Nach der Bombardierung vom 14./15. Februar 1945: Blick vom Rathausturm auf die Ruinen der Dresdener Innenstadt.

Das schwierige Gedenken an die Bombenangriffe auf Dresden 1945

Bild: akg

Alliierte Bomber legten Dresden vor 75 Jahren in Schutt und Asche. Wie die Augenzeugin Hella Müller-Rech das Inferno erlebt hat und wie Wissenschaftlerin Marina Münkler um eine angemessene Form der Trauer ringt.

Viele deutsche Städte wie Hamburg oder Berlin waren Anfang 1945 bereits schwer gezeichnet durch Bombenangriffe. Nicht so Dresden. Natürlich, auch dort gab es Mangel und Verzweiflung, zudem waren viele Flüchtlinge aus dem Osten in der Stadt untergebracht. Doch die berückend schöne Barockstadt mit Zwinger, Semperoper, Frauenkirche und Schloss war weitgehend intakt. Nur zweimal attackierten alliierte Bomber die Stadt, ohne schwere Schäden zu verursachen. So herrschte zum Jahreswechsel 1944/45 eher die Sorge vor der heranrückenden Roten Armee als die Furcht vor einer drohenden Vernichtung aus der Luft.

Die Hoffnung, glimpflich davonzukommen, währte bis zum 13. Februar 1945. Am Nachmittag dieses Faschingsdienstags heulten die Motoren von rund 250 Lancester-Bombern auf. Die Maschinen starteten von verschiedenen britischen Flugplätzen aus. Ihr Ziel: Dresden.

Als der Alarm ausgelöst wurde, wusste Hella Müller-Rech noch nicht, was ihr bevorstand

Als dort am Abend Voralarm ausgelöst wurde, hatte die zwölfjährige Hella keine Vorstellung davon, was sie und ihrer Familie am späten Abend und in der Nacht bevorstehen würde. "Ich lebte mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder zur Miete in einer großzügigen Wohnung in einem Haus aus der Gründerzeit, zusammen mit einem Dienstmädchen und einer Frau, die aus Ostpreußen geflohen war", sagt Hella Müller-Rech und zeigt 75 Jahre nach der Tragödie in ihrer Augsburger Wohnung auf einen alten Stadtplan der weltberühmten sächsischen Großstadt.

In dieser Straße hat Hella Müller-Rech als Kind in Dresden gewohnt. Dort stand das Haus, in dem sie geboren wurde und das nach dem zweiten Bombenangriff auf Dresden abbrannte.
Bild: Lea Thies

Die Familie wohnte damals in einem gediegenen Viertel unweit des Großen Gartens. Die Stadt mit ihren gut 620.000 Einwohnern verfügte über nur wenige große Luftschutzbunker. "Unser Keller war mit Stützbalken aus Holz verstärkt worden. Im Garten hatte mein Vater einen verschließbaren Unterstand zum Schutz gegen Luftangriffe anlegen lassen." Um 22.13 Uhr brach das Inferno los – die erste Welle mit Spreng- und Brandbomben verwandelte weite Teile der Innenstadt in ein Flammenmeer. "Wir mussten ohne den Vater auskommen, der es nicht rechtzeitig nach Hause geschafft hatte. Ich weiß noch, wie eine gehbehinderte Hausbewohnerin, die nicht in den Keller konnte, vor Angst schrie. Das war schrecklich." Die Schäden am Haus blieben zunächst überschaubar.

Mehr als 500 Bomber griffen Dresden an

Doch das sollte sich ändern. Der zweite Angriff hatte noch größere Wucht. Nun warfen über 500 Bomber ihre tödliche Fracht über der Stadt ab. Immerhin war der Vater inzwischen unversehrt zur Familie im Keller gestoßen. Hella Müller-Rech erinnert sich daran, dass die Einschläge immer näher kamen. "Meine Eltern verließen mit mir den Keller in Richtung Bunker. Sie fürchteten, dass wir verschüttet werden würden. Draußen sahen wir, dass unser Haus getroffen war. Oben brannte es bereits lichterloh, im Kinderzimmer wehten die Vorhänge aus den Fenstern heraus. Ein unheimlicher Anblick." Das Geburtshaus Hella Müller-Rechs brannte vollständig aus.

