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Bundestagswahl 2021
26.09.2021

Doch kein Verlierer? Wie es jetzt für Armin Laschet weitergeht

Armin Laschet hat mit der Union ein historisch schlechtes Ergebnis eingefahren.
Foto: Michael Kappeler, dpa

Armin Laschet hat mit der Union ein historisch schlechtes Ergebnis eingefahren. Er könnte am Ende trotzdem als Sieger aus der Bundestagswahl hervorgehen.

Als sich am Wahlsonntag um 17 Uhr die Spitzen von CDU und CSU zusammensetzten, um über die Lage zu beraten, war die Stimmung schon nicht gut. Die letzten Umfragen hatten einen Vorgeschmack auf das geliefert, was um 18 Uhr Wahrheit wurde: Die Union ist nach 16 Jahren in den ersten Hochrechnungen nicht mehr klar stärkste Partei in Deutschland. Sie stellt nach 16 Jahren Angela Merkel womöglich nicht mehr die Kanzlerin beziehungsweise den Kanzler. CDU und CSU werden die nächsten vier Jahre im Bundestag die Oppositionsbank drücken, wenn es schlecht läuft. Vor allem aber: Die Partei steht vor einer schweren Belastungsprobe, womöglich der schwersten der letzten gut 21 Jahre, als Helmut Kohl über die Spendenaffäre stolperte und Merkels unaufhaltsamer Aufstieg begann.

Für Armin Laschet fing der Wahlsonntag schon schlecht an. Der Aachener kam kurz nach 11 Uhr mit seiner Ehefrau Susanne zu seinem Wahllokal in einer städtischen katholischen Grundschule, um seine Stimme abzugeben. Laschet warf seinen Stimmzettel im Blitzlichtgewitter in die Wahlurne – er hatte den Zettel allerdings falsch gefaltet, seine Kreuze (beide CDU natürlich) darauf waren deutlich zu sehen. Die Aufregung war groß, Bundeswahlleiter Georg Thiel reagierte schnell und stellte per Twitter klar: Die Stimme war gültig, eine Wählerbeeinflussung sei nicht erkennbar.

Es ist 16.54 Uhr, als die Frau, die Laschet beerben will, ins Konrad-Adenauer-Haus fährt. Es wird kurz hektisch im Medientross, als Angela Merkel zur CDU-Zentrale kommt. Zwei Minuten später ist sie in dem gläsernen Schiff verschwunden. Die Union hat drinnen überlebensgroß christdemokratische Vierfaltigkeit plakatiert. Adenauer neben Kohl neben Merkel neben Laschet. Kurt Georg Kiesinger und Ludwig Erhard fehlen zwar, aber es ist auch so klar, was gemeint ist. Die Union kann schon lange Kanzler und soll es auch weiter können. Die Frage ist: Reichen die rund 25 Prozent? Ein historisch schlechtes Ergebnis.

„Was mit Armin Laschet wird? Ich weiß es nicht!“, sagte einer aus der Parteispitze unwirsch, kurz nachdem die Sender die ersten Zahlen veröffentlicht hatten. Offiziell wollte sich zu dieser Frage aus Unionsreihen niemand festlegen. Aber inoffiziell herrschte Ratslosigkeit. Denn um die 25 Prozent für die Union sind einerseits ein historisch schlechter Wert für die Konservativen. Anderseits ist das Ergebnis nicht so schlecht, dass es Laschets sofortigen Rauswurf bedeuten würde. Bei einem Wert um die 20 Prozent, da waren sich bei der Union zuletzt alle sicher, hätte Laschet seinen Posten als CDU-Vorsitzender räumen müssen. Auch Fraktionschef hätte er nie und nimmer werden können. Doch so?

