Für viele Restaurants könnte die geplante zweite Schließung im November zu einer Pleite führen.

Corona-Maßnahmen: Unterwegs im Lockdown-Land

Bild: Boris Roessler/dpa

Bayern ist im Lockdown. Wie es im Dezember weitergehen soll, weiß keiner. Nur eines steht fest: Die Stimmung verschlechtert sich.

Wie zwei gegnerische Teams stehen sich am Montag die Rabenvögel gegenüber, links und rechts der Mittellinie. Ihr Krähen ist das einzige Geräusch auf dem Fußballplatz von Lagerlechfeld im Kreis Augsburg, ungestört hacken sie auf den Rasen ein. Niemand ist da, um die Vögel aufzuscheuchen. Und vermutlich wird auch in den nächsten Wochen niemand kommen. Seit Montag sind alle Sportanlagen in Bayern verwaist, Fußball genauso wie jeder andere Teamsport vorerst bis Ende November verboten.

Auf dem Tennis-Sandplatz nebenan liegen Betonklötze. Um die weißen Linien des Spielfelds vor dem Wegfliegen zu schützen? Offensichtlich wurde er schon winterfest gemacht. Man wüsste gerne mehr, kann aber niemanden fragen, denn alle Metalltore zum Sportgelände sind verschlossen. Zugesperrt wie der Großteil des öffentlichen Lebens. Wieder im Lockdown.

Gaststätten, Kinos, Theater, Museen, Kosmetikstudios, Sportplätze eben – alles bleibt zu. Viele hoffen, dass es bei den angekündigten vier Wochen bleibt. Manche beten dafür. Wenigstens das Beten in einer Kirche ist nicht verboten.

Gastronomiebetriebe dürfen in den nächsten vier Wochen lediglich Speisen und Getränke zum Abholen anbieten oder liefern.
Bild: Kira Hofmann, dpa

Corona ist nicht zu entkommen

In Sankt Martin ist gerade der Allerseelengottesdienst zu Ende. Nur wenige kommen aus der Lagerlechfelder Kirche mit dem hohen Glasgiebel heraus, die Kleidung von manch einem so schwarz wie das Gefieder der Raben. Einige zieht es auf den Friedhof – auch Theresia Tomac. Ihre Eltern und ihr Mann sind hier begraben.

Die Frau mit der getönten Brille und dem kurzen braunen Haar holt einen von der Graberde verdreckten Handschuh aus dem Kofferraum ihres Autos. "Ich muss das Laub aus dem Grab rausholen", sagt sie. Am Sonntag, dem Allerheiligen-Tag, hatte sie den Pfarrer während einer kleinen Andacht auf dem Friedhof nur aus der Ferne gesehen. Sicher ist sicher. Wenn es nicht einmal die Tropfen des Weihwassers zu den Gräbern schaffen, tun es ja hoffentlich auch die Aerosole der anderen Friedhofsgänger nicht und infizieren sie.

Der Montag ist also der erste Tag des "Lockdown light" in diesem Corona-November. Wobei das mit dem "light" für manchen wie purer Hohn klingt. Leicht ist die Situation wirklich nicht, für niemanden, auch für den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder nicht, obwohl ihm der Begriff "Lockdown light" so leicht über die Lippen geht.

Am Montag prasseln auf die Menschen auch wieder Schlagzeilen ein, Corona ist nicht zu entkommen: Kanzlerin Angela Merkel wendet sich mit eindringlichen Worten an die Bürger und spricht von einer Kraftanstrengung, einer Bewährungsprobe, einer Naturkatastrophe, die diese Pandemie erfordere oder sei. Und sie spricht von den Regeln, die befolgt werden müssten.

Kanzlerin Angela Merkel wendet sich mit eindringlichen Worten an die Bürger
Bild: Fabrizio Bensch, dpa

"In den ersten Tagen war es ganz schlimm. Er hatte Fieber, konnte nur im Bett liegen."

