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Buch "Becoming"

19.11.2018

Die Hoffnung der USA heißt Michelle Obama

Michelle Obama plaudert über Privates und Politisches. Zehntausende kommen derzeit zu ihren Auftritten.
Bild: Jose Luis Magana, dpa

Sie schreibt in ihrem Buch über künstliche Befruchtung, Eheprobleme und rechnet mit Trump ab. Dafür wird Michelle Obama auf ihrer Lesereise gefeiert wie ein Popstar.

Das freundliche Geplauder auf der hundert Meter entfernten Bühne läuft schon fast anderthalb Stunden, als es Toni Harper plötzlich von ihrem Sitz K14 reißt – ganz oben auf dem vierten Rang der riesigen Eishockey-Arena. Michelle Obama hat gerade über das „vergiftete politische Klima“ in den USA gesprochen, das ihren Mann durchaus zu heftigen Gegenreaktionen reize, dann aber eingewandt: „Präsident ist man nicht für sein eigenes Ego.“ Da klatscht Harper, eine 47-jährige Afroamerikanerin aus Washington. Wie die frühere First Lady ist sie überzeugt: „Wir dürfen uns von denen nicht herunterziehen lassen!“

Tatsächlich springt das Publikum kurz darauf unter Kreischen und Jubel in die Luft. Von ihrem Sitz im Olymp der 20000-Plätze-Halle kann Harper zunächst gar nicht erkennen, was passiert: Unerwartet ist Barack Obama mit offenem Hemd und federndem Schritt aus der Kulisse getreten, hat seiner Frau einen Strauß rosafarbene Rosen überreicht und sich dann locker auf die Lehne ihres blauen Sessels gehockt. „Was sie sagt, macht viel Sinn“, versichert der Ex-Präsident nun. Mit einem unnachahmlich spitzbübischen Lächeln setzt er hinzu: „Nur einiges würde ich korrigieren.“

Die teuersten Eintrittskarten für Michelle Obama kosten 3000 Dollar

Spätestens zu diesem Zeitpunkt haben sich die 200 Dollar ausgezahlt, die viele Besucher auf den günstigen Plätzen für ihre Eintrittskarte bezahlt haben. In den ersten Reihen waren bis zu 3000 Dollar fällig. Das sind astronomische Preise für eine Veranstaltung, die eigentlich einzig der Vermarktung eines Buches dienen soll.

„Becoming – Meine Geschichte“ heißen die Memoiren von Michelle Obama, die sie auf einer Lese-Tour der Superlative vorstellt. Elf Mega-Stadien quer durchs Land sind so gut wie ausgebucht. Der Schwarzmarkt blüht. Unterstützt wird die Werbekampagne durch akkurat inszenierte Auftritte der früheren First Lady in Talkshows und Podiumsdiskussionen sowie Personality-Storys in Hochglanzmagazinen. 1,8 Millionen Exemplare hat der Verlag für die USA gedruckt, fast die Hälfte war am ersten Tag verkauft.

Doch es geht um viel mehr als einen neuen Bestseller. Das Publikum in Washington besteht zum überwiegenden Teil aus Frauen, und viele von ihnen sind schwarz wie Harper. „Ich bin ein echter Michelle-Fan“, schwärmt die Frau mit den Rastazöpfen. Unter ihrem Sakko trägt sie ein T-Shirt mit dem Konterfei ihres Idols. „Sie ist für mich ein Vorbild“, sagt die Anwältin.

Auch das ist Teil ihrer Geschichte: Der Aufstieg der kleinen Michelle Robinson zur erfolgreichen Juristin.
Bild: Jose Luis Magana, dpa

Viele hier empfinden das ähnlich: Eine schwarze Frau, die sich mit Zähigkeit und Fleiß aus einfachen Verhältnissen ihren Weg an die weißen Elite-Universitäten Princeton und Harvard gebahnt hat, mit 25 Jahren als Anwältin einer Top-Kanzlei arbeitete, dann einen ebenso coolen wie klugen Jurastudenten kennenlernte, mit ihm zwei Kinder zur Welt brachte und trotz der Ausnahmekarriere ihres Mannes stets ihr eigenes Profil behielt – das scheint ihnen das perfekte Rollenmuster zu liefern. Seitdem Michelle Obama auch noch singend und scherzend im Karaoke-Taxi des TV-Komikers James Corden durch Washington glitt, ist sie für das moderne Amerika definitiv ein Popstar.