Laschet deutete die schlechten Zahlen für sich und seine Partei gekonnt in eine Art Sieg um. Als er um 19 Uhr in das bis dahin verdächtig stille und wegen der Corona-Pandemie auch deutlich dünner als sonst besetzte Konrad-Adenauer-Haus trat, brandete erstmals Jubel auf. Laschet dankte anständig der neben ihm stehenden Angela Merkel und machte dann deutlich, dass er nicht nur die neue Regierung bilden, sondern sie auch als Kanzler anführen will. „Zu dieser Aufgabe bin ich bereit“, rief er aus und band seinen Intimfeind gleich mit ein: „Dafür werde ich jetzt arbeiten. Gemeinsam mit Markus Söder, gemeinsam mit unserem gesamten Team.“

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Kanzler werde der, dem es gelinge, Gegensätze zu befrieden und ein gutes Programm für die nächsten vier Jahre zu entwickeln, sagte der CDU-Chef. Doch ob es Laschet ist, dem das gelingen wird? Der Laschet, der nur langsam in den Wahlkampf startete, der im Flutkatastrophengebiet an der falschen Stelle lachte und auf ultrarechte Kandidaturen wie die des ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen nie eine Antwort hatte? Leicht wird es nicht. Doch Laschet ist auch als Kämpfer bekannt.

Monsignore Heribert August sitzt in Aachen vor dem Fernseher. Er blickt auf den Balken, der bei der Union ziemlich rasch, bei 25 Prozent, stehen geblieben ist.

Der katholische Priester kennt Armin Laschet seit Jahrzehnten. Er hat ihn getraut, er hat seine Kinder getauft. Er ist in diesen Tagen, wenn man so will, ein Laschet-Erklärer. Er gibt ein Interview nach dem anderen. Als Laschet ihn vor Monaten fragte, ob er für den Bundesvorsitz der CDU – und damit wohl auch für das Kanzleramt – kandidieren solle, antwortete August: „Armin, ich kenne dich jetzt seit deinem 16. Lebensjahr. Ich weiß, wie du dich seither für die Partei engagiert hast, da deine Berufung entdeckt hast, in die Politik zu gehen. Wenn man so weit gekommen ist wie du und so ein Vollblutpolitiker ist, mit Herz und Seele, wenn du die Chance hast, dann mach es.“ Und August fügte hinzu: „Werde auch damit fertig, wenn es nicht klappt.“

Könnte sein, dass Laschet das noch muss. Das Rennen um das Kanzleramt ist am frühen Sonntagabend offen. Die SPD lag in den Hochrechnungen meist knapp vorne. Rechnerisch würde es aber auch für ein Jamaika-Bündnis aus Union, Grünen und FDP reichen, um eine Mehrheit zu bilden – und den Kanzler zu stellen. Der Machtkampf hat gerade erst begonnen.

Amtierender Fraktionschef ist Ralph Brinkhaus, er kommt wie Laschet aus dem mächtigen CDU-Landesverband Nordrhein-Westfalen. Brinkhaus ist putscherfahren. 2018 setzte er sich überraschend gegen Volker Kauder durch, ein Coup, mit dem kaum jemand gerechnet hatte. Brinkhaus will den Posten behalten, es wird ein harter Kampf. Dass Laschet einen ähnlichen Vertrauensbeweis bekommt wie 2005 Angela Merkel, scheint jedenfalls sehr unwahrscheinlich. Die damalige CDU-Vorsitzende erzielte mit 98,6 Prozent ihr bestes Ergebnis als Fraktionschefin, obwohl die angestrebte Regierungsmehrheit mit der FDP bei der damaligen Bundestagwahl deutlich verfehlt wurde.