Ein Vortrag des Berliner Virologen Christian Drosten vom Freitagabend macht die Runde, in dem er das Triage-Verfahren erklärt. Die Entscheidung in Kliniken, welcher Patient bei Überlastung zuerst behandelt wird. Die Bundesregierung habe beschlossen, in die aktuellen Maßnahmen einzutreten, um Triage zu vermeiden, sagt Drosten.

Und dann, um 14.54 Uhr, meldet die Deutsche Presse-Agentur: "Ganz Bayern auf der Corona-Landkarte nun rot." Auch der Landkreis Amberg-Sulzbach in der Oberpfalz habe die Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen überschritten. Die Stadt Augsburg, in der seit Freitagabend verschärfte Schutzmaßnahmen gelten, liegt bei einem Inzidenzwert von 341,3.

Nachrichten, die niemanden kalt lassen, auch Theresia Tomac in Lagerlechfeld nicht. "Normalerweise ist an Allerheiligen hier auf dem Friedhof alles voll", sagt sie. In diesem Jahr sei es anders gewesen. "Gerade die Älteren wollen, glaube ich, nichts riskieren." Sie befürwortet es, dass Kirchen auch in der Pandemie geöffnet bleiben dürfen.

Sie meint ohnehin nicht, dass sich das Virus dort stark verbreite. Wie auch, wenn sich nur ein paar Handvoll Leute auf die Bankreihen verteilen? Jetzt erzählt sie von ihrem Sohn, den Corona erwischt habe. "In den ersten Tagen war es ganz schlimm. Er hatte Fieber, konnte nur im Bett liegen." Die ganze Familie habe in Quarantäne gemusst. Vier Wochen habe sich das hingezogen. Trotzdem habe sie keine Angst, hier auf dem Land.

In ländlichen Gebieten mag es bereits ohne einen Lockdown eher ruhig sein – und mit einem Lockdown noch ein bisschen ruhiger. Und in der Stadt? Ein Baumarkt in Neuburg an der Donau: Durch die Maske kriecht einem dieser unvergleichliche Geruch, bei dem sich Holz, Beton und Leim irgendwo in der Mitte treffen. Kennt jeder, der schon mal einen sperrigen Einkaufswagen von der Garten- in die Technikabteilung manövriert hat. Zumindest das ändert sich wohl nie.

Und während am ersten Tag von Lockdown Nummer zwei die Welt, wie die Deutschen sie kennen, wieder in weite Ferne zu rücken scheint, geht in diesem Baumarkt alles halbwegs seinen gewohnten Gang. Die Mitarbeiter grüßen freundlich.

Einen dritten oder vierten Lockdown könne sie finanziell definitiv nicht mehr mitmachen

Zwei Männer mit schmutzigen Arbeitshosen wühlen sich durchs Messgeräteregal. Ein Familienvater stellt sich auf die Zehenspitzen, um an den Autolack zu kommen. Von einer Hebebühne herab erzählt ein Angestellter: "Die Leute sind jetzt nochmals verstärkt gekommen, um sich einzudecken. Wie im Frühling schon. Wir haben eigentlich keine Probleme." Am Eingang sucht der Markt per Aufsteller nach einem neuen "Verräumer". Deutschland, einig Heimwerkerland.

Diejenigen, die die Bürger mit Hausbedarf für die einsamere Zeit versorgen – Baugeschäfte oder Supermärkte –, scheinen einigermaßen immun gegen das Virus und seine Auswirkungen. Wer den Bürgern hingegen die Freizeit versüßt wie die Kunst- oder Gastroszene leidet an schweren Symptomen.

Wie Ayse Arslan, die am Montag 22 Kilometer weiter östlich, in Ingolstadt, Corona-Inzidenzwert 171, in ihrer Imbissbude steht und auf den Cappuccino-Knopf ihrer Kaffeemaschine drückt. Seit anderthalb Jahren hat sie am Viktualienmarkt einen Stand mit englischen Speisen: Fish and Chips, Hotdogs, dies und das. Neun solcher Hütten zählt "der Viktus", wie man in Ingolstadt sagt, normalerweise. Und dutzende Ingolstädter auf den Bierbänken, die sich zum Ratschen treffen, zum Schafkopfen, zum ersten, zweiten, manchmal vielleicht siebten Bier.