Barack Obama kommt nur, um den Teppich für seine Frau auszurollen

So geht es an diesem Abend nicht um Barack Obama, jenen Jurastudenten, der Michelle Robinson vor 29 Jahren mit seiner selbstsicheren Lockerheit und seinem kräftigen Bariton beeindruckte. Der Ex-Präsident ist nur in die Eishockey-Arena gekommen, um den Teppich für seine Frau auszurollen, die stets ihre eigene Agenda gehabt habe. „Ich dachte, sie ist wirklich groß“, schildert Obama offen seinen ersten Eindruck der 1,80 Meter großen Michelle: „Und diese Beine – sehr eindrucksvoll!“ Was anderswo schrillen Sexismus-Alarm auslösen würde, ist Teil eines augenzwinkernd-offenen Rollenspiels zwischen dem prominenten Paar, das vom Publikum mit Jubel quittiert wird, zumal Barack Obama bald hinzufügt: „Ich wusste, dass sie mich herausfordern würde. Ich wollte jemanden, der sagt, wenn ich im Unrecht bin. Und, Mannomann, das hat sie getan.“

Wie Michelle zu dieser Frau wurde und sich an der Seite eines überragenden Mannes behauptete – das schildert sie in ihrem Buch. Dass sie dort auch von einer Fehlgeburt und den künstlichen Befruchtungen berichtet, mit deren Hilfe ihre Töchter Sasha und Malia gezeugt wurden, hat der Verlag Crown geschäftstüchtig schon vor der Veröffentlichung am vergangenen Dienstag hinausposaunt. Dazu gibt es Fotos von der Einschulung der kleinen Michelle, die im unterprivilegierten Süden Chicagos aufgewachsen ist, inmitten weißer Kinder. Sie schreibt über ihren an multipler Sklerose leidenden Vater, der mit 55 Jahren starb, und die Schwierigkeiten, später die eigene Karriere und die Familie miteinander zu versöhnen. Bei den Obamas führte das zeitweise zu einer Ehekrise, die sie auch dank Paarberatung überstanden: „Ich wusste, wenn ich mich nicht selbst organisiere, wird dieser Tornado mich hinweg reißen“, räumt sie ein. Vielen Frauen im Publikum kommt das bekannt vor. „Yeah!“, kommentieren Zuhörerinnen.

Verstehen lässt sich der Michelle-Hype nur angesichts von Donald Trump

Das alles ist sehr beeindruckend. Aber vollkommen verstehen lässt sich die ganze Wucht des Michelle-Hypes, der die USA gerade erfasst, nur vor der Folie der Trump-Präsidentschaft. Gerade mal anderthalb Kilometer trennen die Capitol One Arena, in der Michelle Obama das Publikum mitreißt, vom Weißen Haus, in dem jetzt ein polternder weißer Rassist regiert. Der Kontrast zwischen dessen angst- und wutgetriebener Politik und dem idealistischen Fortschrittsglauben seines Vorgängers könnte nicht größer sein. Michelle Obama erwähnt Donald Trump an diesem Abend mit keinem Wort. In dem Buch nennt sie ihn einen „Rüpel“ und „Frauenhasser“. Und sie nimmt Bezug auf dessen Anschuldigungen, Barack Obama sei gar kein amerikanischer Staatsbürger. „Donald Trump hat mit seinen rücksichtslosen Unterstellungen meine ganze Familie einem Sicherheitsrisiko ausgesetzt“, schreibt sie. Das werde ich ihm nie verzeihen.“