Laschet wird gebraucht, Söder eher nicht

„Wir haben drei Mandate mehr“, murmelte CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak, bevor sich die Mikrofone öffneten und er eines der ersten offiziellen Statements des Abends gab. Es gab da auch Berechnungen, die die SPD leicht vorne sahen. Doch es ist diese möglicherweise auch am Ende der Stimmauszählung hauchdünne Führung, auf die sich die Hoffnungen der Union stützen – und die Hoffnungen von Armin Laschet. Er könnte sich einerseits seinen schärfsten Kritiker Markus Söder vom Hals halten. So lange die Union vorne liegt, und sei es auch noch so knapp, hat der bayerische Ministerpräsident keinen Hebel, um das Unionsgefüge aufzubrechen. Eine Aufkündigung der Fraktionsgemeinschaft, wie sie auf den Berliner Fluren schon diskutiert wurde, ist Schnee von gestern. Söder ist jetzt dazu verdammt, dem Spitzenkandidaten den Weg ins Kanzleramt zu ebnen.

Zumal Laschet gebraucht wird, Söder eher nicht. Denn der Nordrhein-Westfale ist mit dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner gut befreundet. Beide kennen sich lange, beide schätzen sich. Ein großer Vorteil für die anstehenden Sondierungsgespräche, bei denen die Liberalen offenbar das Zünglein an der Waage sein werden. Beide haben, auch wenn sich auf Koalitionen vorher nicht festlegen wollten, immer erklärt, dass sie die größten Schnittmengen zwischen ihren beiden Parteien sehen. Über das Verhältnis zur Grünen-Spitzenkandidatin Annalena Baerbock, die bei der Regierungsbildung ebenfalls ein Wort mitzureden hat, ist wenig bekannt. Schlecht soll es aber nicht sein.

Noch jemand glaubt an Armin Laschet: Claudia Plum kennt Laschet schon aus der Zeit im Aachener Stadtrat. 1989 war das, als Kurt Malangré – der Onkel von Laschets Frau, langjähriger Oberbürgermeister und regionale Unions-Instanz – abgewählt wurde. Gemeinsam hatte man in der Jungen Union Wahlkampf gemacht. Laschet kam in den Rat und es begann eine Laufbahn, die nun – fast, vielleicht – ins Kanzleramt führen könnte. Plum sagt, Laschet sei aufgefallen, weil er Sachen schnell auf den Punkt gebracht habe. Plum weiß allerdings auch, wie es sich anfühlt, nicht mehr gewählt zu werden. Bei der letzten Kommunalwahl schaffte sie es nicht mehr in den Stadtrat. Und sie weiß auch, wie es ist, wenn das ganze Land auf einen blickt, wenn politisch etwas schiefläuft. Sie ist die Schwester von Thomas Kemmerich, dem FDP-Ministerpräsidenten von Thüringen, der mit den Stimmen der AfD gewählt wurde, aber schon nach drei Tagen zurücktrat.

Wegbegleiter zählen weiter auf Laschet

Es ist noch mitten im Wahlkampf, da erzählt Plum bei einem Treffen im Café nahe des Aachener Rathauses, warum Laschet als NRW-Ministerpräsident „geliefert“ habe. Das halbstündige Gespräch soll Zuversicht vermitteln. „Geben Sie nichts auf Umfragen“, sagt Plum. Zusammengefasst glaubt sie, dass es am Ende klappt.

Sechs Wochen später, am Wahlabend, sieht sie sich bestätigt. „Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Schauen wir mal, wo es hingeht.“ Sie sieht Laschet im Vorteil. „Ich vertraue auf seine große Gabe, andere Koalitionäre glänzen lassen zu können.“ Und dass es ein historisch schlechtes Ergebnis ist, stört sie das nicht? „Das Lachen war der Fehler. Das war dumm. Aber er hat dann hinten raus klargemacht, was er kann – und dass er kämpfen kann.“

In Nordrhein-Westfalen findet auch Priester Heribert August, dass Laschet von den Medien im Wahlkampf unfair behandelt worden sei: „Am Schluss blieb bei Armin Laschet immer auch so ein Negativ-Touch, was nicht nötig gewesen wäre, denn er hat auch viel Vernünftiges und Gutes gesagt. Da denke ich, da war ein bisschen Einseitigkeit, die er nicht verdient hat.“

Die Gemengelage, sie war schwierig zu deuten in den ersten Stunden des Wahlabends. Es zeichnete sich aber ab, dass Laschet mindestens eine Entscheidung im Wahlkampf richtig getroffen hatte: Auf ein Rückfahrticket hatte der Aachener schon früh verzichtet.