Hella Müller-Rech, im Bild mit einem Foto ihrer Familie aus Dresdner Zeiten, hat die Bombenangriffe überlebt.
Bild: Lea Thies

So und noch viel schlimmer erging es in dieser Nacht vielen tausend Dresdnern. In nur wenigen Stunden wurde aus der stolzen Stadt ein brennendes Ruinenfeld, in dem zwischen 23.000 und 25.000 Menschen den Tod fanden – verschüttet, erschlagen, verbrannt. "Das ganze Viertel stand in Flammen. Überall war es schrecklich heiß. An vielen Stellen brannte der Asphalt. Zuvor aufgestellte Wasserbehälter wurden für viele Menschen zu Todesfallen. Sie sprangen hinein, um Schutz vor dem Feuersturm zu suchen. Doch in manchen Behältern kochte das Wasser bereits", erinnert sich Hella Müller-Rech an die Flucht aus der surreal hell erleuchteten Stadt. Die Familie fand Unterschlupf bei Bekannten außerhalb Dresdens.

Es gibt unzählige Geschichten von Tod, Verlust und Trennung, die in dieser Nacht geschrieben wurden. Einige wenige Schicksale aber nahmen in diesen Stunden eine unverhoffte Wendung. Der Bombenhagel traf auch die Gestapo-Zentrale. Dadurch wurde die Deportation der letzten Dresdner Juden in den fast sicheren Tod verhindert. Unter ihnen war der Literaturwissenschaftler Victor Klemperer: "Wen aber von den etwa 70 Sternträgern diese Nacht verschonte, dem bedeutete sie Errettung, denn im allgemeinen Chaos konnte er der Gestapo entkommen", schrieb er in sein Tagebuch.

Für diejenigen, die in der Stadt ausharrten, ging das Martyrium weiter: Am 14 und 15. Februar folgten zwei Tagesangriffe von B17-Bombern der US Air Force. Die ausgebrannte Frauenkirche fiel am Vormittag vor der letzten Angriffswelle in sich zusammen. Die Ruine des Gotteshauses, aber auch ihr Wiederaufbau und die Wiedereinweihung 2005 wurden zum Symbol der Trauer und des Gedenkens.

Die Ruine der barocken Frauenkirche blieb bis 1993 als Mahnmal unverändert. Dann wurde sie neu aufgebaut.
Bild: dpa

Ein Gedenken allerdings, das immer schwierig und konfliktreich blieb. Die Spannungen, die bis heute anhalten, erlebt die Literaturwissenschaftlerin und Buchautorin Marina Münkler Jahr für Jahr hautnah mit, seitdem sie 2010 ihre Professur an der TU Dresden angetreten hat: "Es hatte sich schon in den Jahren davor hochgeschaukelt. Und zwar dadurch, dass die Neonazis das Gedenken vereinnahmen wollten. Es war wirklich schwierig in dieser Zeit, ein angemessenes Gedenken zu organisieren." Tatsächlich gingen Bilder von Rechtsextremen, die Mahnwachen in Dresden abhielten und mit mehreren tausend Demonstranten aufmarschierten, um die Welt. "Ab 2013 haben wir eigentlich gedacht, es sei uns gelungen, die rechte Instrumentalisierung zu beenden. Doch mit dem Entstehen von Pegida Ende 2014 wurde das wieder intensiver. Das war ein Rückschlag", sagt Münkler.

"Neonazis wollten das

Gedenken vereinnahmen."
Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler

Auch wenn andere Städte, wie Pforzheim, Düren oder Paderborn höhere Opferzahlen und auch einen höheren Grad an Zerstörung als Dresden zu beklagen hatten – Dresden gilt als das Symbol für den Bombenkrieg. Was wiederum nicht zuletzt an der langen Tradition der Instrumentalisierung der Tragödie von "Elbflorenz" liegt, die in der Untergangsphase des Dritten Reiches begann, in der DDR mit einer anderen Klangfarbe fortgeführt wurde und bis heute nachwirkt. Dafür haben rechte Gruppen ein feines Gespür.

"Als der Krieg verloren war, hat Joseph Goebbels von Heroisierung auf Viktimisierung umgestellt. Und die DDR hat das nach dem Krieg teilweise übernommen", erklärt Münkler. Goebbels’ Propagandaministerium frisierte die Opferzahlen. Am Ende war von bis zu 250.000 die Rede. Eine Zahl, die in rechtsextremen Kreisen bis heute kursiert. Doch das ist nach Stand der Wissenschaft eine Null zu viel.