Auch der Gegensatz zwischen der früheren und der amtierenden First Lady ist augenscheinlich. Hier eine selbstbewusste Harvard-Absolventin, die humorvoll und lebensklug ihren Werdegang berichtet – dort ein Ex-Model, das einen narzisstischen Milliardär geheiratet hat und sich mit einer mysteriösen Aura des Schweigens umgibt, wenn sie nicht gerade unliebsame Mitarbeiter feuern lässt. Unvorstellbar, dass Melania Trump lachend und ohne Anzüglichkeit in der Öffentlichkeit erzählen könnte, wie sie ihre eigene Unterwäsche in dem vom Personal beherrschten Weißen Haus nicht finden kann. Und ebenso unvorstellbar ist es, dass Michelle Obama, die mit ihrem Mann vor der Hochzeit in einem mit Menschen und Hühnern überladenen Regionalzug quer durch Kenia zu dessen Großmutter reiste, in Afrika im Kolonialkostüm posieren würde.

Je länger man Michelle Obama zuhört, desto erschreckender scheint, wie sich die USA in zwei Jahren verdunkelt haben. Umso leuchtender strahlt das Konterfei der „Präsidentin der Herzen“ von den riesigen Videotafeln. Längst ist die 54-Jährige zur Projektionsfläche für die Träume und Hoffnungen vieler Amerikaner geworden, die sich von den dumpfen Ressentiments und den aggressiven Attacken des amtierenden Präsidenten abgestoßen, beleidigt und angewidert fühlen.

Eigentlich sollte das die Stunde der Opposition sein. Doch die demokratische Partei scheint vor allem mit sich selbst beschäftigt, und eine charismatische Führungsfigur ist nicht in Sicht. Jenseits von Trump klafft ein riesiges Vakuum. Und dort genau tritt nun Michelle Obama auf. Ihre Tour wird auch deshalb so gefeiert, weil sie in ihren Memoiren die Sehnsucht des US-Bildungsbürgertums bedient.

Michelle Obama: Alles ist perfekt inszeniert und bewusst komponiert

Bei genauem Hinsehen freilich ist auch die Hauptfigur der perfekt inszenierten Lesereise nicht frei von Widersprüchen. Ein wenig zu perfekt wirken ihre strahlend weiße Bluse, der wirbelnde Faltenrock und die schwarze Dior-Korsage auf dem Cover des Hochglanzmagazins Elle. Für ihre Memoiren streicht Obama einen zweistelligen Millionenbetrag ein. Und bei aller Offenheit wirken ihre Erzählungen doch sehr bewusst komponiert und letztlich stets kontrolliert.

Gleichzeitig zeigt die frühere First Lady kein Interesse, aktiv in die Politik einzugreifen. Im Gegenteil: Überdeutlich hadert sie mit der langen Abwesenheit ihres Mannes während der Sitzungswochen, fühlt sich abgestoßen von den Angriffen der Presse und der gegnerischen Partei und äußert ihr Befremden über Wahlkampfrituale. „Ich habe nie die Faszination begriffen, am Samstag in einer Sporthalle zu stehen und luftigen Versprechen und Plattitüden zuzuhören.“ Damit ist Michelle Obama ganz nahe bei ihren Lesern – und lässt sie doch alleine. „Ich bin kein politischer Mensch“, wiegelt sie ab. Und für alle, die es noch nicht begriffen haben, erklärt die vermeintliche Hoffnungsträgerin auf Seite 419 ausdrücklich: „Ich habe nicht die Absicht, mich jemals für ein politisches Amt zu bewerben.“

So lässt der Abend die Besucher freudig belebt, aber irgendwie auch ratlos zurück. Michelle Obama hat in der Arena eine unterhaltsame Mischung aus anrührender Liebesgeschichte, beeindruckendem Selbstfindungsvortrag und emanzipatorischem Motivationstraining geboten. Aber wie es draußen in Trumpland weitergehen soll, bleibt offen.

Toni Harper hat sich an diesem Abend in Washington Michelle Obamas Buch gekauft. Sie wird es verschlingen, sagt die 47-Jährige. Auf ihrem T-Shirt steht „Michelle 2020“. Das ist das Jahr der nächsten Präsidentschaftswahl. „Ich hoffe, dass sie es sich noch einmal überlegt“, sagt Harper.

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