Dass Laschet – sollte eine Koalition nicht gelingen – aufhört, kann sich Priester August nicht vorstellen, der sei „zäh“ und könne nicht ohne die Politik. „Sollte es wider Erwarten nicht reichen, denke ich, dass er den Oppositionsführer macht. Er ist ein Verehrer von Helmut Kohl und er wird wieder eine Chance suchen, vielleicht doch noch den Sprung ins Kanzleramt zu machen“, sagt August. „Bei ihm ist alles möglich.“

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Die Diskussion ist geschlossen.

27.09.2021

Klarer Verlierer die CDU/CSU mit Laschet; da gibt es nichts zu beschönigen. Der Kandidat Laschet wird vom Wähler nicht als Person mit Führungseigenschaften bewertet- zu leicht befunden. Da drängt sich der Eindruck auf - Weitermachen im Stile Merkels- Abwarten , Probleme wenn möglich aussitzen - Nicht führen, sondern moderieren. Aus Merkels Zeit bleiben als spontane Entscheidungen nur der überstürzte Atomausstieg und die gesellschaftlich umstrittene Flüchtlingsentscheidung aus 2015 übrig. Laschet war einfach für viele CDU/CSU Stammwähler nicht vermittelbar.

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27.09.2021

Aus Merkels Zeit bleibt auch die spontane Entscheidung des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn in der größten Krise mal eine Ausschreibung im open-house-Verfahren ohne Mengenbegrenzung zu probieren. Ergebnis: mindestes 5 Milliarden Euro Schaden für den Bundeshaushalt.
Nicht spontan, aber noch weit größere Schäden: Cum-Ex-Geschäfte und Finanzkrise (ein starker und vorsorgender Staat verbietet seinen Banken das Geschäft mit hochriskanten Papieren).

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27.09.2021

So dumm, ausgerechnet den krachenden Wahlverlierern Laschet/Söder (im weiteren Sinn auch Merkel) ins Kanzleramt zu verhelfen, werden Grüne und "Freikonservative" (Danke, H. Eimiller, für die schöne Wortschöpfung, die ein wenig an etwas Freischwebendes denken lässt) kaum sein . . .

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27.09.2021

Gerne Herr Kr., allerdings bin ich schon etwas älter, ich muss mich nicht mehr der Karriere wegen mit fremden Federn schmücken. (Wörtlich unter https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Viktor_Bredts steht, "Bredt gehörte im Kaiserreich den Freikonservativen an und begründete 1920 die Reichspartei des deutschen Mittelstandes mit, der er auch seit 1931 vorstand."

Dass Laschet immer noch als möglicher Kanzler gehandelt wird, spricht über die fehlende Lernfähigkeit bei der Union Bände. (Aber auch wiederum irgendwie verständlich: Was haben die aktuell Handelnden von einer Union in der Opposition, wo es dort kaum lukrative Posten zu verteilen gibt.)

Und Özdemir (wie Laschet und Röttgen Teil der Pizza-Connection damals in Bonn-Kessenich) zeigte sich gestern gegenüber dem Gedanken einer schwarzgrüngelben Koalition ganz offen. Vermutlich reicht bei den Grünen das Kurzzeitgedächtnis nicht mehr zurück bis zum Fliegenpilz oder dem Bild mit den drei Kothaufen und in der Mitte Annalena Baerbock. Alles Morgengaben der Union an die Grünen für die Wahl von Armin Laschet zum Kanzler ...

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26.09.2021

Die Union hat gute 8 % verloren und liegt hinter der SPD. "Doch kein Verlierer?" kann da nur ein Lange fabulieren...

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