Ayse Arslan hat in Ingolstadt einen Imbiss. Einen weiteren Lockdown könne sie finanziell nicht mitmachen, sagt sie
Bild: Fabian Huber

Inzwischen haben neben Arslans Imbiss nur noch zwei Stände geöffnet. Die Bänke sind verschwunden, der Aufenthalt ist nicht gestattet. "Ich schaue mir zwei, drei Tage an, wie das mit dem To-go-Geschäft läuft. Wenn die Leute es nicht annehmen, mache auch ich zu", sagt sie, roter Hoodie, müde Augen.

Am Vorabend haben sich die Ingolstädter an dieser Stelle in den Lockdown verabschiedet. An einer Bude reiht sich Pizzakarton an abgebrochene Bierflasche an mindestens zwei Dutzend Jägermeister-Fläschchen. "Die Leute wollten nochmals rausgehen und uns Gastronomen unterstützen", sagt Arslan, die selbst Risikopatientin ist. Sie findet: "Natürlich geht es um die Gesundheit der Menschen." Nur: Einen dritten oder vierten Lockdown könne sie finanziell definitiv nicht mehr mitmachen.

"Die Leute wollten nochmal rausgehen und uns Gastronomen unterstützen", sagt Arslan, die selbst Risikopatientin ist. Sie findet: "Natürlich geht es um die Gesundheit der Menschen."
Bild: Fabian Huber

Das Altstadtkino ist ganz zu, die Bahnen im Sportbad leer

Alltagsszenen: Auf dem Theaterplatz philosophieren zwei Männer darüber, wo man denn jetzt noch die Liebe findet, mitten in der Pandemie. Zwei andere haben das offenbar schon länger: eine Hochzeitsgesellschaft vor dem Rathaus, mit alter Mercedes-Limousine, Blechdosen am Heck, einer Braut im cremefarbenen Kleid und einem Bräutigam im königsblauen Anzug.

Beschauliches Empfangskomitee für eine Hochzeit: der Fahrer, die Fotografin, drei Gäste. Passanten schauen ihnen gespannt zu.
Bild: Fabian Huber

Das beschauliche Empfangskomitee: der Fahrer, die Fotografin, drei Gäste. Passanten, die mit Zigarette oder Kaffeebecher nach Möglichkeiten suchen, sich von der Maskenpflicht in der Altstadt zu befreien, schauen ihnen gespannt zu. Vor der Commerzbank-Filiale hat sich derweil eine Schlange gebildet, es gibt eine Einlassbeschränkung. Das Altstadtkino ist ganz zu, die Bahnen im Sportbad leer. Die Betten im Klinikum Ingolstadt füllen sich, die Klopapierreihen im Supermarkt am Münster gehen zur Neige.

Seit 2. November gelten in ganz Deutschland massive Kontaktbeschränkungen. Wir haben Passanten in Ingolstadt gefragt, was sie von den Maßnahmen halten.

Wenn man die Leute fragt, nach Lockdown, Laune und Corona, antworten sie meist: "Keine Zeit." "Keine Lust." "Schon alles gesagt." Eine Frau lässt sich den Satz entlocken: "Wenn der Schmarrn nicht bald aufhört, haben die mehr Leute in der Psychiatrie als wegen Corona." Eine andere sagt: "Es sind gute Maßnahmen. Auch wenn sie keinem gefallen. Aber was soll man machen?" Auch der Bräutigam ist kurz angebunden. "War nur standesamtlich. Mehr geht halt nicht", sagt er.

Im Skylinepark in der Nähe von Türkheim im Unterallgäu geht dagegen überhaupt nichts mehr. Wer auf dem Weg ins Allgäu auf der A96 an dem nach Betreiberangaben größten Freizeitpark Bayerns vorbeifährt, sieht keine Menschen: Niemand hängt mehr kopfüber in der Achterbahn, niemand kreischt im Kettenkarussell "Allgäuflieger" 150 Meter über dem Boden, das Riesenrad steht still. Dabei, so zeigt ein Blick auf die Facebook-Seite des Freizeitparks, hatten die Besucher hier noch Ende Oktober verkleidet Halloween in der Geisterbahn gefeiert. Am Montag: schaurige Leere.

