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Attentate
03.09.2020

Warum verwenden die Russen immer wieder Gift?

Mediziner tragen den Kremlkritiker Nawalny in einen Krankenwagen vor einem Krankenhaus, in dem er wegen Vergiftungsverdacht behandelt wurde, um ihn zum Flughafen zu fahren.
Foto: Evgeniy Sofiychuk, dpa

Alexej Nawalny ist nicht allein. Russische Regierungskritiker leben in ständiger Gefahr. Die Gefahr kommt oft still und unsichtbar.

Ein Schuss ist laut, blutig, auffällig. Etwas Gift in den Tee gerührt ist dagegen unsichtbar und lautlos – zumindest solange bis das Opfer vor Schmerzen schreit. So erlebte es auch Alexej Nawalny, kurz nachdem er am Flughafen eine Tasse Tee getrunken hatte und kurz bevor er im Flugzeug vor Schmerzen zusammenbrach und nach einer Notlandung bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Der Fall des Kreml-Kritikers ist kein Einzelfall: In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Regierungsskeptiker mit Vergiftungssymptomen behandelt. Dabei weisen nicht nur die Krankheitsbilder, sondern auch die offiziellen Statements von russischer Seite unübersehbare Ähnlichkeiten auf.

Journalisten, Politiker, Agenten - die Liste der Opfer ist lang

In der ersten Amtszeit des Präsidenten Wladimir Putins, im Jahre 2003, starb der Journalist und liberale Abgeordnete des russischen Unterhauses, Duma Juri Schtschekotschichin, unter ungeklärten Umständen. Wie Nawalny engagierte er sich gegen Korruption und organisierte Verbrechen in Russland. Nach seinem Tod bekamen nicht einmal die engsten Angehörigen Einsicht in die medizinischen Akten. Die Behörden wiesen den Verdacht auf Vergiftung zurück. Es hieß, Schtschekotschichin habe eine heftige allergische Reaktion erlitten.

Ein Jahr später erkrankte die Investigativ-Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Anna Politkowskaja schwer, nachdem sie eine Tasse Tee getrunken hatte. Für eine regierungskritische Zeitung schrieb Politkowskaja unter anderem über Menschenrechtsverletzungen im zweiten Tschetschenienkrieg Russlands. Sie erholte sich von dem mutmaßlichem Giftanschlag. 2006 wurde sie dann in Moskau vor ihrer Wohnung erschossen.

„Die Sicherheitsdienste lieben Gift“

Kurz nach Politkowskajas Ermordung starb der russische Ex-Geheimagent Alexander Litwinenko an einer Vergiftung durch radioaktives Polonium. Nach seiner Arbeit als Agent beim FSB, der Nachfolgeorganisation des Geheimdienstes KGB, war er zu einem harten Kritiker Putins geworden und schließlich nach London ins Exil geflohen. Dort arbeitete er später beim britischen Geheimdienst MI6. Zehn Jahre nach seinem Tod urteilte ein britischer Richter, dass Putin die Ermordung „wahrscheinlich gebilligt“ habe.

Der Journalist und Oppostionnelle Wladimir Kara-Mursa wurde gleich zweimal mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus gebracht. Das erste Mal, 2015, erlag er beinahe einem plötzlichen Nierenversagen. Das war kurz nachdem der Oppositionspolitiker Boris Nemzow, für den Kara-Mursa als Berater arbeitete, in Moskau erschossen wurde. Im Februar 2017 wurde Kara-Mursa mit ähnlichen Symptomen in die Intensivstation eingeliefert und ins künstliche Koma versetzt. Die Ursache war laut seinem Anwalt der „toxische Einfluss einer unbekannten Substanz“. Beide Male überlebte Kara-Mursa mit viel Glück. Er sagte in der Zeit: „Die Sicherheitsdienste lieben Gift, denn sie können mit den Schultern zucken und sagen: Wo sind die Beweise? Wir wissen nicht, was mit Ihnen los ist. Vielleicht was Falsches gegessen? So läuft es jedes Mal.“

Ein Nervengift wie Nowitschok ist schwer nachzuweisen

Für viel Aufsehen sorgte auch die Geschichte von Sergej Skripal, der zusammen mit seiner Tochter im März 2018 bewusstlos auf einer Parkbank in England aufgefunden wurde. Skripal arbeitete als Doppelagent für Russland und Großbritannien. Wie nun aktuell auch Nawalny waren Skripal und seine Tochter mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet worden – die beiden entgingen damals nur knapp dem Tod. Der Kampfstoff zählt zu einem der tödlichsten überhaupt und wurde in den 1970er und 80er Jahren in der Sowjetunion entwickelt. Die Spuren des Mordversuchs führten nach Russland – dort wies man jegliche Beschuldigungen als „russophobe Attacken“ ab.

Alexej Nawalny  mit seiner Familie. Der Putin-Kritiker befindet sich noch immer in ernstem Zustand.
Foto: Andrew Lubimov, dpa

Gerade ein Nervengift wie Nowitschok sei sehr schwer nachzuweisen, sagt Alena Epifanova, Russlandexpertin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Politik. „Auch im Fall Nawalny steht die Aussage der Ärzte der Charité gegen die Aussage der russischen Ärzte. In den staatlichen russischen Medien wird zudem der Verdacht geschürt, dass die Vergiftung erst in Berlin geschehen sei.“ Aktivist Pjotr Wersilow kam ebenfalls 2018 mit starken Anzeichen für eine Vergiftung in ein Moskauer Krankenhaus. Er wurde einige Tage später bewusstlos in die Berliner Charité ausgeflogen und dort behandelt. Nun hat sich Wersilow dafür eingesetzt, dass auch Nawalny diese Behandlung in Berlin ermöglicht wird. Er selbst wurde damals wahrscheinlich unter anderem wegen seiner Recherche über drei ermordete Journalisten in Afrika angegriffen.

„Niemand soll sich sicher fühlen“

Die Liste der Giftanschläge soll vor allem eines zeigen: „Niemand soll sich sicher fühlen, jeder könnte in eine ähnliche Falle geraten“, so Russlandexpertin Epifanova. Denn während das Gift dem Täter genug Zeit gibt, vom Tatort zu verschwinden, sieht die Familie das Opfer leiden. Doch „nicht nur die Angehörigen sollen dadurch Angst bekommen, sondern auch alle anderen, die Kritik an der russischen Regierung üben“.

Tatsächlich ist diese Machterhaltungsmethode aber nicht nur in Russland bekannt: Im Februar 2017 wurde der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un in Malaysia mit dem chemischen Kampfstoff VX ermordet – ursprünglich galt er als erster Anwärter für die Nachfolge des Vaters.

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