er achselzuckend.

    Sportlich ist er ein Spätberufener. Erst vor sechs Jahren hat dieser Lebensabschnitt für ihn begonnen. Als er mit Kumpels beim Radeln am Gardasee war, haben die ihn angestachelt. „Ich war fast immer als Erster den Berg oben. Da haben die gesagt: Mach doch was draus. Und dann hat mich der Ehrgeiz gepackt“, erinnert er sich. Radrennen sollten es sein.

    Zunächst musste er beim Behindertensportverband eine Lizenz besorgen und sich mit seinem Handicap einstufen lassen. Eben in seine „Schadensklasse“. Bei den Rennen sind alle Arten von Beeinträchtigungen vertreten – von versteiften Fußgelenken über Querschnittslähmung, Blindheit bis hin zu geistiger Einschränkung. Im Vergleich zu manch anderem habe er nur einen Kratzer, findet Beckstein. Er erzählt von Rennfahrern, die ab dem Oberschenkel amputiert sind und nur mit einem Bein fahren. Oder nur mit einem Arm. Oder beides gleichzeitig.

    Seit Markus Rehm wird diskutiert: Verschafft die Prothese einen Vorteil?

    Seit dem Fall Markus Rehm wird in der Öffentlichkeit diskutiert, ob Prothesen gegenüber gesunden Sportlern einen Vorteil bringen. Der Weitspringer war bei der deutschen Meisterschaft in Ulm 8,24 Meter weit gesprungen – vier Zentimeter weiter als der beste Nichtbehinderte. Er holte den Titel, wurde aber dennoch nicht vom Verband für die Europameisterschaft nominiert. Begründung: Die Prothese habe ihm als Hilfsmittel einen Vorteil verschafft.

    Beckstein hat den Fall verfolgt. Er sieht es ähnlich wie der Verband. In so einem Fall sei die extrem gebogene Carbonfeder speziell für den Sport gemacht. Früher oder später bringe das schon einen Vorteil gegenüber den anderen Athleten. Zwar müsse auch der Prothesenspringer bestimmt hart arbeiten und trainieren, sagt er. Aber: „Ein Mensch ist, wie er ist. Er wächst wie ein Baum – und da gibt es natürliche Grenzen.“

    Seine eigenen Grenzen lotet der Vater zweier erwachsener Kinder auf dem Rad aus. Seit diesem Jahr tritt auch er direkt gegen Nichtbehinderte an. Weil ihm die Marathonstrecke nicht mehr reicht, ist er auf längere Distanzen umgestiegen. Dort gibt es keine Handicap-Wertung. „Vielleicht traut man uns solche Strecken nicht zu“, sagt der 51-Jährige. Kürzlich ist er in Bad Goisern bei einem der härtesten Ein-Tages-Marathons überhaupt gestartet. 211 Kilometer, 7000 Höhenmeter. Nach 15 Stunden im Sattel musste er jedoch aufgeben – nach mehreren Stürzen und technischen Defekten. Es gibt eben Grenzen.

    Wenn Beckstein schwitzt, gerät seine Prothese ins Rutschen

    Mit Nicht-Behinderten kann Beckstein nicht mithalten. Vordere Plätze sind nicht mehr drin. Seine 2500 bis 3000 Euro teure Prothese, eine herkömmliche Anfertigung, die alle drei, vier Jahre ausgetauscht wird, ist im Rennsport ein echter Nachteil. Dabei schlüpft er in einen silikonbeschichteten Strumpf, der über eine Klickvorrichtung mit dem künstlichen Körperteil verbunden ist. Wenn er schwitzt, gerät der Strumpf ins Rutschen. Beim Treten gehen rund zehn Prozent der Kraft verloren, sagt er. Sein rechter Oberschenkel ist zudem dünner als der linke.

    Dieser Nachteil stört ihn nicht. Wenn er im Rennen überholt wird, heben die vermeintlichen Kontrahenten oft den Daumen und rufen ihm Motivierendes zu. Auch das treibt ihn an. Sich immer wieder selbst zu zeigen, dass es kein Limit gibt. Beckstein geht segeln, surfen und Schneeschuhwandern. Für ihn ist der fehlende Unterschenkel ein Handicap – aber keine Behinderung.

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