Augsburg Seinen Lebensabend hatte sich Helmut Kohl vermutlich anders vorgestellt. Statt als gefeierter Kanzler der Einheit verließ er die politische Bühne nach der Spendenaffäre als politisch Verwundeter. Selbst den Ehrenvorsitz „seiner“ CDU musste er abgeben. Nun fällt ein weiterer Schatten auf sein Andenken: Nach zwei Buchveröffentlichungen ist ein heftiger Streit entbrannt – um das Leben seiner Frau und um seine Rolle als Ehemann und Familienvater.
Drei Parteien sind beteiligt: Helmut Kohl und seine zweite Frau Maike Richter-Kohl, die das Erbe des Kanzlers verteidigen und am liebsten keinerlei Details aus dem Familienleben in die Öffentlichkeit tragen lassen wollen. Auf der anderen Seite stehen Peter und Walter, die Söhne des Altkanzlers, die ihr schwieriges Verhältnis zum Vater aufarbeiten. Walter Kohl veröffentlichte Anfang 2011 ein Buch, gemeinsam gaben die Brüder am 5. Juli, dem zehnten Todestag Hannelore Kohls, einen Bildband heraus, und sie planen nun einen Film über das Leben ihrer Mutter.
Der dritte Beteiligte ist Journalist Heribert Schwan, der eine Biografie über Hannelore Kohl geschrieben hat. Darin schildert er das von ihren Erlebnissen während und nach dem Zweiten Weltkrieg geprägte Leben Hannelore Kohls, inklusive Andeutungen über eine Vergewaltigung des damals zwölf Jahre alten Mädchens durch russische Soldaten.
Den Altkanzler porträtieren Schwan und Walter Kohl als distanzierten Vater und Ehemann, der seine Karriere vorantrieb und das Familienleben seiner Frau überließ. „Für meinen Vater war und ist die Politik seine eigentliche Heimat. Seine wahre Familie heißt CDU, nicht Kohl“, schreibt Walter Kohl.
Helmut Kohl wehrte sich gegen die Veröffentlichungen. Nachdem Schwans Buch einige Wochen auf dem Markt war, wurde in seinem Namen eine Pressemitteilung verbreitet, die die Enthüllungen anprangert. „Die öffentliche Zurschaustellung und Vermarktung meines Privatlebens durch Dritte empfinde ich als unangemessen“, hieß es. Gemeint sind beide Bücher – sowohl die Biografie über seine Frau als auch das Werk des Sohnes.
Weitere Erklärungen Kohls gibt es nicht. Öffentliche Auftritte absolviert der Altkanzler nur selten, seit er 2008 gestürzt ist und ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat. Sogar den Gedenkfeiern für Hannelore blieb er fern. Wegen der angeschlagenen Gesundheit nehmen alte Vertraute des Kanzlers die Veröffentlichungen übel: „Er kann sich nicht mehr so wehren, wie er es früher gekonnt hätte. Ich finde diese Buchveröffentlichungen sehr unschön“, sagte sein ehemaliger Berater Horst Teltschik dem Spiegel.
Die Autoren sehen keinen Grund, sich für ihre Werke zu entschuldigen. Schwan führt in der Einleitung seines Buches aus, dass es vermutlich der Wunsch Hannelore Kohls gewesen sei, ihre Erinnerungen zu veröffentlichen. Walter Kohl sagte, bei einem Telefonat mit dem Vater, dem ersten seit Jahren, sei sein Buch nur eine Randnotiz gewesen.
Beide vermuten Maike Richter-Kohl als treibende Kraft hinter der Protestnotiz des Altkanzlers. Die Kohl-Söhne bezeichnen das Verhältnis zur neuen Ehefrau ihres Vaters als „schwierig“. Schwan geht in seinem Buch deutlich weiter: „Seit dem Tod von Hannelore Kohl, so die Meinung nicht weniger Beobachter, scheint sie das Ziel zu verfolgen, die Erinnerungen an diese außergewöhnliche Frau auszulöschen.“ Richter-Kohl überwache den Altkanzler, habe die Beziehung zu den Söhnen zerstört und jage alte Vertraute des Altkanzlers wie den langjährigen Fahrer Eckhard Seeber teils brutal davon. Auch Schwan soll brüsk aus dem Umkreis des Altkanzlers verabschiedet worden sein.
Die Abneigung gegen die neue Frau an der Seite des Altkanzlers ist aber auch die einzige Gemeinsamkeit zwischen den Kohl-Brüdern und Heribert Schwan. Walter und Peter Kohl verweigerten ihm die Verwendung von Zitaten aus Gesprächen für die Biografie ihrer Mutter, weil ihnen „seine Herangehensweise und das Fehlen von Quellen an entscheidenden Stellen nicht sehr seriös erschien“, wie Peter Kohl in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte. Zudem übertreibe Schwan seine eigene Bedeutung im Leben von Hannelore Kohl. In einer ZDF-Talkshow bezeichnete Walter Kohl die Veröffentlichung des Inhalts der privaten Unterhaltungen als „inakzeptabel“.
Hannelore Kohls Biograf spricht von Heuchelei
Schwan setzt sich gegen die Vorwürfe der Kohls zur Wehr. Die Kanzlergattin habe ihm bei Spaziergängen vieles anvertraut, das sie sonst niemandem erzählt hatte. Die Söhne ärgere nur, dass sie durch sein Buch die „alleinige Deutungshoheit über ihre Mutter“ verloren hätten.
In einem Gespräch mit der Financial Times Deutschland warf Schwan den Söhnen eine „unredliche, legendenhafte Sicht auf die eigene Familie“ vor. Zudem hätten sie die Mutter in ihren letzten Lebensmonaten im Stich gelassen. Ihre Kritik am Familienleben sei heuchlerisch, weil sie durch ihre Herkunft große Vorteile gehabt hätten. Diese Äußerung überrascht, weil Schwan in seinem Buch schreibt, dass die Kohl-Söhne unter der Distanziertheit und häufigen Abwesenheit des Vaters gelitten hätten.