In der DDR wurden die Angriffe britischer und US-Bomber als imperialistische Verbrechen dargestellt. Münkler: "Davon zeugt eine Gedenktafel am Durchgang zum Zwinger, auf der steht, dass Dresden von angloamerikanischen Bomberverbänden zerstört wurde." Eine Einordnung fehlt völlig – ein Hinweis darauf, dass der Krieg gegen die Zivilbevölkerung zuallererst von den Nazis ausgegangen ist. Schon im November 1940 hatte die deutsche Luftwaffe die schutzlose britische Industriestadt Coventry – die mit Dresden heute eine lebendige Städtepartnerschaft unterhält – mit 500 Flugzeugen angegriffen und dabei auch zivile Ziele massiv getroffen.

Professorin Marina Münkler.
Bild: Imago Images

Marina Münkler ist sich sicher, dass dieser einseitige Umgang mit den Ereignissen von 1945 dazu beigetragen habe, dass sich Dresden "sehr stark eine Opferrolle angeeignet" hat, die zu einer "gewissen Spaltung" der Stadt führte.

Wissenschaftlerin Münkler ist sicher: Ein Ziel der Aliierten war der Bahnhof

Arthur Harris, damals Oberbefehlshaber des britischen Bomberkommandos, rechtfertigte sich in einem von ihm unterzeichneten Flugblatt, das bereits im Jahr 1942 über dem Deutschen Reich abgeworfen wurde, für bevorstehende Attacken auf deutsche Städte: "Warum wir das tun? Nicht aus Rachsucht, weil wir Warschau, Rotterdam, Belgrad, London, Plymouth, Coventry nicht vergessen. Wir bombardieren Deutschland, um euch die Fortführung des Krieges unmöglich zu machen."

Marina Münkler ist sich sicher, dass es tatsächlich ein Ziel der alliierten Angriffe auf Dresden gewesen sei, den Bahnhof – ein Knotenpunkt in Richtung Osten – zu treffen, um die Verlegung deutscher Divisionen an die Ostfront zu verhindern. Doch daran, dass die Februar-Angriffe ein "Kriegsverbrechen" waren, hegt sie keinen Zweifel: "Nach dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs von 1998 ist eine Kombination aus Sprengbomben und Brandbomben, aber auch das Zielen auf die Innenstadt, das heißt ein Angriff auf die Zivilbevölkerung, als Kriegsverbrechen zu werten."

Immer weniger Zeitzeugen haben die Bombardierung von Dresden erlebt

In nur wenigen Jahren wird es kaum noch Zeitzeugen geben. Für Münkler ist es deshalb höchste Zeit, nun "selber am Erinnern und an unserer Fähigkeit zur Empathie zu arbeiten. Und da stehen natürlich in Dresden am 13. Februar die Opfer des Angriffs im Vordergrund. Doch das heißt nicht, dass wir nicht auch der anderen Opfer mitgedenken."

Eines beklagt die Wissenschaftlerin, die 1960 in Bad Nauheim geboren wurde, allerdings heftig: "Es gibt Kreise, die das Gedenken an die Schoah ausradieren wollen. Das müssen wir unbedingt verhindern. Denn so wird Geschichtsvergessenheit Tür und Tor geöffnet." Also wird Marina Münkler am Donnerstag dabei sein, wenn sich die Menschen im Zentrum von Dresden um 18 Uhr die Hände reichen: "Man darf den Neonazis das Gedenken nicht überlassen."

Hella Müller-Rech gelangte mit ihrer Familie über mehrere Stationen zunächst nach Oldenburg in Niedersachsen, dann ins oberbayerische Schrobenhausen. Heute lebt sie in Augsburg. Mit ihren Eltern habe sie nie so richtig über die Bombennacht und den insbesondere für die Mutter sehr schmerzhaften Abschied von Dresden geredet. "Jeder hatte ja nach dem Krieg mit sich selber zu tun." Denkt sie heute noch an die Bombennacht? "Mal mehr, mal weniger. Aber ich mache bis heute zu Hause keine Kerzen an und würde auch nie einen Kamin anzünden." Hella Müller-Rech hat mit eigenen Augen gesehen, was Feuer anrichten kann.

Lesen Sie dazu auch unsere Multimedia-Geschichte zur Augsburger Bombennacht 1944.

Das schwierige Gedenken an die Bombenangriffe auf Dresden 1945