Mit den neuen Maßnahmen ging am ging dann nichts mehr – etwa im Skylinepark.
Bild: Skyline Park (Archiv)

Ein paar Autominuten weiter liegt Bad Wörishofen, einer der bekanntesten Urlaubs- und Kurorte im Unterallgäu. Dort sind die Straßen noch etwas belebter als auf dem flachen Land des Lechfelds. Das Schuhgeschäft am Rande der Innenstadt, der Strickwarenladen: Der Einzelhandel darf weiter geöffnet bleiben – anders als beim ersten, kompletten Lockdown im Frühling. Gespenstisch wird es in den verkehrsberuhigten Seitenstraßen, in denen sich ein Hotel ans andere reiht. Am Kurhotel Hermine ist der Parkplatz leer, nur den Stellplatz hinten rechts belegen ein paar Palmen in Kübeln, beiseitegeschoben wie die Gedanken an den Sommer, in dem Corona fast schon verschwunden zu sein schien. In dem man in den Süden fahren und Freunde treffen konnte.

Der Bahnhof von Bad Wörishofen, einem der bekanntesten Urlaubs- und Kurorte im Unterallgäu. Im Lockdown ist er verwaist.

Auf der anderen Straßenseite steht eine Hoteltür offen – so als würden gleich Gäste mit besonders viel Gepäck anreisen. Stattdessen: alles dunkel, der Putzkübel mitten in der Lobby, auf den Restauranttischen die Reste dessen, was mal eine Deko war.

Eine Querstraße weiter, wieder niemand an der Hotel-Rezeption. Dafür gibt es Parfüms, sie stehen auf dem Tresen, alle zum halben Preis. Die Touristen sind bereits weg, spätestens bis Montagmittag hatten sie Bayern verlassen müssen. Am Vormittag hat die Hotelbesitzerin – sie findet, dass ihr Name nichts zur Sache tut – die letzten Urlauber verabschiedet. "Sie haben noch ein Frühstück bekommen. Wobei ich nicht wusste, ob das erlaubt ist." Was sie sehr wohl weiß: dass eine schwere Zeit beginnt. "Meine Hoffnung ist, dass wir zumindest an Weihnachten aufmachen dürfen."

Weihnachten und Silvester, da sei sie in normalen Jahren ausgebucht, sagt die Frau und setzt sich abgekämpft aufs Treppengeländer. Dabei habe sie ja noch Glück, erzählt sie, weil bei ihr viele Geschäftsreisende übernachten. Und die dürfen das weiterhin. Für den Abend liegen schon drei Zimmerschlüssel auf dem Empfangstisch: für Arbeiter, die an der Zugstrecke München–Lindau arbeiten. Gute Kunden, schon länger.

Dem "Lockdown light" könnten schärfere Maßnahmen folgen

Ingolstadts Altstadt dagegen ist mehr von der Gastronomie und weniger vom Tourismus geprägt. In der Fressmeile, der Dollstraße, wirkt es, als hätte man das Leben vom Kopfsteinpflaster und flussabwärts in die Donau gepustet. Die Restaurants zeugen davon: Im Spanier wischt die Putzfrau noch einmal durch. Der Thailänder hat seinen Laden verrammelt. Und am Fensterplatz beim Türken steht noch ein Schild, so bitter ironisch, dass man nicht darüber schmunzeln kann: "Reserviert." Für wann? Für wie viele? Keiner weiß es.

Am Montag ist noch ein Zitat von Kanzlerin Merkel in sämtlichen Medien: "Es wird am 1. Dezember nicht die Normalität einkehren, wie wir sie vor Corona kannten." Dem "Lockdown light" könnten schärfere Maßnahmen folgen. (mit wida)

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Von Fabian Huber und